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Eisbach statt Ozean: Surfen im Herzen von München

Eisbach statt Ozean: Surfen im Herzen von München

Riversurfen ist für viele die Königsdisziplin des Wellenreitens. Die stehende Welle im Münchner Eisbach ist die wohl bekannteste im deutschsprachigen Raum. Der Surfer Peter Michl erzählt im Interview von den Regeln des Eisbachs und wie es ist, mitten in der Stadt auf einer Welle zu reiten.

Oktoberfest, Hofbräuhaus und Eisbach-Surfer könne mittlerweile in einem Atemzug genannt werden. Die Eisbachsurfer sind eine Münchner Touristenattraktion und international bekannt. Selbst der elffache Weltmeister im Profisurfen Kelly Slater war vor einigen Jahren vor Ort, wurde aber – so erzählt man sich – von dem damaligen „Bewachern“ der Welle nicht ins Wasser gelassen. Damals galt noch die Devise: Nur Locals. Heute ist das anders, aus den verschiedensten Ländern der Welt reisen Surfverrückte an, um sich an der stehenden Welle im Eisbach zu versuchen, die als eine der schwierigsten Flusswellen weltweit gilt.

Der Surfspot liegt im Englischen Garten direkt neben dem Haus der Kunst, der Eisbach selbst wird von der Isar gespeist. Direkt vor der Eisbachbrücke nahe dem Bayerischen Nationalmuseum entsteht die „stehende Welle“, die Surfer schon seit über 30 Jahren zum Wellenreiten nutzen. Seit 2010 ist das endlich auch legal, denn durch ein Tauschgeschäft des Freistaates Bayern mit der Landeshauptstadt München ging der Englische Garten und damit auch der Surfspot in den Besitz Münchens über. Das war nötig, weil der Freistaat Bedenken bezüglich der Haftung bei Surfunfällen hatte und deshalb das Surfen verbot. Die Stadt München wollte den Surfspot aber erhalten. Die „Surfen Verboten“ Schilder wichen 2010 nun endlich jenen mit der Aufschrift „Surfen für Geübte erlaubt“. Durch die Bade- und Bootsverordnung der Stadt München liegt nun die Haftung bei den Surfern selbst.

Im Jahr davor kam auch der Film „Keep Surfing“ von Björn Richie Lob in die Kinos, der selbst jahrelang auf dem Eisbach surfte und sogar extra wegen der Welle von Köln nach München zog. Er konnte in „Keep Surfing“ seine zwei Leidenschaften – Surfen und Filmemachen – vereinen. Der preisgekrönte Film erzählt von verschiedenen Charakteren, die alle eine gemeinsame Leidenschaft teilen: das Surfen im Eisbach.

Auch der Surfer Peter Michl ist dem Riversurfen verfallen. Von der Flosslände in München über die Isarstaustufe in Plattling hat er sich bis zum Eisbach hochgesurft und diesen vor zwei Jahren bezwungen.

subtext.at: Seit wann surfst du?
Peter Michl: Ich surfe seit ca. 10 Jahren im Meer und seit ca. 2 Jahren regelmäßig im Fluss.

subtext.at: Wo und wann hast du angefangen?
Peter Michl: Das war mit 21 Jahren an der französischen Atlantikküste. Der Ort hieß Cap Ferret. Wir hatten damals keinen Surflehrer und haben uns nur die Bretter ausgeliehen. Nach zwei Wochen „Selbstversuch“ stand ich dann am letzten Tag auf einer richtig schönen Welle, die perfekt brach und mich zurück zum Strand brachte. Von dem Moment an war ich „hooked“.
In der Retrospektive würde ich allerdings jedem den Besuch eines Surfcamps mit professionellem Coaching empfehlen. Das spart Zeit, Nerven und Schmerzen!

subtext.at: Wann warst du das erste Mal auf dem Eisbach?
Peter Michl: Vor 4 Jahren. Hab so ziemlich alle klassischen Anfängerfehler gemacht, die man machen kann. Mein Brett war viel zu lang und ich bin im Sommer am Wochenende hin, was unvorteilhaft war, da am Wochenende immer am meisten los ist und die „Locals“ recht schnell genervt sind, wenn die Anfänger den Betrieb aufhalten.

subtext.at: Wie gings dir bei deinem ersten Versuch auf dem Eisbach?
Peter Michl:Es war kalt, schmerzhaft und erniedrigend. (lächelt)
Ich habe kapiert, dass ich noch nicht bereit für den Eisbach war und habe mich dann über leichtere Spots (Flosslände in München, Isarstaustufe in Plattling) langsam hochgearbeitet.

