Die FPÖ braucht keine Kampagnengipfel mehr

 

Robert Misik – Blogger, Autor und Journalist in einem. Sein neues Buch „Anleitung zur Weltverbesserung – das machen wir doch mit links“ erscheint Anfang Oktober. subtext.at hat er verraten, warum das Buch erst jetzt erscheint, warum Basiswappler irrational handeln und warum Journalisten nicht unbedingt Suderanten sind.subtext.at: Eine faire, gerechte Gesellschaft und eine stabile prosperierende Ökonomie – ja, das geht! (Ausblick auf das neue Buch „Anleitung zur Weltverbesserung“). Glauben sie noch an Utopien, immerhin hat das in den letzten Jahrzehnten auch nicht funktioniert?
Robert Misik:
Nein, ich glaube nicht an Utopien im Sinne einer schönen, idealen Welt, die wir uns im stillen Kämmerlein ausdenken und die wir dann, dem Plan entsprechend, aufbauen. Aber Weltverbesserung braucht zunächst keine Utopien. Das, was schlecht ist, ein bisschen besser zumachen, das, was unfair läuft, ein bißchen fairer zu machen, dafür braucht es keine Utopien. Und die Frage ist eher: Würde eine Gesellschaft, in der Reichtümer gleichmäßiger verteilt sind, in der alle Bürger einigermaßen gleiche Lebenschancen haben, besser funktionieren oder schlechter? Nach dem Fiasko der Finanzkrise ist diese Frage beantwortet – die Krise hat schließlich gezeigt, dass ein The-Winner-Takes-It-All -Kapitalismus nicht nur moralisch verwerflich ist, sondern auchzu einem ökonomischen Desaster führt.

subtext.at: Eine klassische Frage – warum erscheint das Buch zur Weltverbesserung erst jetzt, im Jahr 2010? Hätte man die Welt nicht auch vorher schon verbessern können?
Robert Misik: Skurrile Frage, darauf gibts eine sarkastische Antwort: 2009 hatte ich keine Zeit, da musste ich mein Buch über die neuen Konservativen fertigstellen.subtext.at: Auf Ihrem Blog schreiben sie im letzen Satz Ihrer Vorstellung folgendes: „Sie sehen die Sache so wie ich: Sudern reicht nicht! Let’s do it!“. Sind nicht auch Journalisten in gewisser Weise“Suderanten“?
Robert Misik: Na, nicht grundsätzlich. Es gibt ja nicht, „die“ Journalisten. Ich meine, die einen schreiben Berichte, die anderen schreiben Veranstaltungstips. Also, den Journalisten mit dem kommentierenden Polit-Journalisten gleichzusetzen, wäre eine gewisse Verengung des Berufsbildes. Natürlich ist es so, dass der Polit-Journalist eher kritisiert – er äußert in Kommentaren seine Kritik oder stellt, hoffentlich, in Interviews „kritische“ Fragen. Das ist nichtunbedingt Sudern, aber Sie haben Recht, eher „Negativismus“ statt „Positivismus“. Das gehörtzum Berufsbild notwendig dazu. Gleichzeitig ändert sich das Berufsbild des Journalisten rasant. Das führt zu verschiedenen Veränderungen: Zu einer Überhandnahme des Negativismus, weilman mit lautem Geschrei mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht; aber auch zur Verwischung der Grenzen zwischen dem Journalisten, Medienmacher, Publizisten und dem politischen Aktivisten.Nehmen wir nur zwei Beispiele, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber an denen man diese völlig neuen Formen erkennt: Glenn Beck und Jon Stewart. Und das heißt natürlich, dass Journalisten heute auch so etwas wie eine positive politische Agenda verfolgen können. Und das versuche ich schon auch mit meiner publizistischen Tätigkeit, die ja nur zu einem Teil klassische journalistische Tätigkeit ist.

