Verblendung: Original vs. Remake

Verblendung: Original vs. Remake

Mit „Verblendung“ läuft zur Zeit ein Hollywood-Remake des 2009, nach der Romanvorlage von Stieg Larsson entstandenen Thrillers von Regisseur Niels Arden Oplev, in den heimischen Kinos. Diesmal wagte sich Action-Experte David Fincher über den Bestseller-Plot. Die Hollywood-Inszenierung des schwedischen Originals hält sich zwar nicht unbedingt an Roman,- und Filmvorlage, kann aber durchaus überzeugen.

Die Traumfabrik schafft eben noch immer die schrecklichsten Albträume. „Verblendung“, der erste Teil der Millennium-Romanreihe des schwedischen Bestseller-Autors Stieg Larsson, über den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, der ob seines Recherchetalents als Detektiv angeheuert wird, um eine grausame Mordserie und das mysteriöse Verschwinden eines jungen Mädchens zu klären, ist in seiner Komplexität wohl kaum in einem Satz zu beschreiben. Dass dies filmisch darzustellen, ebenso kein leichtes Unterfangen ist, liegt auf der Hand. Der schwedische Regisseur Niels Arden Oplev schaffte es dennoch, die Millennium-Trilogie in Szene zu setzen. Internationale Anerkennung und Auszeichnungen folgten.

Bei Blomkvists mysteriöser Gehilfin Lisbeth Salander, im schwedischen Original äußerst überzeugend von Noomi Rapace dargestellt, hielt sich Niels Arden Oplev ziemlich genau an die Romanvorlage, in der sich Lisbeth, aufgrund ihrer traumatischen Kindheitserlebnisse als gefühlskalte, labile Persönlichkeit erweist, unfähig menschliche Vertrauensbeziehungen einzugehen. Den Journalisten Michael Blomkvist scheint Lisbeth jedoch im Laufe ihrer Zusammenarbeit lieb zu gewinnen, woraus sich eine tiefer gehende Beziehung entwickelt, die dem Stoff seine zwischenmenschliche Komponente verleiht. Die Neuverfilmung Finchers hebt eben diesen Part hervor, indem Rooney Mara, die mit ihrer Rolle in „A Nightmare on Elm Street“ bereits Remake-Erfahrung hat, eine verletzlichere, lieblichere Lisbeth Salander verkörpert. Finchers Lisbeth wächst dem Betrachter, entgegen  des schwedischen Films, der sich näher am Roman bewegt, von Anfang an irgendwie ans Herz und weckt ob ihrer Hilflosigkeit gewisse Beschützerinstinkte. Die Dramaturgie, die dieser schwierigen Beziehung entwächst und die Tatsache, dass Blomkvist seine Gehilfin Lisbeth am Ende enttäuscht, hinterlässt beim Zuseher ein Gefühl von Traurigkeit. Der Cliffhanger in Finchers Adaption ist derart hart inszeniert, dass man den zweiten Teil der Trilogie am liebsten gleich anschließen möchte.
Interessant auch die Tatsache, dass die europäische Verfilmung den Tod des Serienmörders durch einen Autounfall und Lisbeths unterlassene Hilfeleistung, kritisch thematisiert, während im Remake dies völlig ausgeblendet wird. Ein Film, entstanden in einem Staat, in dem die Todesstrafe als probates Mittel zur Verbrechensbekämpfung gesehen wird, lässt verständlicherweise keinen Zweifel aufkommen, welche Sanktion der Serienmörder Martin Vanger zu erhalten hat, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Michael Blomkvist, im Original vom schwedischen Schauspieler Mikael Nyqvist dargestellt,  verblasst angesichts der fotogeneren Wirkung Daniel Craigs, welcher den neuen Blomkvist mimt. Möchte man sich so nahe wie möglich am Roman bewegen, so hieße die ideale Paarung wohl Noomi Rapace aus der ersten Verfilmung und Daniel Craig, dem man den verlebten, aber durchaus gut aussehenden Journalisten, der im Roman nicht nur mit einer Frau ins Bett steigt, eher abkauft, als dem schüchtern wirkenden Nyqvist.

Zwar gebührt der schwedischen Verfilmung alle Achtung im Hinblick auf Kameraführung, Regie und Kulisse, dennoch merkt man dem Thriller die ursprüngliche Konzipierung für das kleinere TV-Format an. Das Hollywood-Remake besticht hingegen durch weiter verdichtete Szenen, keinerlei Kompromisse in der drastischen Darstellung von Sex, Gewalt und exzessivem Zigarretten,- und Alkoholkonsums, der sich wie ein glühender Faden durch das qualmende Spektakel zieht.

Was Regisseur Gore Verbinski mit den „The Ring“ Verfilmungen, im Original in Japan auf japanischer Romanvorlage entstanden, höchst erfolgreich vormachte, versucht David Fincher nun mit der schwedischen Millennium-Trilogie. Ob die durchaus ansehnliche Verfilmung Niels Arden Oplevs es notwendig hat, einem Vergleich mit dem Hollywood-Remake stand zu halten – ich meine sie hat es nicht – sei dahingestellt. Fincher gelang mit „Verblendung“ ein harter, kompromissloser Psychothriller, der gewisse Details außen vor lässt um zentrale Themen wie Gewalt, Sex, aber auch Liebe, nach allen Regeln der Kunst dramaturgisch hervorzuheben. Darin liegt seine Stärke.

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