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83 Tage – Der langsame Strahlentod des Hisashi Ouchi

83 Tage – Der langsame Strahlentod des Hisashi Ouchi

Das Buch „83 Tage“ beschreibt den Verlauf der Strahlenkrankheit, nachdem der Arbeiter Hisashi Ouchi bei einem Unfall 1999 im  japanischen Tokaimura durch Neutronenstrahlung kontaminiert wurde. Im Fahrwasser der Fukushima-Katastrophe hat es an neuer Aktualität gewonnen – und macht nicht alles richtig.

Eigentlich sind die Voraussetzungen für ein Buch über den langsamen körperlichen Verfall nach dem Unfall  eines Arbeiters  in einer japanischen Atomaufbereitungsanlage nach der Fukushima-Katastrophe blendend. Das hat sich wohl auch der Redline-Verlag gedacht – immerhin wurde das bereits 2002 erschienene Buch erst heuer ins Deutsche übersetzt. In einem schwarz-gelben Cover, das schon von weitem das „Atomare“ propagiert. Reißerisch, könnte man sagen. Und das selbe „reißerisch“ könnte man für den Inhalt sagen – der wird nämlich eher in Form einer Boulevard-Berichterstattung präsentiert als in einer dramatischen Abhandlung. Eines allerdings kann das Buch ganz gut – dazu aber später.

Der Arzt Suzuki Maekawa wird der Leiter des Teams, das mit Ouchis Behandlung betraut wird – ist er doch Experte für „Strahlenunfallmedizin“ – welche Fachrichtung das auch immer sein mag. Der sowie das Team der Intensivstation der Tokioter Universitätsklinik machen in den 83 Tagen – solange dauert Oushis Todeskampf letztendlich – machen ebenfalls die Hölle durch und müssen sich ebenso wie Ouchis Familie der ethischen Frage stellen, ob intensivmedizinische Maßnahmen wirklich bis zum Äußersten getrieben werden sollen. Der Verlauf der Krankheit sowie die Behandlung werden peinlich genau geschildert – doch auch dazu später mehr.

Die Formulierungen im Buch sind weiters mitunter unglücklich. Intubationen – wie sie im klinischen Alltag zigfach vorkommen – werden ebenso als intensivste Eingriffe geschildert wie der Einsatz von Blutkonserven und Plasmaprodukten. Katecholamine – in der Intensivmedizin nicht wegzudenken – werden als „experimentielle“ Medikamente bezeichnet, und die „hämatopoetische Stammzellentransplantation“, der im Buch immerhin eineinhalb Kapitel gewidmet werden, wird geschildert, als käme sie direkt aus den Star-Trek-Krankenstationen. Doch bei aller textlichen Schwäche macht das Buch eines richtig: es wirft die unweigerliche Frage auf: „Wie weit darf und soll die Medizin gehen?“ – und wie weit dürfen Patienten und Angehörige dabei mitentscheiden?

Hierin liegt die Stärke des Buches: Muss man jemandem, dem man schon zig Blutkonserven, noch mehr Liter Flüssigkeit und Plasmaersätze gibt, Fentanyl-Dosen, von denen jeder Drogensüchtige nur träumen kann, verabreichen? Muss man jemanden, der aus buchstäblich allen Löchern blutet, nach einem Herz-Kreislaufstillstand noch reanimieren? Muss man den Angehörigen, die die Hoffnung natürlich nie aufgeben,  als Arzt noch Hoffnung machen, wenn man im Unterbewusstsein schon weiß, dass der Patient schon tot ist? Muss man zum Zwecke der „heimlichen Hoffnung“ noch alles probieren, egal wie hoffnungslos es scheint? Und – die ultimative Frage: darf ein Mensch nicht sterben, gerade auf der Intensivstation? Und wie geht das Personal damit um? Das Buch wirft diese berechtigten Fragen wieder auf – nur leider war das nicht das ursprüngliche Ziel der Veröffentlichung. So bleibt aufgrund des niedrigen textlichen Niveaus und dem faden Beigeschmack der „plötzlichen“ Veröffentlichng nach Fukushima das Fazit doch nur ein durchwachsenes.

Facts:

„83 Tage – der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi“
190 Seiten, Redline-Verlag, 2011
ISBN 978-3868813159 – erhältlich u.a. bei amazon.at

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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