subtext.at: Sie schreiben für die TAZ, haben einen Blog, den Videoblog FS-Misik, und schreiben quasi nebenbei Bücher. Haben Sie schon darüber nachgedacht, wieder fix in einer Redaktion zu arbeiten?
Robert Misik: Ne, bin glücklich so. Warum sollte ich mir das antun, meine Zeit in Redaktionssitzungen zu verplempern? Andererseits: Sag niemals nie. Wenn etwas wirklich Elektrisierendes auf michzukommen sollte, warum nicht.

subtext.at: Konservative und marktliberale Parteien schaffen es, gerade während der Wirtschaftskrise als besonders wirtschafts- und lösungskompetent zu gelten. Was fehlt den Linken, hier echte Alternativen aufzuzeigen?
Robert Misik: Nun, ich denke, ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass die progressiven Kräfte es verabsäumt haben, ihre eigenen makroökonomischen Kompetenzen sichtbar zu machen. Sie haben es verlernt, wirklich fundiert ökonomisch zu argumentieren. Das hat zu der absurden Konstellation geführt, dass sich die marktliberalen Kräfte als die „Wirtschaftskompetenten“ darstellen konnten, obwohl sie von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen nichts verstehen – was man daran sieht, dass sie ganze Volkswirtschaften wie kleine Betriebe denken. Die Linke hat hier viel versäumt. Und deshalb tendieren in ökonomischen Krise manche Leute zu den Konservativen, weil sie glauben, bei denen ist die Wirtschaft in fachkundigen Händen. Das ist zwar ein Unsinn, aber solief es zuletzt unbestreitbar.

subtext.at: Eine lange Forderung der „Linken“ ist die nach mehr Einkommensgerechtigkeit. Warum folgt Ihrer Meinung nach die Mehrheit derer, denen eine solche steigende Einkommensgerechtigkeit eigentlich entgegen kommen müsste, dem Prinzip „Leistung muss sich lohnen“, das Konservative vorgeben?
Robert Misik: Zum Teil ist das mit der vorherigen Frage schon beantwortet. Hinzu kommt natürlich, dass die konservativen Parteien – flankiert von mächtigen Interessensgruppen, Think-Tanks und Medien – ihre Positionen geschickt unters Volk bringen und permanent ihre PR-Botschaften trommeln, während das Spitzenpersonal linker Parteien oft grauenhaft ungeschickt ist.

subtext.at: Könnte diese Einstellung nicht auch etwas mit der Stimmung gegenüber MigrantInnen zu tun haben?
Robert Misik: Sagen wir mal: Am Rande. Grundsätzlich ist es sicher so, dass sich der Wert der Solidarität leichter in Menschengruppen durchsetzen läßt, die einander wechselseitig als „Ähnliche“ erleben.Wachsende Diversität erschwert es sicherlich auch, Menschen darauf einzuschwören, sich gemeinsam für mehr Gleichheit einzusetzen.

subtext.at: Haben die Menschen Angst vor den MigrantInnen, weil sie vielleicht die gleiche Leistung fürweniger Geld erbringen würden? Ist es das, was das rechte Spektrum in Österreich auszunutzen, oder zumindest zu suggerieren vermag?
Robert Misik: Nein, das halte ich für eine simple Verkürzung, auch wenn das immer wieder vorgebracht wird. Ich denke nicht, dass allzu viele Menschen wirklich die Sorge haben, Migranten würden ihnen die Jobs wegnehmen oder das Lohnniveau in ihren Branchen senken. In den allermeisten Branchen ist davon keine Rede und das wissen gerade die Betroffenen genau – man kennt sich ja meist aus in dem Bereich, in dem man beruflich tätig ist. Nein, die Angst vor „dem Fremden“ kommt glaube ich vornehmlich aus anderen Motivationen – eingebildeten und realen. Ein reales Problem der Leute ist etwa das Gefühl, in ihren Wohnvierteln selbst fremd zu werden, wenn sich hier Migration und Unterprivilegiertheit konzentriert. Und wo es so etwas wie ein Konkurrenzgefühlgibt, ist es weniger die Konkurrenz um Jobs als die Konkurrenz um Sozialtransfers – die Leute glauben, sie würden mehr kriegen, wenn „die Ausländer“ weniger bekämen.

