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Eigentlich könnte mir nichts mehr egal sein als die derzeit stattfindende WM. Zumindest aus sportlichen Gesichtspunkten. Doch bereits nach wenigen Tagen hat sich statt den Spielergebnissen ein unscheinbares Plastikinstrument in die mediale Aufmerksamkeit gedrängt.

Anderen Leuten beim Sport zuzusehen ist für mich noch langweiliger als ihn selbst zu machen. Ich kann mich da nicht hineinsteigern, weder aus fehlgeleitetem Nationalstolz noch aus Bewunderung für Männer, die oft als einzige Begabung dieser nonverbalen Ausdrucksform irgendwelchen tiefgreifenden Bedürfnissen fröhnen und einem kleinen Ball nachjagen. Doch da mein TV-Konsum ohnhin sehr gering ist, ich bei Tageszeitungen den Sportteil nicht mal durchblättere und man Radio auch durch CDs ersetzten kann wäre das ganze wohl so spurlos an mir vorübergegangen wie auch jedes andere sportliche Ereignis, wäre mir da nicht plötzlich ein Wort ins Auge gestochen, das irgendwie meine Neugier weckte.Vuvuzela.

Schon nach nur einem Spieltag kam man diesem Wort nicht mehr aus. Die unscheinbare Plästiktröte, ein Marketinggag, der aus falsch verstandenem Respekt vor der afrikanischen Kultur gegen den Willen vieler von FIFA-Präsident Blatter in den Stadien erlaubt wurde, erhitzt die Gemüter.TV-Zuseher hassen dieses gleichförmige Gebrumme, Spieler und Sportler sind sich uneins, ob sie sich gestört oder angefeuert fühlen, und Kommentatoren müssen auf Spezialmikrofone umstellen, um überhaupt das Spiel live kommentieren zu können. Schon nach zwei Tagen waren erste Vuvuzela-Filter auf dem Markt. Von einfachen Ohrenstöpseln im Stadion über spezielle Software, die den Ton des TV-Signasl filtert, bis hin zu 45-Minuten-mp3s, die das Surren mit Gegenschall lindern sollen.Das Geschäfft rund um das 130 Dezibel laute Instrument brummt.

Doch ich gebe zu: „Ich liebe die Vuvuzelas!“

Für mich hört sich ein Spiel der WM2010 an wie jedes andre Spiel auch. Vielleicht ein bisschen mehr wie ein Autorennen, aber auf jeden Fall nervig. Und die nun entfachte Diskussion könnte ja dazu führen, dass Fußballfans einmal merken, was mit der Dauerbeschallung der Gesamtbevölkerung angetan wird. In jedem noch so kleinen Kaffee brüllt der Fernseher in voller Lautstärke, in jeder Bar gibt es spezielle Fußballpartys und selbst Imbisstände beschallen die Fußgängerzonen. Die Dauerpräsenz des Stadionsounds stört gewaltig, und zwar dank Vuvuzela auch die glühenden Fußballfans. Vielleicht werden dadurch die Fernseher ein bisschen leisergestellt und der immer wieder beklagte Verlust der guten Stadionstimmung durch Eigenintative ersetzt. Denn wieso stumm auf ein summendes Fernsehbild starren wenn man auch selber feiern kann. Aber das am besten privat, zuhause, bei geschlossenem Fenster und mit Rücksicht auf die Nachbarn.In diesem Sinne: „Viva la Vuvuzela!“

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Ich bin online und offline unterwegs, mit Kamera, offenen Augen und Ohren. Beteiligt an unzähligen (Web-)Projekten, großen und kleinen Initiativen und Vereinen.

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