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Atari Teenage Riot: „Geld ist für uns nur ein Tool“

Atari Teenage Riot: „Geld ist für uns nur ein Tool“

„Is this Hyperreal?“ – so die neue Platte von Atari Teenage Riot, die nach einem Jahrzehnt Pause wieder die Clubs dieses Planeten rocken. Alec Empire stand subtext.at im Interview zu Themen wie Populismus in der Musik, die Langlebigkeit von Songs und Anarchismus Rede und Antwort.

subtext.at: Politik in Texten – muss Politik in Songtexten mehr „auf den Punkt“ gebracht werden?
Alec Empire: Da kommt immer darauf an, wie man sich als Künstler entscheidet. Bei Atari Teenage Riot ist es so, dass wir es wo ähnlich machen wie bei Demonstrationen. Die Musik ist ja auch sehr „noisy“, also sehr laut. Manchmal ist es so, dass die Texte sehr klar und eindeutig verstehen zu sein müssen. Vielleicht nicht alles, aber die Message sollte man beim ersten Mal schon mitkriegen. Wobei es natürlich nicht ganz so einfach geht, man bezieht sich ja auch auf viele Sachen, wo man mehr Informationen brauchen würde. Ich habe das bei der neuen Platte gemerkt – da hat ein Journalist bei dem Song „Digital Decay“ gemeint, ob wir denn generell gegen „das Internet“ seien. Da hab ich dann schon gemerkt, dass viele Leute vielleicht doch nicht genau hin hören.

subtext.at: Muss Musik dann auch bis zu einem gewissen Grade populistisch sein, um verstanden zu werden?
Alec: Naja, in Musik geht’s ja immer um Gefühle. In der Musik selbst ist mehr Information vorhanden, man nimmt aber das Gefühlte wahr. Gefühle kann man in einem Dreiminutensong mit Texten sowieso nicht einfangen. Das ist bei Atari Teenage Riot meistens der Fall auch – wir schreiben ja keine Opern oder sowas. Dadurch muss man es vereinfachen – das ist aber ähnlich wie bei Zetitungsartikeln oder Büchern. Es ist immer irgendwie eine Vereinfachung. Was ich aber gut finde in unserer Zeit ist, dass man mehr Informationen bereitstellen kann – das ist früher nicht so gegangen und ich habe mir schon Gedanken gemacht, ob es bei bestimmten Texten Missverständnisse geben könnte.

subtext.at: Stichwort „Früher“ – in den 90ern klangen die Texte doch etwas pessimistisch. 2011 ist allerdings sehr vieles Realität geworden, beispielsweise im Hinblick auf die Globalisierung. Wäre es da nicht einfach zu sagen „Wir haben es immer schon gewusst!“?
Alec: Klar wäre es das. Ich sehe uns aber nicht als die „Wahrsager“. Es gibt halt bestimmte Entwicklungen, die man kommen siehr, und wir haben davor gewarnt, dass es zu solchen Entwicklungen kommen kann. Insofern haben wir natürlich Recht gehabt. Ich bin dafür, dass man, wenn man eine solche Gefahr sieht, die dann auch miteinbezieht und nicht immer so tut, als „würde schon alles gut werden.“ Das finde ich auch in künstlerischer Hinsicht unspannend – auch wenn Musik oft darauf basiert, sich eine heile Welt zu schaffen. Das finde ich irgendwo langweilig. Ich finde selber auch Musik gut, die sich mit anderen Dingen beschäftigt.

subtext.at: In einem anderen Interview hast du gesagt: „Unsere kleine Waffe ist es, unsere Songs stets Up to date zu halten“. In wie weit muss man die Songs „Up to date“ halten?
Alec: Da ging es darum, dass wir Texte letztes Jahr in London mal ein wenig abgeändert haben. Ich finde da wenig dabei, das kann man ja machen.

subtext.at: Also keine Songs, die 20 Jahre lang für sich stehen bleiben?Alec: Naja, der kann ja auch so geschrieben bleiben, dass sie so bleiben. Es gibt Leute, die sehen es so, dass Songs „in Stein gemeißelt“ sind, ich sehe diese Grenzen für mich weniger. Ich bin offen, wenn es darum geht, dass Leute etwas von uns Samplen oder Remixen, solange man uns fragt zumindest. Ich gehe nicht so damit um, dass das mein „Werk“ sind und man diese nicht angreifen darf. Außerdem kann man sich die Songs ja noch immer so, wie sie ursprünglich waren, hören. Es ist ja nicht so, dass wir wie George Lucas drüber gehen und man altes nicht mehr findet. Also definitiv nicht in Stein gemeißelt. Obwohl es schon so ist, dass man an den Song, wenn man ihn macht, so herangehen sollte, dass er möglichst lange in dieser Version hält.

