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BLACKMAIL: „Arroganz und Selbstsicherheit sind zwei verschiedene Dinge“

BLACKMAIL: „Arroganz und Selbstsicherheit sind zwei verschiedene Dinge“

Bands kommen und gehen. Blackmail gibt es schon seit einer halben Ewigkeit. Das ist gut so. Trotz der Umbesetzung am Mikro, hat die Gruppe mit Sänger Mathias Reetz sich wieder gefangen und die vergangenen Turbulenzen mit dem früheren Bandmitglied Aydo Abay überwunden. Volle Kraft voraus könnte man ihnen attestieren. „Anima Now!“, das heuer veröffentlichte neue Album, hat sogar das positive Lebensgefühl für sich entdeckt, wo in der Vergangenheit düstere Themen an der Tagesordnung standen. Natürlich gibt es da noch hämmernde Drums, wahnsinnig toll klingende Girarrenriffs und dynamische Indierocksongs.

Im subtext-Interview erzählen Mario Matthias (Schlagzeug) und Neuzugang Mathias Reetz wie das ist, wenn man als musikalische Institution angesehen wird, ob sie mehr Risiken eingehen als andere und ob es Prinzipien gibt, an denen sie festhalten.

subtext.at: Wie oft habt ihr in den vergangenen Jahren gedacht, dass das Ende von Blackmail nahe stünde?
Mario Matthias: (lacht) Eigentlich nie so wirklich. Mittlerweile machen wir 18 Jahre Blackmail, muss man sich mal vorstellen. Mathias ist auch schon zwei, zweieinhalb Jahre dabei. Es ist ja wie in einer Ehe, wie in einer Beziehung: Da gibt es Höhen und Tiefen. Auch in guten Zeiten hat der eine mal ein Down oder denkt sich: „Ich hab‘ keinen Bock mehr, ist es das noch?“ Dann passiert irgendetwas Tolles oder die Jungs ziehen einen wieder mit. Dann reißt man sich zusammen und es wird alles wieder toll. Klar, es kann irgendwann der Punkt kommen, wie bei der Ehe oder Beziehung, wo es einfach nicht mehr geht. Man muss dann einfach Konsequenzen ziehen.

subtext.at: Hat die Arbeit an „Anima Now!“, eurem heuer erschienenen Album, eine Flut von Erinnerungen wachgerufen?

Mario Matthias: Überhaupt nicht. Die Arbeit am neuen Album war ein Vorrauschauen. Ein Aktivieren von Glücksgefühlen. Mathias war für uns alle ein Energieschub, der nötig war. Bei uns war doch einiges ein bisschen festgefahren. Mit Aydo hat es auch nicht mehr funktioniert am Gesang. Als dann der Split vollzogen war und Mathias dazukam, war der Spaß wieder da. Dieser hat zum Schluss doch bei Blackmail gefehlt, so traurig oder hart das klingen mag. Es war nun mal leider so. Die positiven Vibes hört man auch auf „Anima Now!“, wenn man es mit den anderen Alben vergleicht. War nötig, sonst hätte es Blackmail wahrscheinlich am Enden nicht mehr gegeben.

subtext.at: Was fühlst du generell, wenn du an die früheren Tage zurückblickst?
Mario Matthias: Ich denke jetzt nicht nur an die schlechten Tage. Es gibt da auch sehr viel Positives. Wie haben immerhin etwas aufgebaut, eine musikalische Institution, die sich wirklich etabliert hat. Die im Indiebereich über Deutschland hinaus einen Namen hat. Da kann man schon stolz sein. (überlegt) Da war Aydo am Anfang, mit seiner Stimme und generell, nicht unbeteiligt. Da ist jetzt keine Wehmut drin, sondern wir haben es geschafft. War auch ein Grund, warum wir die Band weiterführen wollten mit Matthias am Gesang. Wir haben viel an Energie und Herzblut reingesteckt, als das wir es jetzt nicht mehr machen.

