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Boboville – der Versuch einer Erklärung

Boboville – der Versuch einer Erklärung

Wer bei Boboville nur an die auf Enzi’s und Enzo’s liegenden Berufsjugendlichen im Wiener Museumsquartier denkt, die bei der direkt angewandten Formen ihrer neuen Work-Life-Balance beinahe ihren laktosefreien Café-Latte mit Sojamilch übers iPad kippen, der hat dieses Phänomen der Nullerjahre noch nicht Begriffen. Andrea Maria Dusl begibt sich in ihrem gleichnamigen Roman auf eine Spurensuche.

Die Bobos – Burgeois Bohemian – bürgerlichen Möchtegern-Künstler stehen in diesem Buch im Mittelpunkt. Die kaufkraftstarke Oberschicht, die sich den freien Lebensstil der Künstler angeeignet hat, scheint zwar ein in vielen Großstädten auftretendes Phänomen zu sein, doch nur um Gentrifizierung und „Kapitalisten der Gegenkultur“ scheint es der Autorin nicht zu gehen.

Dusl wühlt in der Vergangenheit und lässt ihr Boboville bereits 1968 entstehen. Sie erzählt von prägende Erlebnissen ihrer Kindheit und von einer Jugend zwischen Bonbongeschäft, Katholischer Schule und Rock-Rebellion. Von Kirche und Konsum ge- und enttäuscht wächst sie in Wien in eine Szene hinein, die sie selbst maßgebend mitgestaltet hat und der sie mit diesem Buch eindeutig ein Denkmal gesetzt hat.
Sprachlich beweg sich das Buch irgendwo zwischen Thomas Bernhard und Karl Kraus, Christine Nöstlinger und Pippi Langstrumpf. Mit Worten wird gespielt, sie werden erschaffen und missbraucht. Grammatik ist keine starre Regel. Vor allem lange und wild zusammengesetzte Hauptwörter prägen den Text, der sich offensichtlich direkt an „Bobovilleliteraturverzehrer“ wendet.

In diesem autobiographisch wirkende Roman der österreichisch-schwedischen Zeichnerin, Filmregisseurin und Autorin nimmt sie ihre eigene Lebensweise gekonnt aufs Korn und lässt in unterschiedlichen Kapitel ihr Leben als losen Zusammenkunft kleiner Episoden und Geschichten erscheinen. Viele der Anspielungen auf Personen und Orte erschließen sich oft nur denjenigen, die selbst Teil Dusl’s Boboville-Welt sind. Doch auch wer Wien, die Personen und die Verbindungen untereinander nicht kennt, wird aus der Geschichte schlau.

Die Bewertung der subtext-Redaktion:
4/5 Punkte

 

Boboville von Andrea Maria Dusl
Residenz Verlag, gebundene Ausgabe, 210 Seiten, ISBN 978-3701715015
erhältlich bei Amazon.at

Artikelbild:Dusl/Residez Verlag

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Ich bin online und offline unterwegs, mit Kamera, offenen Augen und Ohren. Beteiligt an unzähligen (Web-)Projekten, großen und kleinen Initiativen und Vereinen.

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