Now Reading:

„Da bin ich lieber der, der weiß“

„Da bin ich lieber der, der weiß“

 

Roland Düringers neuestes Programm – ein Vortrag, wie er es selbst bezeichnet – hatte im Linzer Posthof seine Oberösterreich-Premiere. subtext.at hat ihn über die Wahrnehmung anderer, Proletarier und vieles mehr befragt – und gleich noch den Sinn des Lebens erfahren.

subtext.at: Was ist die erste Frage, die Sie in diesem Interview beantworten möchtest?
Roland Düringer: Die erste Frage, die ich beantworten möchte? Wie es mir geht.

subtext.at: Also, wie geht es Ihnen?
Roland Düringer:
Danke, gut. Könnte gar nicht besser sein, ich bin sehr zufrieden.

subtext.at: Sie sagen von sich selbst, sie Seien kein Kabarettist. Warum?
Roland Düringer: Naja, Ich bin halt einfach keiner.

subtext.at: Trotzdem steht ihre Vorstellung heute Abend hier im Posthof unter dem Titel „Kabarett“.
Roland Düringer:
Das ist, weil man halt etikettieren muss, um es zuordnen können. An und für sich habe ich aber gemeinsam mit Alfred Dorfer Theater gespielt. Wir haben kleine Stücke geschrieben und mit einem kleinen Ensemble gespielt. Die Möglichkeit, zu spielen, war dann halt auf Kleinkunstbühnen wie hier im Posthof. Dadurch ist man in diese Kabarettschiene hineingepresst wurde. Genauso, wie die Filme die ich später gemacht habe, dann als „Kabarettfilme“ bezeichnet wurden, was es auf der ganzen Welt nicht gibt. Der „Kabarett-Film“ ist eine österreichische Erfindung.

subtext.at: Warum sind Sie bis heute dann nicht aus dieser Kabarett-Etikettierung herausgekommen?
Roland Düringer: Ich bin ja nicht drinnen. Das ist die Wahrnehmung des Beobachters, das bin ja nicht ich. Das ist mir ja auch egal – ich weiß ja, was ich tue. Heute Abend zum Beispiel bin ich ein Vortragender.

subtext.at: „Ich:Einleben – eine philosophische Reise zum Ich“ – so schreiben die Oberösterreichischen Nachrichten. Ist das Programm eine „Reise zum Ich“?
Roland Düringer: Also, das stimmt so überhaupt nicht, ich hätte das nie so beschrieben. Es ist weder philosophisch, noch eine Reise zum Ich, eher weg davon. Der, der das geschrieben hat, liegt also doppelt falsch. Das ist genau das Gegenteil. Aber ich hab mir das eh gedacht – ein „Pressefuzzi“, der nicht verstanden hat, was ich ihm da erzählt habe.

subtext.at: Ein anderes Zitat aus diesem Interview: „Eine Möglichkeit ist, dass man aus seinem Leben erzählt, sich selbst zum Mittelpunkt des Universums macht. Damit die Leute für zwei Stunden sehen, dass der da oben auf der Bühne genau so deppat ist wie man selber.“ Sind Darsteller auf der Bühne manchmal zu abgehoben?
Roland Düringer: Es passiert etwas. Wenn du auf eine Bühne gehst, bist du in einem anderen Universum als die unten. Das heißt, dass du ihnen im Prinzip höher gestellt bist – die Leute kommen ja auch, um dir zuzuschauen. Wenn du dann auf der Bühne aus deinem Leben erzählst – was ich ja auch schon gemacht habe – dann lieben die Leute das deswegen, weil der das hoh Ross verlässt und sich auf das gleiche Niveau begibt und über Sachen erzählt, die die Leute im Publikum auch schon erlebt haben. Das macht die Menschen glücklich, weil sie dann eine Verbrüderung haben. Die zweite Art ist, sich eine Gruppe zu suchen, und die durch den Kakao zu ziehen, wie Häuslbauer oder Motorradfahrer.

subtext.at: Bei Ich:Einleben gibt es diese Gruppen ja nicht mehr….
Roland Düringer:
Stimmt, diese Möglichkeit gibt es nicht mehr. Es gibt nur das Leben.

subtext.at: Haben Sie das gemacht, weil ihnen die Gruppen zu klein geworden sind?
Roland Düringer: Nein, Nein. Wenn man ein Programm schreibt, muss ich mir überlegen, worums geht. Nachdem ich keine Nummernprogramme mache, muss ich mir da halt ein Thema überlegen. Da hab ich ein Thema genommen, das alle betrifft – das Leben.

