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The Gaslight Anthem: „Es gibt diesen Traum, dass du in die USA kommst und alles gut wird“

The Gaslight Anthem: „Es gibt diesen Traum, dass du in die USA kommst und alles gut wird“
–  aber so sieht die Realität nicht immer aus und manche vergessen das“. Wer seit geraumer Zeit sein Herz an den Punkrock verloren hat, der dürfte 2010 nicht an The Gaslight Anthem vorbei gekommen sein. Nachdem die Band mit „The 59′ Sound“ vor wenigen Jahren Kritiker und Fans zu gleichen Teilen in Begeisterung versetzte, behauptete sich das amerikanische Quartett mit dem heuer veröffentlichten Nachfolger „American Slang“ ebenso gekonnt. Musikalischer Tiefgang und Hits ohne Ende, die vielleicht nicht im Radio rauf und runter gespielt wurden, bei den Konzerten aber lauthals mitgesungen werden durften.

Ein Gespräch mit Bassist Alex Levine über das Tourleben, den amerikanischen Traum (oder was davon übrig geblieben ist) und welchen Einfluss Jahreszeiten auf das Songschreiben haben können.

subtext.at: Die derzeitige Tour scheint für euch sehr erfolgreich zu laufen.
Alex Levine: Ja, das stimmt. Es läuft momentan sehr gut für uns. Wir haben die Band Sharks mit dabei und Chuck Ragan, was sehr cool ist. Er liefert den perfekten Mix aus The Jam, The Clash und den Ramones, musst du dir ansehen. Die Abende sind wundervoll, die Shows sehr intensiv, die Leute gehen wahnsinnig ab – haben wir so nicht erwartet (lacht). Aber besser kann es momentan für uns nicht laufen.

subtext.at: „American Slang“ wurde 2010 sehr wohlwollend aufgenommen. Hattet ihr trotzdem Befürchtungen, dass die Presse oder die Fans das Album nicht mögen würden?

Nun, bei diesem Album war für uns die Ausgangssituation eine andere. Bei „The 59′ Sound“ gab es noch nicht diese Fanbase, als wir die Platte veröffentlicht haben. Jetzt war es so, dass wir mit „American Slang“ etwas beweisen mussten. Jetzt, da wir Fans haben, mussten wir etwas erschaffen, was ihnen gefällt (lacht).

subtext.at: Wenn ihr von der Presse eine Ohrfeige bekommt, was bestimmte Songs oder Platten angeht, wie reagiert ihr dann?
Je mehr Leute dich mögen, umso mehr Leute werden dich hassen. Das gehört nun mal zum Lauf der Dinge. Wir schenken dem nicht die größte Aufmerksamkeit, weil es dann alles noch mehr aufbauschen würde. Die Leute und Fans hören sich die Musik sowieso an, egal was jemand darüber sagt oder denkt.

subtext.at: Um ehrlich zu sein, hatte das Album anfangs auch einen schweren Stand bei mir. Erst später habe ich es schätzen gelernt. Es gab einen Song, der dabei wie ein Schlüssel funktionierte: „The Spirit Of Jazz“. Kannst du mir etwas zu diesem Song verraten?
„The Spirit Of Jazz“ war der letzte Song, den wir für „American Slang“ aufgenommen haben. Er ist sehr schnell zustande gekommen. Für diesen Song musst du dich nicht hinzusetzen und dich drei Monate lang mit ihm beschäftigen – er funktioniert sofort. (überlegt kurz) Manchmal sind diese Songs am besten, die dir sofort von der Hand gehen, bei denen du nicht alles hundertmal verändert oder hinzufügen musst.

subtext.at: Was bedeutet dir das Album?
„American Slang“ ist eine besondere Platte, weil sie viel reflektiert. Sie enthält all diese Dinge, die uns während der letzten Tour beschäftigt haben. Als wir dann nach drei Jahren von der Tour zu Hause waren, konnten wir sehen, wie sich alles verändert hat. Wir hatten zum ersten Mal Zeit, ein normales Leben zu führen. Vielleicht lässt sich sagen, dass die Platte trotzdem ein bisschen dunkler ist als die letzten. (überlegt kurz) „The 59′ Sound“ haben wir im Sommer in Los Angeles aufgenommen, „American Slang“ im Winter in New York (lacht). Manche unterschätzen die Jahreszeit, aber bei uns hatte es, glaube ich, einen enormen Einfluss auf unsere Sichtweisen. Der Prozess des Schreibens kann anstrengend sein, wenn du dich zwei Stunden lang durch den Schnee kämpfen musst, um für zehn Stunden im Studio zu sein, drei Monate lang. Musikalisch gehört es aber zu den besten Dingen, die ich bewerkstelligt habe.

subtext.at: Hört sich frustrierend an.