subtext.at: Glauben sie, dass die „Wiener Blut“-Kampagne schon der Gipfel des FPÖ-Wahlkampfes war?
Robert Misik: Die FPÖ braucht keine Kampagnengipfel in diesem Sinne mehr, fürchte ich. Sie wird mit Anti-Ausländer und Anti-Muslimismus derart identifiziert, dass sie diese Identifizierung nicht mehr durch Ultra-Provokatives Handeln unterstreichen muss. Was nicht heißt, dass sie nicht noch deneinen oder anderen Aufreger liefern werden, um in den letzten Wahlkampftagen massiv wahrgenommen zu werden.

subtext.at: Hat es Sie verwundert, dass sich die Einzige (zumindest am Papier) links der Mitte angesiedelte Alternative zur Wiener SPÖ gerade selbst in die Luft sprengt?
Robert Misik: Was heißt verwundert? Ich meine, man konnte damit nicht rechnen, aber es ist natürlich auch nie auszuschließen, dass ein, zwei Bezirksgruppen von Parteien Harakiri begehen. Das kommt letzlich in allen Parteien vor – die SPÖ-Niederösterreich hat gerade ganze Stadt-Parteien defacto ausgeschlossen, Ex-Mitglieder der Bundesregierung eingeschlossen. Letztendlich hat, wenn Mitgliedergruppen entschlossen sind, die Partei zu verlassen, keine Parteiführung eine Sanktionsmöglichkeit. Das heißt nicht, dass es nicht wehtut, wenn irgendwelche Basiswappler dumm genug sind, ihre eigene Partei zu beschädigen, ohne dass ihnen das irgendetwas bringt. Das ist ja das Absurde daran: Wer den Laden im Wahlkampf in die Luft sprengt, der hat ja selten Vorteile davon, handelt also völlig irrational.

subtext.at: Haben Sie schon einmal nachgedacht darüber, was sich für Sie persönlich im Falle einer FPÖ-regierten Bundeshauptstadt ändern würde? Was würde Sie direkt betreffen?
Robert Misik: Es wird keine FPÖ-regierte Bundeshauptstadt geben. Es ist so weit außerhalb der Realität, dasses nicht lohnt, darüber nachzudenken. Ich denk ja auch nicht darüber nach, was passiert, wenn uns der Amazonas überschwemmt.

subtext.at: Ein Satz zu…
„Links sein“: Sollte man sein, aber man sollte es auf kluge Weise sein.
Genial dagegen: Ein Buchtitel, der ziemlich geknallt hat, was auch mit so einer Fernsehsendung zu tun hatte.
Migration: Gibts. Macht auch Probleme. Bei uns tut man so, als wärs das einzige Problem.
Der Standard: Bin ich froh, dass es den gibt.
Qualitätsjournalismus: Ist für Peanuts nicht zu haben.
Thilo Sarrazin: Dem hat man die „Meinungsfreiheit“ eingeschränkt, das heißt, er darf jetzt seine Meinung dauernd äußern, ohne dass er arbeiten muss, kriegt dafür 10.000 Euro Rente monatlich und hat bald zwei Millionen Euro an Buchhonorar verdient. Derart in meiner „Meinungsfreiheit“eingeschränkt würde ich auch gern einmal werden.
Jörg Haider:
Karl-Heinz Grasser: Es gilt die Grasservermutung.

Links und Webtipps:

Musik-Nerd mit Faible für Post-Ehalles. Vinyl-Sammler. Konzertfotograf mit Leidenschaft, gerne auch analog. Biertrinker. Eishockeyfan. "Systemerhaltende" Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.