subtext.at: Zerwürfnisse und interne Streitigkeiten führen zu Emotionen. Dadurch kann die Kreativität auch angekurbelt werden und Alben können davon profitieren. Von außen betrachtet war das bei euch früher auch der Fall…
Mario Matthias: (seufzt) Wenn eine Platte entsteht, da entstehen immer Emotionen. Es ist immer ein Spiegel von Gefühlen, die du in der Zwischenzeit hast. So etwas lässt sich auch nicht steuern. Kreativität ist eine gefühlte Sache. Es passiert, du planst es nicht. Da ist keine Mathematik dahinter.
Mathias Reetz: Es kann auch passieren, wenn du im Studio bist oder eines buchst, dass du dich auf einmal total leer fühlst. Du nimmst zwar etwas auf, aber es hat nichts Euphorisches an sich. Andersherum geht es aber auch, weil wir die Platte in vier Wochen eingespielt haben. Sehr schnell, und ich weiß nicht, ob es noch einmal passieren kann, dass wir ein ein Album so schnell machen, aber es kann auch so gehen.
Mario Matthias: Nichts ist planbar bei kreativen Prozessen.

subtext.at: War die Ausgangssituation jetzt schwieriger oder leichter?
Mario Matthias:  (überlegt) Ich behaupte mal, dass es da schon eine Hürde gab, die es zu nehmen galt. Eine Band wird ja für das Publikum über den Frontmann reflektiert. Wenn man einen Schlagzeuger oder Bassisten austauscht, kriegen es einige gar nicht mit. Neuer Sänger merken alle. War natürlich die größte Hürde. Du willst natürlich, dass die Leute den neuen Sänger auch annehmen. Wir haben bei den Aufnahmen gemerkt, dass die Songs gut sind und wir uns damit identifizieren können. Steuern kannst du es natürlich nicht, ob die Leute es annehmen oder nicht. Da hatten wir schon ein bisschen Angst.
Mathias Reetz: Das ist immer noch ein Prozess, der weitergeht. Ist auch normal. Man möchte überzeugen und will sich irgendwo auch beweisen, klar.

subtext.at: Es gibt bestimmt welche, die schon aus Prinzip „Anima Now!“ schlecht finden und sich damit nicht beschäftigen wollen.

Mario Matthias: Für diese Personen ist Blackmail vorbei. Die werden auch nicht zu unseren Konzerten kommen.Wir merken aber, dass viele neugierig sind. Skeptiker gibt es natürlich auch, aber live überzeugen wir sie immer alle. Momentan sind wir einfach eine äußerst funktionierende Einheit. Für uns ist es ein neues Blackmail. Den Geschmack des Publikum kannst du aber auch nicht irgendwohin drängen. Solche Diskussion fange ich erst gar nicht an, ich habe sie erlebt. Für mich ist es kein Thema mehr, unsere Vergangenheit mit Aydo.

subext.at: Gibt es interne Prinzipien, von denen ihr nie abweicht?
Mario Matthias: (überlegt lange) Nicht wirklich.

subtext.at: Mathias, hast du als Neuer mehr Freiheiten als die anderen Bandmitglieder?
Mathias Reetz: Dieses Gefühl des Beweisens hatte ich bei den Aufnahmen noch gar nicht so. Da ging es um das Songwriting. Jetzt ist es ein sich zeigen und sich präsentieren – wie auf dem Präsentierteller. Im Studio war es schon mein Anliegen, Songs zu schreiben und mich daran zu beteiligen, weil ich es vorher auch schon gemacht habe. Ich habe mir immer gewünscht, dass Blackmail immer eine positivere Art bekommen. Die düstere, miesepetrige Art sollte mehr in den Hintergrund geraten. Das ist gelungen, wie ich finde.

