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Deichkind: „Befehl von ganz unten“

Deichkind: „Befehl von ganz unten“

Die Hamburger Electro Hip-Hopper Deichkind veröffentlichen mit „Befehl von ganz unten“ ihr fünftes Studioalbum und setzen ihren 2006 begonnenen Siegeszug durch die deutschsprachige Hip-Hop-Szene nahtlos fort.

Wer hätte das gedacht. Die Hip-Hop-Combo, bei der nach dem tragischen Tod des Produzenten und Freundes der Band, Sebastian Hackert, alles auf dem Spiel zu stehen schien, wirft bombastischen Liveshows und künstlerischen Ausflügen ins Theatermetier (Deichkind in Müll) ein Album hinterher, das kaum Wünsche offen lässt. Deichkind, die den Hip Hop zum Electro brachten wie die Jungfrau zum Kind, verstehen es auch auf dieser Platte hervorragend, den halbintellektuellen Teilzeitstudenten und den prolligen Arbeiterhelden in einer Bier-schäumenden Mischung aus Anarcho-Witz, Discobeats und partytauglicher Gesellschaftskritik für eine knappe Stunde Revolution zu vereinen.

Egoismus, Bier und illegale Fans
Wenngleich die ganz großen Hymnen à la „Remmidemmi“ und „Hört ihr die Signale“ diesmal fehlen, fügen die Deichkinder mit dem Opener „99 Bierkanister“, dem „Befehl von ganz unten“ und dem Skihütten-gerechten „Bück dich hoch“ ihrem Hit-Ensemble einige Stücke hinzu. Letzteres reiht sich darüber hinaus in die gesellschaftskritische Sparte des 14 Titel umfassenden Albums ein. Zeilen wie „Komm steigert den Profit, sonst wirst du ausgesiebt“, nehmen das „Arbeit nervt“ Thema gekonnt auf und stellen das Diktat der Leistungsgesellschaft zynisch in Frage. „Leider geil“ und „Egolution“ nehmen gewissenlose Dekadenz, Gleichgültigkeit und rücksichtslosen Egoismus, den schon Falco erfolgreich besang, schonungslos auf‘s Korn. „Illegale Fans“ widmet sich auf ironische Art und Weise, der für viele Künstler Existenz-bedrohenden, Musikpiraterie. „Ihr sagt wir sind kriminell, doch wir sind nur die User. Im Knast saugen wir weiter, Copyrights sind was für Looser.“ Das wohl stärkste Stück des Albums überrascht neben gewohnt kreischenden Electro-Sounds, durch geschickt verpackte Dubstep-Elemente und kann durchaus zum Partyhit des Festivalsommers avancieren.

Toter Mond und rote Kiste
Mit der Luftbahn fahren Deichkind diesmal auf den Mond und fügen dem Musik-Repertoire einen melodiös poppigen Song über den trostlosen Erdtrabanten hinzu. Experimentierfreude äußert sich in der rotzfrechen Punk-Nummer „Die rote Kiste“, die man zusammen mit den Hamburger Alt-Punkern „Slime“ aufnahm. Ein weiteres, bereits totgesagtes Bandprojekt namens „Der Tobi & das Bo“ featurte man mit der Alko-Hymne „Roll das Fass rein“. Deichkinds fünftes Album zeigt sich souverän und wendet das, seit dem Aufstand im Schlaraffenland kreierte Erfolgsrezept, ohne große Überraschungen erneut an. Nach der, für die Band schwierigen Phase um Sebastian Hackerts Tod, geschieht dies in durchaus überzeugender Art und Weise. Auf die Hamburger darf man diesen Tourfrühling also wieder einmal gespannt sein. Gegner des neuen Albums besänftigen die Deichkinder übrigens im Text zu „leider geil“ gleich selbst: „Die Platte von Deichkind, war nich‘ so mein Ding – doch ihre Shows sind – leider geil!“
Deichkind sind im Rahmen der „Befehl von ganz unten Tour“ am 21.3. in Wien und 22.3. in Linz zu sehen.

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