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„Das Stifte-Paradoxon“

„Das Stifte-Paradoxon“

Wie erklärt man seiner Großmutter die Gedankenwelt der heute 20 bis 30 jährigen, ohne ein vernichtendes „ihr habt es doch heute viel leichter als wir“ zu ernten? Mit Buntstiften.

Niemals zuvor hatten wir, die 20 bis 30 jährigen jungen Menschen von heute, eine derartige Fülle an Möglichkeiten und niemals zuvor sah sich eine Generation derartig in ihrer Entscheidungsfindung paralysiert. Wer die aktuellen Kommentare zur so genannten „Generation Maybe“ auf Welt online verfolgt – sehr zu empfehlen ist dieser – und sich nur Ansatzweise in einer der beschriebenen Generationen wiedererkennt, sucht auch nach Strategien seinen – vor allem älteren – Mitmenschen die eigene Lage auf möglichst einfache Weise zu erklären. Aber dazu später.

„Habe Mut zur Entscheidung!“
Das Ideal der liberalen Gesellschaft – die größtmögliche persönliche Freiheit und grenzenlose Möglichkeit zur Selbstentfaltung – sorgt bei Vielen für lähmende Orientierungslosigkeit. Das Verschwinden Lebens-erklärender Werte und Institutionen aus all unseren Lebensbereichen, wie der Kirche, politischer Parteien, oder verschiedener Zweck- und Interessensgemeinschaften, lässt viele junge Menschen ratlos zurück.

Was bleibt ist für die Einen unerschütterliche Marktreligiösität und das kompromisslose Anstreben öknomisch verwertbarer Berufsausbildungen – das hat durchaus seine Berechtigung – junge Menschen, deren Interessenslagen jedoch außerhalb dessen angesiedelt sind, weil ihre Devise meist „Arbeiten um der Arbeit Willen“ und nicht „Arbeiten um des Geldes Willen“ lautet, haben es dabei ungleich schwerer. Die Angst, in jungen Jahren irgendetwas falsch gemacht zu haben und mit 40 mit der Erkenntnis aufzuwachen „hätte ich doch nur dieses – hätte ich doch nur jenes“, treibt viele in die paradoxe Lage gar nichts zu tun.

Unsicherheit und Zukunftsangst in einer der sichersten Zeiten, die die westliche Welt jemals erlebt hat, sind Merkmale dieser Generation. Gewiss, es gibt auch die vermeintlich Unangepassten, die voller Überzeugung Fahnen-schwingend an anti-ACTA-Demos teilnehmen, oder „Nazis raus!“ skandieren. Während manche Orientierungslose Halt in skurrilen Männerbünden suchen, formieren sich andere zu Piratenparteien, oder stehen unerschütterlich zur Umsetzung gesellschaftlicher Utopien. Das alles mag auf den ersten Blick vorbildlich wirken – ist jedoch vielfach nur Konsequenz einer Generation, der das vermeintlich befreiende „auf sich alleine gestellt zu sein“, gar nicht so sehr in den Kram passt.

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Immanuel Kants abgedroschene Aufklärungs-Parole bekommt angesichts der „Generation Maybe“ Renaissance-Charakter. Jedoch fehlt es den Betroffenen bestimmt nicht an Verstand – wie etwa zu Kants Zeiten – nein, es fehlt an Mut. „Habe Mut zur Entscheidung!“, könnte die Kant‘sche Parole 2.0 heute lauten. Diese Mutlosigkeit Entscheidungen zu treffen, sich Ziele zu stecken und konsequent darauf hin zu arbeiten ist ein grundlegendes Charakteristikum heutiger junger Menschen zwischen 20 und 30.

Unsere Großeltern hatten einen Stift, wir haben zehn davon
Nun gut – ohne weiter auszuholen – wie erklärte ich kürzlich meiner Großmutter das Grundproblem dieser Generation? Mit Hilfe eines klassischen Beispiels aus der Wirtschaftspsychologie und Mathematik. Ohne arithmetisch irgendetwas berechnen zu können, denn dies zählt wahrhaftig nicht zu meinen Kompetenzen, lässt sich das Kernproblem in etwa so erklären: Unsere Großeltern erhielten nach den Schrecken des Krieges genau einen Stift. Mit diesem Werkzeug war ihnen der Weg vorgegeben und jeder wusste ihn im Rahmen seiner, je nach sozialer Schicht-Zugehörigkeit gegebenen Möglichkeiten, einzusetzen. Wiederaufbau des Landes, Gründung einer Familie, Schaffung  von Wohlstand.

Unsere Eltern-Generation erhielt bereits drei Buntstifte. Die meisten entschieden sich für einen der Stifte, andere konnten sich schon damals nicht entscheiden und wiederum andere nutzten alle drei Stifte. Leuchtendes Beispiel für letztere Kategorie, ein muskelbepackter Mann, der es schaffte in einem Leben vier verschiedene Top-Karrieren hinzulegen. Ohne jetzt in märchenhafte Erzählungen zu verfallen – was ich damit sagen möchte ist, dass es für diese Nachkriegsgeneration weitaus leichter war Entscheidungen zu treffen.

Die „Generation Maybe“ hat heute zehn Stifte zur Auswahl. Grenzenloser Pluralismus, Hyperindividualismus und das Wissen darum, theoretisch Alles ereichen zu können, hindern massiv daran Entscheidungen zu treffen. Anders gesagt: die Bereitschaft Entscheidungen zu treffen sinkt mit der Anzahl an Entscheidungsmöglichkeiten. Um dem Stifte-Paradoxon – wie ich es nenne – Herr und Frau zu werden, bedarf es einer neuen Form des Mutes. Dem sollten wir uns bewusst werden. Sag ja zur Entscheidung.

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