subtext.at: Haben Sie den Sinn des Lebens gefunden?
Roland Düringer:
Der Sinn des Lebens wird am Schluss dann auch beantwortet. Das ist ganz, ganz einfach. Den Sinn des Lebens kann ich dir sofort beantworten.

subtext.at: Ja, gerne. Der wäre?
Roland Düringer: Ganz einfach. Der Sinn des Lebens ist, dass wir beide jetzt gerade ein Interview machen und ich dir Rede und Antwort stehe. Es gibt keinen anderen Sinn. Jeder kann nur den Sinn sehen, der jetzt in diesem Moment für einen gültig ist. Es gibt nichts anderes.

subtext.at: Zurück zu den oberösterreichischen Nachrichten. Diese titeln „Die Wandlung des lustigen Proleten“. Warum werden Sie immer noch als „Prolet“ bezeichnet?
Roland Düringer:
Aus dem selben Grund, weswegen ich ein Kabarettist bin – weil man immer benennt und etikettiert wird. Das hat auch viel mit Quantenmechanik zu tun, eigentlich, wo du als Beobachter das Experiment beeinflusst. Und so beeinflusst der, der über mich schreibt, mich – in seiner Wahrnehmung. Er beeinflusst aber nicht mich als Person – deswegen ist mir das auch relativ egal, was da über mich verbreitet wird. Es ist überhaupt so – bist du Wiener und sprichst du Dialekt, dann bist du ein Prolet. Bist du aber Tiroler und sprichst im Dialekt, dann bist du „nur“ Tiroler. Da ist ein großer Unterschied.

subtext.at: Also sehen Sie den Ausdruck „Prolet“ nicht als Herabwürdigung?
Roland Düringer:
Nein, ganz und gar nicht. Auch das mit der „Wandlung“ Ist falsch. Eine Wandlung wäre für mich, wenn das innerhalb eines Momentes passieren würde. Da sind wir wieder beim Beobachter. Wenn ich jemanden kenne, der ein kleines Kind hat, und ich sehe das Kind nach Jahren wieder einmal, dann hat sich das Kind in meinen Augen verwandelt – in meiner Wahrnehmung. Das Kind hat sich aber natürlich nicht „verwandelt“, es ist nur älter geworden. Und genauso habe ich mich nicht „verwandelt“. Das ist, wie alles im Leben, ein langsamer Prozess. Die Welt um mich hat sich gewandelt. Aber wenn der das so sieht, dann bin ich ein Prolet.

subtext.at: Ist, wie Sie es erwähnt haben, der Dialekt das einzige, was einen Proletarier – also die „Arbeiterklasse“, klassifiziert?
Roland Düringer: Offenbar ja. Sonst würds ja keiner schreiben. Aber die „Arbeiterklasse“ gibt’s ja auch nimmer. Das „Proletariat“ gibt’s ja so auch nicht mehr. Da gabs früher einen Stolz und eine Arbeiterbewegung. Später wollte jeder dann mal Angestellter, also was „Besseres“ sein – was ja auch vollkommener Blödsinn ist.

subtext.at: Zurück zu „Ich: Einleben“. Das ist, wie Sie selber sagen, ein Vortrag. Sind Sie ein guter Vortragender?
Roland Düringer: Ich denke schon, weils den Leuten gefällt.

subtext.at: Welche Kriterien muss dann ein guter Vortragender wie Sie erfüllen, damit es den Leuten gefällt?
Roland Düringer:
Dass er den Leuten die Bilder, die er im Kopf hat, auch sehen lassen kann. Dass sie keine Worte und Schriften im Kopf haben, sondern Bilder.

subtext.at: Wenn Sie kein Schauspieler wären – haben Sie in ihrem Leben auch schon andere Dinge ins Auge gefasst?
Roland Düringer: Da war ich aber noch sehr jung. Ich wollte mal Motorradrennfahrer werden, da war ich dann zu langsam und dann habe ich Maschinenbau studiert. Dann hab ich gesehen, ich mach was anderes – das was ich kann und wo ich mir nicht schwer tue.

subtext.at: Noch etwas mehr als 20 Tage bis Weihnachten – sind Sie glüubig und feiern Sie Weihnachten?
Roland Düringer: Das sind zwei verschiedene Fragen – Weihnachten feiern auch viele, die nicht gläubig sind. Ich feiere nicht Weihnachten in dem Sinne, ich bin bei der Geschenksverteilung bei meiner Tochter dabei. Gläubig bin ich aber nicht. Ich bin lieber wissend. Gläubig sein heißt, das zu glauben, was ein anderer glaubt zu wissen. Da bin ich lieber der, der weiß.

Links und Webtipps:

Fotos: Julia Dresch

Share This Articles
Written by

Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

Kommentare werden geladen...
Suchbegriff hier eingeben und mit Enter bestätigen