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„Es fehlt definitiv eine „Krone“ von jungen Menschen für junge Menschen“

„Es fehlt definitiv eine „Krone“ von jungen Menschen für junge Menschen“

 

János Fehérváry, Chefredakteur von CHiLLi.cc, legt mit dem 15. Oktober die Leitung des Jugendmediums zurück. Im ersten Teil des Interviews mit subtext.at sprach er über die Anfänge des journalistischen Produkts, Unabhängigkeit im Kontext marktwirtschaftlicher Prinzipien und Redakteure, die schreiben, was sie wollen.>> „Scharf sein, Tabus brechen, und wenn wo der Hut brennt, dann einfach angreifen“ – zum zweiten Teil des Interviews mit János Fehérváry

subtext.at: Zehn Jahre CHiLLi.cc – womit hat alles angefangen?
Der Grund, CHiLLi.cc zu machen, war der, ein Jugendmedium zu schaffen, das sich von anderen Medien abhebt. Wir wollten ein Pendant zu Bravo und Rennbahnexpress schaffen und guten Journalismus betreiben. Außerdem wollten wir ein Medium von Jugendlichen für Jugendliche machen. Der Journalismus, der vorgibt, Jugendjournalismus zu sein, wird bei etablierten Medien von 40-jährigen Redakteuren gemacht – das haben wir als nicht authentisch empfunden.

subtext.at: Wie sah die Medienszene vor zehn Jahren aus?
Die Medienszene bestand Ende der neunziger Jahre aus ORF1 und ORF2. Es kamen gerade die ersten Privatradios auf, viel später erst das Privatfernsehen. Im Printsektor hat es zusätzlich noch die etablierten Medien gegeben – aber mir war das, was in Österreich geboten wurde, einfach zu wenig und zu gleichgeschaltet. Es war die Enttäuschung über die Medienlandschaft, die uns dazu motiviert hat, tatsächlich die Ärmel hochzukrempeln und viele harte Jahre lang durchzubeißen.

subtext.at: Beim Tag der freien Medien des österreichischen Medienverbands betonte ein Vertreter von „Datum“, dass die Medienszene momentan so lebendig ist wie noch nie. Teilen sie diese Meinung?
Wenn ich zehn Jahre zurück blicke, dann haben wir, zumindest was das angeht, einen Traumzustand in unserer Gesellschaft erreicht – es wäre aber auch traurig, wenn es keine Weiterentwicklung gegeben hätte. Es hat auf jeden Fall etwas damit etwas zu tun, dass Medien machen viel einfacher geworden ist. Siehe Internet – man braucht nur etwas Know-how und kann publizieren.

Große Anerkennung ist auch der FH-Journalismus in Wien zuzurechnen, die viel in Richtung Qualitätsjournalismus getan und auch viele Menschen dazu bewogen hat, zu Medien wie „Datum“ oder auch CHiLLi.cc zu gehen. Was natürlich auch wieder bedeutet, dass der Konkurrenzkampf innerhalb dieser Medien größer wurde.

subtext.at: Jugendmedien kommen und gehen. Wie konnte CHiLLi.cc so lange überleben?
Ohne übertreiben zu wollen: aber die Sache hat sicher deshalb funktioniert, weil ich die treibende Kraft war und die Leute und das Projekt zusammengehalten habe – nicht nur organisatorisch, sondern auch finanziell. Ich habe erst kürzlich nachgerechnet: in den letzten zehn Jahren habe ich rund 300.000 Euro aus meinem Privatkapital in CHiLLi.cc gesteckt. Das sind mehrere Kleinwägen – und ich fahre nach wie vor kein Auto.

Das Problem war, dass immer, wenn ich aufhören wollte, alles zusammengebrochen ist. Früher hat es auch nicht diese Traumsituation wie die Rahmenbedingungen, die uns jetzt von der Presse zur Verfügung gestellt werden, gegeben. Früher habe ich die Rahmenbedingungen selbst zur Verfügung gestellt, in dem ich, neben meiner CHiLLi.cc Tätigkeit, vier Jahre lang in der Nacht gearbeitet und die Hälfte meines Gehaltes wieder in das Projekt gesteckt habe.

subtext.at: Rahmenbedingungen, die auch von der öffentlichen Hand kommen könnten. Wie stehen sie zum Thema Förderungen, was würden sie sich auf politischer Ebene wünschen?
Ich spreche jetzt für mich und nicht für CHiLLi.cc und die zukünftige Führungsebene. Das Prinzip, nach dem wir in den letzten zehn Jahren gearbeitet haben, war ein marktwirtschaftliches. Wir haben absichtlich keine Förderungen in Anspruch genommen, da wir mit den anderen Medien auf gleichem Niveau konkurrieren und uns am Markt beweisen wollten.