subtext.at: Wie reagieren die Alteingesessenen auf Neulinge?
Peter Michl: Am Eisbach gibt es Regeln. Diese sollte man unbedingt beachten. Alle Anfänger sollten bereits mindestens ein Jahr Riversurf-Erfahrung mitbringen, bevor sie am Eisbach vorbei kommen.
Als Beginner startet man immer im Herbst oder Winter, weil da weniger los ist. Aus diesem Grund sind auch Wochenenden für Anfänger zu meiden. Voraussetzung für gutes Gelingen am Eisbach ist auch das richtige Material. Gerade in letzter Zeit kommt es immer wieder vor, dass Jungs mit Minimalibus oder gar Longboards – also extrem langen Brettern – auftauchen.
Das kann einfach nur schiefgehen. Ich empfehle ein Brett mit maximal sechs Fuss Länge, am besten von Marken, die sich mit Riversurfing-Shapes auskennen. Ich persönlich fahre ein Buster Brett, eine Münchner Marke, aber auch andere Marken wie Penis Trigger oder Fatum funktionieren prima am Bach. Wer Respekt, das richtige Material und die notwendige Vorerfahrung (!) am Bach mitbringt, wird von den Locals auch respektvoll behandelt.

subtext.at: Was ist das für ein Gefühl mitten in München zu surfen?
Peter Michl: Auf einer Flusswelle mitten in der Stadt zu surfen ist klasse. Es wäre schön, wenn es auch in anderen Städten mehr Flusswellen gäbe. Die Chancen stehen gut, dass Nürnberg als nächste Stadt in Bayern seine Welle bekommt.

subtext.at: Was ist im Allgemeinen das Besondere am Eisbachsurfen? Warum ist es so schwierig?
Peter Michl: Der Eisbach hat ein besonderes Gefahrenpotenzial, weil die Welle unter anderem dadurch entsteht, dass das Isarwasser dort durch Steinpfosten, welche am Untergrund befestigt sind, gebremst wird. Diese Pfosten sind zwischen 10 und 25cm lang. Wer das Gleichgewicht verliert und vor die Welle fällt, knallt schon mal mit voller Wucht unter Wasser gegen diese Pfosten. Wer Glück hat, kommt mit einem blauen Fleck davon, wer Pech hat bricht sich eine Rippe. Ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotenzial geht zudem auch von den Finnen des eigenen Bretts aus. Man sollte also wissen, wie man am besten fällt und daher am besten erstmal viele Stunden mit Zuschauen verbringen, bevor man es selbst versucht.

subtext.at: Ist die stehende Welle von Jahr zu Jahr unterschiedlich? Wie entsteht die Welle überhaupt?
Peter Michl: Die Qualität der Welle schwankt mit dem Wasserstand der Isar und damit des Eisbachs (einem Nebenarm der Isar). Diesen Herbst hat es kaum geregnet, daher litt die Qualität der Welle auch enorm. Neben der Durchflussmenge sind auch verschiedenste Einbauten unter Wasser (unter anderem die bereits erwähnten Steinpfosten) dafür verantwortlich, dass die Welle entsteht.

subtext.at: Hast du eine Anekdote für uns?
Peter Michl: Letztens stand ein Surfer neben mir, der auf der Brücke eine hübsche Blondine entdeckt hat. Als sie nach fünf Minuten immer noch da war, hat er sich einen Edding Stift geschnappt und auf die Unterseite seines Brettes ganz groß seine Telefonnummer und CALL ME geschrieben.
Sie hat später wirklich angerufen und die beiden haben sich für den Abend verabredet. Das beweist mal wieder, dass dem Eisbach ein gewisses Flirtpotenzial nicht abzusprechen ist.

subtext.at: Wie kannst du dich bei Minusgraden motivieren ins Wasser zu gehen?
Peter Michl: Das ist alles nur eine Frage des richtigen Materials. An dieser Stelle einen großen Dank an Jack O’Neill für die Erfindung des Neoprenanzugs!

subtext.at: Sieht man oft Mädchen surfen?
Peter Michl: Oft wäre übertrieben. Aber hin und wieder tauchen durchaus auch mal ein paar Mädels auf. Ich persönlich, habe den Eindruck, dass das für die positive Stimmung beim Surfen recht zuträglich ist.

subtext.at: Hast du Angst, dass der Eisbach mal zu voll wird?
Peter Michl: Leider ist diese Befürchtung bereits Realität geworden. Vor allem in den Sommermonaten ist es mir persönlich oft zu voll. Dann ziehe ich es vor, mit meinem Stand-up Paddle Board allein, irgendwo in der Wildnis, über einen See zu rudern.

subtext.at: Wie sieht dein Leben sonst so aus?
Peter Michl: Mmmh….eine sehr weit gefasste Frage. Ich arbeite als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. In meiner Freizeit versuche ich mich mit Stand-up Paddling, Lauftraining und Fitnessstudio für den nächsten Surftrip fit zu halten.
Wenn es viel regnet, verfolge ich die Entwicklung der Pegelstände und mache mich auf die Suche nach Flusswellen, welche nur bei extremem Hochwasser funktionieren. Das kann manchmal recht abenteuerlich sein.
subtext.at: Was ist deine Lebensphilosophie?
Peter Michl: Let’s get wet!

subtext.at: Was ist dein Traum?
Peter Michl: Das ist die Stelle, an der ich mir den Weltfrieden wünschen muss, oder?…Ich bleib mal realistisch und sag’: ein kleines Häuschen am Strand mit dem perfekten Homespot, den man sich mit guten Freunden teilt.

(… und den Weltfrieden.)

Foto:  Linda Hennig

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