subtext.at: In der Konzertankündigung für heute Abend steht folgendes geschrieben: „Wem Scooter zu doof, Boys Noize zu fad, Metal zu maskulin und Punk zu tot ist – der ist bei ATARI TEENAGE RIOT in bester Gesellschaft“. Seid ihr also die Mixtur von allem, was man irgendwie mit einer Szene verbindet?
Alec: (lacht) Naja, wir nehmen immer schon verschiedene Szenen auf. Wenn wir das verarbeiten, dann ensteht ein eigener Sound. Es ist nicht so wie bei anderen Bands, wo man ein bisschen Funk hier und eine Punkgitarre da nimmt, sondern natürlich eine eigene Entwicklung. Da hat sich Atari Teenage Riot schon früh hinbewegt. Den würde ich nicht wegen irgendwelcher Modetrends aufgeben. Man nimmt natürlich verschiedene Einflüsse auf – beim aktuellen Album zum Beispiel ist es etwas technoider. Das lag aber auch einfach daran, dass wir geglaubt haben, dass es langweilig wäre, wenn wir wieder das gleiche wie vorher machen würden.

subtext.at: Zu eurer zehnjährigen Pause – man wird ja körperlich auch nicht jünger. Hat sich da etwas verändert, oder bist du immer noch die gleiche „Rampensau“ wie früher?
Alec: Ich seh nicht den großen Unterschied – das liegt aber auch daran, dass die Musik zum Großteil elektronisch ist. Wir haben uns schon früher die Frage gestellt, wie man die Energie eigentlch erzeugt. Die ist ja sehr physisch, und nicht, wie bei elektronischer Musik oft der Fall, durchgetüftelt. Wenn wir Drums programmieren, ist es oft so, als ob ein echter Drummer spielen würde. Wir wollen das bewusst lebendiger gestalten, und das hat dann mit Rock oft mehr Gemeinsamkeiten als mit Minimal. Die erzeugen natürlich eine Energie, die im Gehirn des Hörers den Gedanken auslöst, dass es „zur Sache“ geht. Man assoziiert mit diesen Drums einfach.

subtext.at: Also keine Frage des physischen Alters, sondern der Technik?
Alec: Das kommt natürlich immer darauf an, wie man die Technik für sich nutzt. Für mich war die Herausforderung zum Beispiel, dass wir mit altem Equipment gearbeitet haben. Ein alter Atari-Computer hat nunmal nur 2 Megabyte RAM – also fast gar nichts. Das war dann wie ein Mathe-Rätsel, immer zu kucken, ob man das überhaupt noch umsetzen kann. Im Vergleich dazu sind die Möglichkeiten geradezu unendlich.

subtext.at: Dazu passend wieder ein Zitat: „8-Bit Sound, und Metal-Einflüsse“ – sind gerade diese 8-Bit die Herausforderung?
Alec: Das ist eine Soundästhetik. Es gibt ja nicht nur 8-Bit-Samples, es gibt auch 12 oder 16 Bit-Sachen. Es gibt auch 2-Bit-Sachen, die hört man aber wahrscheinlich nur mehr als „Noise“. Es ist meiner Meinung nach ein Filter. Ich finde es aber gut. Bei Alec-Empire-Songs mach ich es nicht, bei Atari Teenage Riots passt es aber.


subtext.at: Wenn man den Namen „Alec Empire“ googlet, findet man die Bezeichnung des „Anarcho-Rebellen“. Anarchie ist per Definiton die Ablehung jeglicher Strukturen – würdest du also zustimmen, ein „Anarcho-Rebell“ zu sein?
Alec: Naja, ich sehe mich schon als Anarchisten. Einfach, weil ich gegen den Staat bin, und zwar in jeder Form. Wenn man es aber genauer nimmt, sehe ich uns eher als anarchistisch-libertär. Wir sind jetzt nicht die Band, die sagt „wir spielen gratis und schlafen danach auf dem Boden“ – Geld ist für uns nur ein Tool. Ich sehe es nicht als bösartig an, wie es viele Anarchisten tun. Am Kapitalismus kritisiere ich hauptsächlich die mafiaartige Verbindung zwischen Staaten und Konzernen, die eigentlich international agieren. Das ist die Gefahr. Ich bin jetzt nicht dagegen, dass ein Label viel Geld macht. Die Korruption, auch bei Regulierungsbehörden prangere ich eher an. Für mich ist der Staat eine Art, die Bevölkerung zu kontrollieren, indem man Gesetze und Regeln beschließt, wie sie gerade passen. Das ist für mich nicht akzeptabel.

subtext.at: Stichwort Konzerne – ihr seid ja auch skeptisch physischen Tonträgern gegenüber. Spielt das in diese Debatte hinein?
Alec: Ich gehe nicht davon aus, spezielle Alben zu machen, um Gelder zu lukrieren, weil wir normale Cds nicht verkaufen können. Der Kampf ist seit 2001 verloren. Was Indie-Labels angeht, müssen Fans verstehen, dass sie es quasi kontrollieren können, ob die weitermachen oder nicht. Man darf das nicht immer in einen Topf werfen. Majors machen schon seit Jahren Verluste und brauchen nur Creative Content, um ihre Hardware verkaufen zu können. Da ist auch die Download-Debatte eine ganz andere als bei Independent-Labels, oder bei Bands, die ein paar Cds verkaufen können. Unsere Sachen gibt es auch im Internet – mir ist das bis zu einem gewissen Grad egal. Ich war auch unter denen, die Piratebay kritisiert haben, weil sie mit Werbung Geld verdienen. Das müssen sie dann fragen. Wenn jemand meine Musik verwendet und daneben eine Nokia-Ad ist, und derjenige damit Geld verdient, dann muss er schon was zahlen (lacht).

Links und Webtipps:

Fotos: Christoph Thorwartl, Julia Dresch

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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