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2011 – Das Jahr der 99 Prozent

2011 – Das Jahr der 99 Prozent

Überfliegt man die Ereignisse des vergangenen Jahres, so fällt eine Tatsache besonders ins Auge: Es war das Jahr der gescheiterten Staatsmänner, der gestürzten Diktatoren und aufbegehrenden Massen.

Arabischer Frühling
In Tunesien brach der Sturm zuerst los, der schon bald die gesamte Arabische Welt ereilen sollte. Diktator Ben Ali verlor den Kampf gegen das eigene Volk und sah sich gezwungen nach Saudi-Arabien zu flüchten. Die Welt dachte, die Revolution in Tunesien sei eine einmalige Sache gewesen, doch das Feuer griff, nicht zuletzt aufgrund der explodierenden, unverfälschten und unzensierten Informationsflut durch Social Media, auf benachbarte Länder über. Den Arabischen Frühling eröffnete schließlich Ägypten, dessen „letzter Pharao“, wie man ihn zynisch nannte, nach Tagen des Massenprotests seinen Thron räumte. Hosni Mubarak war nur ein Herrscher von vielen, die über Jahrzehnte vom Westen hofiert wurden und nun den Zorn der Facebook und Twitter-Generation zu spüren bekamen. Lybien und der Jemen folgten dem Beispiel Ägyptens und entledigten sich nach heftigen Kämpfen und im Falle Lybiens durch Intervention der NATO-Truppen ihrer Dikatatoren. Auf 16 Staaten breitete sich der Arabische Frühling schließlich aus, viele davon stehen jedoch heute vor schwierigeren Problemen als davor. Während der Westen in Ägypten radikale Islamisten befürchtet, richtet sich der Zorn des Volkes nun gegen die Militär-Junta. Andere Staaten stecken in ähnlichen post-revolutionären Problemen fest und werden diese wohl weit bis ins Jahr 2012 hineintragen.

Gescheiterte Staatsmänner
Klammert man die gestürzten Diktatoren des arabischen Frühlings aus, so standen auch westliche Politiker gehörig unter Druck, einige zerbrachen darunter. Den Anfang machte Karl-Theodor zu Guttenberg, der nach Bekanntwerden seines Plagiat-Doktortitels schweren Herzens, wie er beteuerte, seinen Rückzug aus der Politik bekanntgab. Die CSU verlor mit ihm ihren wichtigsten Hoffnungs- und Sympathieträger. Ebenso erging es im April des Jahres der ÖVP, deren Chef Josef Pröll, nach einem erlittenen Lungeninfarkt, den Platz für Michael Spindelegger räumte. Auch sein Vor-Vorgänger Wolfgang Schüssel sah sich nach zahlreichen Skandalen rund um sein ehemaliges Regierungsteam veranlasst, seinen Abgeordneten-Stuhl zu räumen. Seither befindet sich die Volkspartei in einer nicht enden wollenden Identitätskrise zwischen christlich-sozialem „back to the roots“ und neoliberalem Kurs der Schüssel-Ära. Andere Politiker stürzten über Sex-Affären, welche sich im Jahr 2011 wieder einmal als Karriere-Killer Nummer eins herausstellten. Silvio Berlusconis „Bunga Bunga“, Arnold Schwarzeneggers Zweitfamilie mit der Haushälterin und Dominique Strauss-Kahns Schwäche für blutjunge Zimmermädchen führten beispiellos vor Augen, wieviel mächtige Männer für ein paar Minuten Glück aufs Spiel setzen. Gescheitert scheint auch der einstige Polit-Messias Barack Obama zu sein. Seine Reformen blieben auf halbem Wege stecken, die Wirtschaft kommt trotz Milliarden an Stimulations- und Rettungspaketen nicht in Gang und sein einziger außenpolitischer , wenn auch zweifelhafter Erfolg, die Tötung Osama Bin Ladens, kann Obamas Sympathiewerte nicht nachhaltig pushen. Zu Gute kommen kann Obama jedoch die Unfähigkeit der Republikaner, einen geeigneten Herausforderer für die 2012 stattfindende Präsidentschaftswahl aufzustellen. Mit Hermann Cain gab es auch hier einen der zahlreichen 2011er-Sex-Stolperer. Nach Vorwürfen über sexuelle Belästigungen zog Cain seine Kandidatur zurück, bis dahin galt er als mögliche republikanische Gegenfigur zu Barack Obama. Keine politische Figur des Jahres wurde so zwiespältig beäugt, wie der mittlerweile zurückgetretene, griechische Premierminister Giorgos Papandreou. Mit der nötigen Härte, die man in Rest-Europa von ihm erwartete, versuchte er, sein nahe am Bürgerkrieg dahinschrammendes Land, auf einen schmerzhaften Sparkurs zu bringen. Für die einen ein wichtiger Reformer, der eben tue was getan werden müsse, für die anderen ein Volksverräter, der sein Land dem internationalen Raubtierkapitalismus unterwerfen wolle. Papandreous wahre Rolle in der Geschichte kann wohl erst mit dem nötigen historischen Abstand betrachtet werden.

Das Jahr der wütenden Massen
Ausläufer von Stuttgart 21 oder unibrennt waren 2011 nur noch schwach zu spüren, der Arabische Frühling jedoch, leitete das Jahr des Massenprotests ein, der sich zunächst vor allem im Schuldenstaat Griechenland entlud, wo die Politik der Bevölkerung horrende Sparpakete aufbrummen musste. Im August versank London für vier Tage in Anarchie, die massiven Einschnitte bei Studenten und Familien und die sozialen Probleme in den Vorstädten beschwörten den Volkszorn herauf, der sich in der Hauptstadt in Plünderungen,Brandstiftungen und massiven Ausschreitungen äußerte. Während man in Rom gegen das Berlusconi-System demonstrierte und dessen Abgang somit beschleunigte, stiegen in Spanien vor allem Junge auf die Barrikaden, denen die massive Arbeits- und Perspektivenlosigkeit im Land am meisten zu schaffen macht. Schließlich sprang der Funke auch auf die USA über. Occupy Wallstreet wurde zum Synonym für weltweiten Protest gegen die Übermacht der Finanzmärkte und soziale Ungerechtigkeit. Die 99%, wie sich die Demonstranten gerne nannten, wurden vom Time-Magazine zur Person des Jahres gewählt. „Wir sind das Volk“ – der Satz, der 1989 die Parole zum Fall der Berliner Mauer bildete und nun zum Slogan der Wallstreet-Aktivisten mutierte, kann ohne Weiteres auch 2011 als Satz des Jahres bezeichnet werden.

Foto: RamyRaoof, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de

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