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Falsche Freundlichkeit

Falsche Freundlichkeit

Als Teilzeitlinzer habe ich ihnen schon unzählige Male meine Fahrkarte gezeigt: Die Kontrolleure der Linz AG sind scheinbar immer und überall. Aktuell werden sie von scheinheiligen Christkindern begleitet. Und danken.

Ein netter Vergleich: Ein ganzes Jahr habe ich mal in Wien gelebt und wurde nur ungefähr fünf Mal kontrolliert. Genauso oft hat es mich bisher in Linz erwischt, und das obwohl ich erst seit drei Monaten meist nur tageweise anzutreffen bin. Die Linz AG weiß, wie sie vernüftige Ticketkontrollen durchführt. Und dass können sie von mir aus auch gerne weiterhin tun, weil … irgendwie muss die Stadt ja ihre Schulden zurückzahlen.

Als ich mich aber vergangenen Samstag auf den Weg zum Hauptbahnhof machte, wunderte ich mich ein kleines bisschen, dass drei junge Frauen mit engelsgleicher Statur, Aussehen und Kleidung mit derselben Straßenbahn fuhren wie ich. Kluge Menschen (und Ortsansässige) hätten es vielleicht etwas schneller gecheckt, aber erst als dieser eine Typ seinen Ausweis herzeigte und nach den Fahrkarten verlangte, verstand ich, dass das ein eingespieltes Team war.

Weil ich einerseits ein Angsthase und andererseits auch noch unglaublich anständig bin, traue ich mich eh nirgendwo ohne Ticket zu fahren. Ich kann das genauso wenig wie Schummeln. Irgendwie wirkt meine verdutzte Visage noch etwas zu unglaubwürdig für die Möchtegern-Autoritäten, die ich auszutricksen gedenke. Deshalb konnte ich auch dieses Mal meine Fahrkarte vorweisen und erfuhr wofür die Linz-AG-Christkinderl zuständig sind. Sie watschelten wild lächelnd hinterher, teilten Linz-AG-Schokolade aus und waren mit einem „Danke (im Namen der Linz AG, natürlich)“auch schon wieder verschwunden.

Eine nette Aufmerksamkeit – und wie ich später bemerken sollte auch noch eine delikate Schokolade, aber: Bei solchen Erlebnissen überlege ich mir immer eine „What if“-Version. Man belohnt die Kunden dafür, mit dem richtigen Ticket zu fahren, ok. Aber man stelle sich nur mal vor, ein Auswärtiger (der ja ich z.B. auch bin) drückt sich statt einer Midi- eine Mini-Karte runter und fährt ein oder zwei Stationen zu weit. Dann verpufft sicherlich das Grinsen aus den Christkindl-Gesichtern und statt einer Schokolade für mich gäbe es dann weitere 55 Euro für die Linz AG.

Vielleicht wäre das mal eine Idee für die nächste Adventzeit: statt Scheinheiligkeit einfach mal etwas Weihnachtsamnestie anzuwenden. Nicht, dass jeder gratis fahren dürfe, aber zumindest könnte man bei einigen Fällen auf eine Strafe verzichten. Da würd ich dann sagen: „Danke, liebe Linz AG.“ Und das wär dann sogar ernst gemeint.

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29 Jahre alt - Literarischer Blogger (Neon|Wilderness), Autor ("Volle Distanz. Näher zu dir"), Medienblogger (dominikleitner.com), Printschreiber (MFG Magazin), freier Journalist (u.a. BZ), CD-Kritiker (subtext.at) und Detektiv (365guteDinge)

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