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Peter Licht: „Schaffen wir uns ab!“

Peter Licht: „Schaffen wir uns ab!“

Das medienscheue Multitalent Peter Licht veröffentlicht mit „Das Ende der Beschwerde“ sein fünftes Studio-Album. Dreizehn Lieder über die Übel des Kapitalismus und ein mögliches Danach.

Musik, Theater, Literatur und Malerei – es gibt kaum ein künstlerisches Genre, welches der Bachmann-Preisträger Peter Licht in den vergangenen Jahren nicht mit Leben erfüllt hätte. Der Mann, dessen Gesicht auf persönlichen Wunsch nicht gefilmt oder fotografiert werden darf, ist über all die Jahre, seit dem Debüt-Album im Jahr 2000, seinem programmatischen Konzept treu geblieben. Erst seit 2006 spielt Peter Licht öffentliche Konzerte, meidet penibel jede Form des Starruhms und besingt in seinen Stücken, oftmals auf sympathisch naive Art, aber mit viel Poesie und Gefühlsdramatik, die künftige Beseitigung unseres kapitalistischen Irrweges.

Sag mir, wo ich beginnen soll
Das Eröffnungslied ist das Lied der Vielen, das Lied des Schwarms, dessen Geschichte Peter Licht im energischen Erzählstil vorträgt. Der Schwarm durchbricht das Tor in eine andere Welt, in der alle Meinungen gereinigt und neu sortiert werden – ein Neustart mit den Worten: „Hallo, hier, bin, ich!“ „Wir sollten uns halten“ kann als klassisches Liebeslied im Sinne von „die Welt geht unter, doch wir halten zusammen“ verstanden werden. Weitaus aussagekräftiger scheint hier das nächste Stück zu sein.

Ich wüsste Niemanden der sich selbst gehörte
„Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses“, lautet die erste Phrase des gleichnamigen Songs, der ganz in Licht‘scher Manier die Auswüchse unseres Konsumverhaltens anprangert. Über das Aussteigen im freien Fall dreht sich das nächste Lied, in dem Licht zu der Einsicht kommt, im Zwischenstadion des Aussteigens hängen geblieben zu sein und sich daher stets gezwungen sieht, einen neuen Anlauf zu nehmen.

Gib mir eine neue Idee
Mit der bereits im August erschienen Single-Auskopplung „Neue Idee“ liefert Peter Licht wieder einmal ein Stück mit absolutem Ohrwurm-Charakter, das sich nahtlos in die Licht- Hitparade bestehend aus Stücken wie „Sonnendeck“, „Räume räumen“, oder „Das Lied vom Ende des Kapitalismus“ einreiht. Im Titel „das Ende der Beschwerde“ werden wir stimmgewaltig aufgefordert unser Leben zu ändern. Hier zeigt Peter Licht sein, nicht nur poetisch, sondern auch stimmlich höchst beeindruckendes Talent. Mit imperativen Merksätzen wie „Segne den Priester, verachte den Star“, oder „Verstehe den Künstler, zerstreue den Sammler“, lässt der äußerst melodische Song „Schüttel den Barmann“ aufhorchen.

Der neue Mensch
Der vielleicht etwas kitschige, aber zugleich schönste Song des Albums „Wort von den Worten an den Wänden“, beschreibt die Utopie der grenzenlosen Freiheit in einer staatenlosen Welt, in der alle von Luft und Liebe leben. Luft und Liebe, davon scheint auch Peter Licht zu träumen, wenn er in „Der neue Mensch“ den Nachfolger des „homo oeconomicus“ herbeisehnt und das mystisch-sphärische Stück mit dem Satz „der neue Mensch wird kommen, möge er bei uns bleiben“, prophetisch ausklingen lässt. Mit auf den Weg gibt‘s noch eine Akustik-Version von „Du musst dein Leben ändern!“ Zeiten, in denen Finanzmärkte politische Imperative austeilen, scheint Peter Licht seine eigenen Merksätze entgegen halten zu wollen. Wer jedoch klar definierte Aussagen erwartet, der ist bei Licht vermutlich auf dem Holzweg. Seine Texte lassen reichlich Spielraum für Interpretation und haben eher lyrischen, denn praktisch-politischen Charakter. Dennoch: Entstanden ist ein starkes Album, gespickt mit Poesie, musikalischen Feinheiten und prophetischem Postulat. Der neue Mensch kann kommen.

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