Darüber hinaus haben wir bei anderen Medien – nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, weil wir mit der dortigen Jugendpresse gut vernetzt waren – sehr intensiv mitbekommen, dass staatliche Förderung immer mit politischem Einfluss zu tun hat. Ein Beispiel dafür wäre der Wiener Sender Okto: das ist zwar ein Projekt der Stadt Wien, der Inhalt ist aber rot und grün. Ich glaube nicht, dass dort eine gesunde und freie Redaktion arbeitet, die sich selbst an marktwirtschaftlichen Kriterien misst. Wenn man auf dem freien Markt bestehen muss, dann ist das gleich ein ganz anderes Arbeiten.

Das ist eher ein kommunistischer Zugang , diese Meiden produzieren teilweise nur für sich selbst. Der privatwirtschaftliche Zugang ist: ich mache Medien für meinen Gott „Leser“ – und wenn mein Gott mich nicht will, dann kann ich keine Umsätze lukrieren.

subtext.at: Was ist die Funktion eines Jugendmediums?
Eine ganz wichtige Aufgabe ist es, jungen Menschen die Möglichkeit zum Publizieren zu geben. Es ist auch die Aufgabe eines Jugendmediums, Inhalte so zu vermitteln, dass sie von der Jugend angenommen werden. Ich glaube, dass vor allem politische Inhalte eher aufgenommen werden, wenn sie vorher von jungen Journalisten aufgearbeitet wurden Wenn ein 22-Jähriger einen Politiker interviewt, dann ist das etwas anderes, als wenn ein Presse-Print-Fuzi zum Politiker geht und ein Worthülseninterview abfeuert.

Und auch wenn „Anwaltschaft“ sehr nach Kronenzeitung klingt – ein funktionierendes Jugendmedium muss die Interessen von jungen Menschen behandeln, weil diese in der Öffentlichkeit noch immer nicht so gehört werden, wie sie sollten.

subtext.at: Steht die Idee einer unabhängigen Anwaltschaft nicht in Widerspruch zur marktwirtschaftlichen Ausrichtung von CHiLLi.cc?
Nein, nicht wenn man es gut betreibt und wirklich die Anwaltschaft der Jugendlichen übernimmt. Wenn man nicht nur FM4 Hörer oder Bobo-FM5 Leser sondern auch Bäckerlehrlinge aus Favoriten oder normale Bauern anspricht, wenn man eine breite Schicht und nicht nur die Hochgebildeten für sein Medium gewinnen kann, dann bekommt man auch viele Zugriffe auf die Website und die Möglichkeit, auf dem Werbemarkt Umsätze zu machen. Ich neige sogar dazu zu sagen, dass man als Jugendmedium Kampagnen-Journalismus für junge Menschen machen muss. Es fehlt definitiv eine „Krone“ von jungen Menschen für junge Menschen. Ich glaube, dass man mit ein bisschen Investition in diesem Bereich etwas funktionierendes aufbauen kann.

subtext.at: Hat CHiLLi.cc in den letzten Jahren nicht bewiesen, dass etwas derartig funktionieren kann?
Nein, ich glaub nicht, dass CHiLLi.cc das bewiesen hat. Wir schreiben nach wie vor viel zu „gescheit“, wir sind noch immer viel zu wichtigtuerisch. Rein das Produkt CHiLLi.cc hat meinen Wünschen noch nicht entsprochen.

subtext.at: Wie hätte ihr Wunsch-Produkt ausgesehen?
Ich hätte gerne etwas mit der Schlagkraft und der Leserschaft der Kronenzeitung produziert, auch wenn man da sehr ins boulevardeske gehen muss. Vor dem würde ich mich aber auch nicht verwehren, man kann Boulevard auch gut machen.

subtext.at: Weshalb hat CHiLLi.cc diese Richtung bisher nicht eingeschlagen?
Weil wir mit Ehrenamtlichen arbeiten – und die schreiben das, was sie schreiben wollen. Der Großteil unserer Mitarbeiter sind Studierende, die eher aus dem linken Milieu kommen und gerne „gescheite“ Geschichten produzieren – aber sich nicht wirklich dazu herablassen, tatsächliche Probleme überhaupt zu erkennen und zu behandeln.

>> „Scharf sein, Tabus brechen, und wenn wo der Hut brennt, dann einfach angreifen“ – zum zweiten Teil des Interviews mit János Fehérváry

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Foto: Daniel Friesenecker

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