subtext.at: Wie geht es dir dabei, wenn du die Texte eines anderen singst, die eher das widerspiegeln?
Mathias Reetz: Ich bin ja schon immer an Blackmail dran gewesen. Ich habe immer ihre Geschichte verfolgt und die Alben besitze ich auch im Schrank (lächelt). Ich war der Band stets nahe, sie haben mich auch geprägt. Es wie eine Jacke, die mir passt, obwohl sie für mich nicht geschneidert wurde.

subtext.at: Die Indieszene hat sich in den letzten Jahren ideologisch mehr und mehr geöffnet. Pop ist kein Schimpfwort. Bei „Tempo Tempo“, dem letzten Album mit Aydo, gab es Songs wie „The Good Part“, wo dann spekuliert wurde, in wieweit das bei euch Einzug hält. Bei „Anima Now!“ scheint von diesem Gedanken nicht mehr viel übrig zu sein…
Mathias Reetz: Ich weiß es gar nicht, aber im Vergleich zu den anderen Platten ist die neue schon viel poppiger.
Mario Matthias:  Wir sind eine Band, die viele Facetten hat und auch zeigt. Unsere Musikgeschmäcker? Eine riesige Bandbreite! Das spiegelt sich dann auch in der eigenen Musik wider. Wir sind eine Gitarrenband, aber es gibt sehr viele Einflüsse. Wenn es poppig ist und es trotzdem alle gut finden, dann ist es halt so.
Mathias Reetz: Wenn sich Black Metal beim nächsten Mal gut anfühlt, dann nehmen wir das auch (lacht).

subtext.at: In dem Bereich seid ihr also sehr offen.
Mathias Reetz: Doch, schon.

subtext.at: In welchen Bereichen seid ihr dann konservativ?
Mario Matthias: Schlager-technisch konservativ (lacht).
Mathias Reetz: Vielleicht, was die Aufnahmen angehen. Es gibt einen Vorteil, wenn du als Band ein eigenes Studio hast. „Anima Now!“ wurde in unserem Tontudio 45 aufgenommen.
Mario Matthias: Das birgt einen gewissen Luxus, auf jeden Fall. Du hast viel mehr Möglichkeiten beim Komponieren. Kurt produziert ja auch noch andere Bands. Da merkt man dann schon, wie viel noch möglich ist, wenn sie aus dem Proberaum kommen. Da wird noch viel nachgeschliffen.

subtext.at: Wagen Blackmail mehr als alle anderen?
Mario Matthias: (überlegt) Das kann ich gar nicht beurteilen. Wir haben eigentlich immer unser Ding gemacht. Wir waren nie Rebellen und nie politisch Engagierte.
Mathias Reetz: Wenn Blackmail als Referenz genommen wird, dann würde ich schon ja sagen. Wenn sich andere Bands am Sound orientieren.

subtext.at: Ich habe das Gefühl, dass ihr euch immer über das Erreichte gefreut habt, aber euch nie besonders dabei aufgespielt habt.
Mario Matthias: Nö (lacht). Wir sind schon bodenständig. Wir wissen, wo wir stehen. Wir wissen auch, was wir können. Das hat nicht viel mit Arroganz zu tun, eher mit Selbstsicherheit. Arroganz und Selbstsicherheit sind zwei verschiedene Dinge.
Mathias Reetz: Warum auch? Manche möchten Musik machen, weil sie berühmt werden wollen. Wir machen Musik, weil wir Musik machen wollen.
Mario Matthias: Wir leben davon, da geht alles Hand in Hand. Ein gewisser Erfolg ist natürlich nötig, um Geld einzuspielen. Es ist die Form eines Jobs, der sehr viel Spaß macht. Klar, ein Erfolg erleichtert vieles, kann aber auch einiges kaputt machen. Im Herzen sind wir, Gott sei Dank, idealistische Musiker geblieben.

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blackmail-music.com
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twitter.com/thisisblackmail


Foto:
Andreas Hornoff

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