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„…die Politik fürchtet sich immer noch vor der medialen Macht der Kirche“

„…die Politik fürchtet sich immer noch vor der medialen Macht der Kirche“

 

Am 27. Juni weiht die Homosexuellen Initiative Linz ihr neues Zentrum mit einem großen Straßenfest ein. Es ist das erste Gebäude europaweit, welches von einer Stadt einer Lesben und Schwulen Vereinigung zur Verfügung gestellt wird.

subtext.at: Was sind die Aufgabengebiete der Homosexuellen Initiative Linz?
Die Zielsetzungen der HOSI Linz sind die gesetzliche und faktische Gleichbehandlung von Homo-, Bi- und Heterosexuellen, die Akzeptanz von Homosexualität, sowie die Integration von Schwulen und Lesben in die Gesellschaft. Um dieses Ziel zu erreichen setzen wir unseren Fokus auf Aufklärungsarbeit. Wir bieten professionelle Beratung an, halten in Schulen Workshops zum Thema Homosexualität ab und bieten ein breites Spektrum an Freizeitangeboten an – z.B. eine Jugendgruppe, diverse Stammtische, ein Sommercamp, eine Wintersportwoche und vieles mehr.

subtext.at: Was bedeutet das neue Zentrum für den Verein?
Das neue HOSI Zentrum ermöglicht uns die Aufklärungsarbeit zu professionalisieren und ein interessanteres Kulturangebot für Schwule und Lesben zu gestalten. Mit dem neuen Zentrum setzt die Stadt Linz ein eindeutiges Zeichen für eine offenere und tolerantere Gesellschaft.

subtext.at: Wie kam es zur Gründung der Initiative?
Die HOSI Linz entstand 1982/83 nach den Homosexuellen Initiativen Wien (österreichische Erstgründung 1980) und Salzburg. Bedenklich stimmt die lange Zeit, die nach der Aufhebung des Totalverbots homosexueller Handlungen (1972) erst vergehen musste, bis er zur Gründung einer Interessenorganisation für Lesben und Schwule kam; immerhin herrschte ja bis 1996 das strafgesetzliche Vereins- und Werbeverbot.

subtext.at: Welche Angebote wird es in dem neuen Haus geben?
Das HOSI Zentrum soll ein Platz der Begegnung werden. Die neuen Räumlichkeiten, wie z.B. der Veranstaltungssaal, der Partykeller oder das Café Julius bieten zukünftig Platz für neue Veranstaltungen wie z.B. Konzerte, Diskussionsrunden, Kinoabende, Partys, etc. Unsere Räumlichkeiten werden aber auch für andere Vereine, Organisationen und Firmen zur Verfügung stehen und können in Zukunft kostengünstig gemietet werden.

subtext.at: Wäre es auch zu dem HOSI Haus gekommen, wenn Linz 2009 nicht Kulturhauptstadt geworden wäre?
Auch ohne Linz09 hätte die Stadt uns dieses Haus zur Verfügung gestellt.

subtext.at:
Welche Wünsche hättet ihr noch an die Stadt Linz bzw. an das Land Oberösterreich?
Ausreichende und abgesicherte finanzielle Unterstützung um dieses Haus auch mit Leben zu erfüllen. Veranstaltungen kosten Geld, das ja ohnehin wieder der Allgemeinheit zu Gute kommt.

subtext.at: Am 27.6. bzw. 28.6. wird ebenfalls der Christopher Street Day gefeiert. Wofür würde es sich lohnen, heute auf die Straße zu gehen?
Gegen Vorurteile jeder Art, gegen Diskriminierung, gegen Rechtspopulismus und Volksverhetzung, für das uneingeschränkte Recht auf Abtreibung, für freie Liebe und für die Trennung von Kirche und Staat.

subtext.at: Die aktuelle Regierung hat sich in ihrem Programm vorgenommen, eine Arbeitsgruppe zur „Schaffung eines Partnerschaftsgesetzes zur rechtlichen Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften“ einzusetzen – geschehen ist bisher dazu relativ wenig. Darf vor der Sommerpause des Parlaments diesbezüglich noch etwas erwartet werden?
Nein. Bestenfalls bis Jahresende. Und dann nichts Gescheites. Wir warten gerne noch ein paar Jahre, wenn es dadurch zu einer ordentlichen Lösung kommt.

subtext.at: Die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften scheint international auf dem Vormarsch ist. Weshalb tut sich Österreich so schwer?
Weil das Thema in Österreich ideologisch besetzt wird und die Politik in Österreich noch nie sehr mutig war und weil sie in Zeiten des Populismus noch zaghafter und zögerlicher wird.

subtext.at:
Haben Aussagen wie die des verhinderten Linzer Weihbischofs Wagner noch Einfluss auf die Bevölkerung bzw. den Gesetzgeber?
Die Kirche hat auf die Bevölkerung sicher nicht mehr so viel Einfluss – die Politik hingegen fürchtet sich immer noch vor der medialen Macht der Kirche.

subtext.at: Seit dem ersten Jänner sind in Ungarn eingetragene Partnerschaften Realität und in allen Belangen Ehen von heterosexuellen Paaren gleichgestellt – mit einer großen Ausnahme: die Adoption von Kindern ist nicht gestattet. Wie steht ihr dazu?
Die HOSI Linz fordert seit je her die Zulassung zur Adoption und zur Pflegeelternschaft, aber auch die künstliche Insemination für lesbische Paare.

subtext.at:
Die Vorstellung, ein Kind könne in einer homosexuellen Partnerschaft genauso gut erzogen werden wie in einer heterosexuellen Partnerschaft, ist nicht weit verbreitet. Weshalb?
Zum einen glauben das gar nicht so viele Menschen und zum anderen ist es ein aus politischem Kalkül und ideologischen Vorbehalten geschürtes Vorurteil, vor dessen Diskussion manche PolitikerInnen wider besseres Wissen Angst haben.

Links & Webtips:

Foto: HOSI Linz


Anmerkung der Redaktion: aus Termingründen mussten wir dieses Gespräch in Form eines eMail-Interviews abhalten.

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