Ja, war es auch (lacht). Bei einigen Songs kommt diese Atmosphäre durch, die wir damals empfunden haben.

subtext.at: Du sagst, dass ihr das Album im Winter aufgenommen habt, für mich aber hat es einen sommerlichen Vibe, sowohl musikalisch als auch was das Cover angeht.
Findest du?

subtext.at: Ja. Sieht man sich das Cover an, denkt man an sommerliche Autofahrten im Cabrio.

Ja, das stimmt schon. Die Bilder auf dem Cover stammen alle von uns, wir haben sie gemacht. Sie zeigen unsere damalige Umgebung und bevor wir jemanden dafür bezahlen, Bilder zu machen, gehen wir lieber selber hinaus.

subtext.at: Der amerikanische Freiheitstraum kommt einem auch in den Sinn, wenn man das Cover zum ersten Mal sieht.
Ja, war auch unsere Intention dahinter. (überlegt kurz) Wir haben die Photos gemacht und sind dann darauf gekommen, dass sie wie ein Abbild von Amerika funktionieren. Die Bilder haben sich gut zusammengefügt, obwohl es nicht so geplant war.

subtext.at: Sieht man sich die Texte an, könnte man meinen, dass ihr den Verfall des amerikanischen Traumes von einer romantischen Seite betrachtet.
Mit Sicherheit, klar. The big let down in life. Es muss aber nicht Amerika sein. Das in den Texten beschriebene Szenario könnte überall in der Welt stattfinden. Wenn jemand hohe Erwartungen hat, und diese dann mit dem wahren Leben nicht in Einklang zu bringen sind. Das ist sozusagen der Vibe der Platte.

subtext.at: Trotzdem vermittelt Amerika hierzulande noch immer diesen Traum, dass es jeder schaffen kann.
Ja, mit Sicherheit, und Amerika lässt auch jeden hinein… Obwohl jetzt nicht mehr so (lacht). Es gibt diesen Traum, dass du in die USA kommst und alles gut wird – aber so sieht die Realität nicht immer aus und manche vergessen das. Wenn du nach Amerika kommst, und du dir die tolle Familie, das tolle Vorstadthaus, das Apartment, den tollen Gehaltsscheck und das tolle Auto erwartest, dann musst du bedenken, dass es das nicht für jedermann gibt.

subtext.at: Viele meinen, dass der amerikanische Traum inzwischen davon handelt, wer das bessere Auto fährt oder das schönere Haus hat.
Ja, genau so sieht es auch aus, das ist auch der angesprochene Punkt: Du kannst dein Leben leben und all diese Dinge nicht besitzen – und trotzdem glücklich sein. Du kannst auch all diese Dinge haben und trotzdem unglücklich sein. Das ist dieser komische amerikanische Kontrast.

subtext.at: Hat sich eure kreative Ader mit „American Slang“ gesteigert?
Jeder Musiker oder Künstler fordert sich stets mit dem nächsten Werk selbst heraus. Wäre es anders, würde man es wohl nicht machen (lacht). Nach jeder Kompositionen kommen dir neue Ideen, die du verwenden kannst. Bei dieser Platte haben wir mit viel mehr Sounds experimentiert und herumprobiert und an jedem Song mehr gearbeitet, um ihn individueller zu gestalten. Manche Dinge klingen deswegen rauer, anderes dafür schöner (lacht).

subtext.at: Es braucht mehr Zeit, sich dieses Album zu erschließen, aber wenn dieser Schritt einmal getan ist, dann dürfte man „American Slang“ schnell in sein Herz schließen.

Dankeschön (lächelt). Es war schon offensichtlich, dass durch die vielen guten Kritiken bei „The 59′ Sound“ jetzt viele fragen werden: „Na, was habt ihr denn jetzt auf Lager?“

subtext.at: Oder sie machen sich auf die Suche nach dem großen Hit.
Ja, wobei ich nicht denke, dass wir diesen einen großen Hit haben oder geschrieben haben.

subtext.at: Kann man durch das Schreiben seine Frustration in den Griff bekommen oder sich von ihr befreien?
Ja, wobei ich aber denke, dass es jede Art von Emotion sein kann. Musik kann ein Ausdrucksmittel für positive als auch negative Gefühle sein, genau so wie es eine bestimmte Sportart sein kann. Du kannst auch ein Bild malen oder ein Buch schreiben. Bei der Musik gibt es noch die Texte, und die Leute können sich mit den Inhalten beschäftigen.

subtext.at: Du kannst also auch Songs schreiben, wenn du in einer guten Gefühlslage bist?
Ja, klar, das geht.

subtext.at: Viele Künstler können das nicht.

Ich habe auch viele Leute getroffen, die sich geistig in einem ganz bestimmten Zustand befinden müssen, um kreativ zu sein. (überlegt) Brian kann das gut, sich zur Musik bestimmte Inhalte einfallen lassen und er lässt dann trotzdem die Leute selbst entscheiden, was es für sie bedeutet.

Links & Webtips:
www.gaslightanthem.com
The Gaslight Anthem auf der Wikipedia
The Gaslight Anthem auf Facebook

Foto: SideOneDummy

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