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UNHEILIG: „Das Wort Star mag ich jedenfalls nicht. Ich bin Musiker“

UNHEILIG: „Das Wort Star mag ich jedenfalls nicht. Ich bin Musiker“

Wo einer hin will, da tut ihm das Glück die Türe auf. Wenn das Glück anpocht, soll man ihm auftun. Zwei Redensarten, die gut beschreiben, was mit Unheilig in den letzten beiden Jahren passiert ist. Dann gibt es noch das französische Sprichwort, welches besagt, dass ein Mann, der den Erfolg verachtet, unwürdig ist ihn zu haben. Der Graf würde dem bestimmt nickend zustimmen.

Viele Feinde, noch mehr Freunde: Den Grafen dürften inzwischen alle kennen. Seit „Geboren um zu Leben“ Radiostationen und TV-Kanäle überflutete, stehen die Zeichen auf Sturm. Seine Songs öffneten die Ohren der breiten Allgemeinheit. Dabei ist das Publikum, welches Unheilig heute anspricht, nicht mehr ausschließlich die Wave- und Gothic-Szene. Der kommerzielle Erfolg kam und vorerst wird er wohl auch nicht mehr verschwinden.

Seine Relaxtheit im Umgang mit Musik und Medien verdankt der Graf dem Umstand, dass er schon jahrelang dabei ist und das Spiel mit Nehmen und Geben gut beherrscht.

Im Interview mit subtext.at spricht er über den wichtigen Faktor Neid und über Missinterpretationen. Außerdem gibt er ganz persönliche Einblicke aus seiner Kindheit mit auf den Weg.

subtext.at: Graf, welche Vision hattest du, als du mit Unheilig vor rund zwölf Jahren angefangen hast?
Der Graf: Eigentlich habe ich vor vierzehn Jahren angefangen, Musik zu machen. Ich habe irgendwann meinen Beruf als Hörgeräteakustiker an den Nagel gehängt und mir gesagt, ich will Musiker werden. Das wollte ich schon mein Leben lang. Ich hab alles gemacht, um diesen Weg dahin zu schaffen. Ich wollte immer mein eigenes Studio haben und meine Lieder selber schreiben und produzieren können, meine Platten veröffentlichen. Mein jugendlicher Leichtsinn und meine Vorstellungskraft haben mich dazu verleitet, zu denken, es wäre so einfach. Meine Ausbildung habe ich jedenfalls zu Ende gemacht und in diesem Beruf gearbeitet, ich wollte aber Musiker werden und einen Plattenvertrag haben. Ich habe dann die Plattenfirmen abgeklappert und alles auf eine Karte gesetzt. Drei bis vier Jahre wollte ich warten, um zu sehen, was ich alles schaffe. Meine Eltern habe ich gefragt, ob sie mich unterstützen, damit ich meine Miete bezahlen kann und das alles. Meine Familie hat mich komplett unterstützt, was super war. Ich konnte dadurch den großen Schritt wagen. Ich habe nie darüber nachgedacht, was daraus werden kann. Ich wollte immer nur davon leben können. Ich habe es gehasst, einen normalen Job zu machen und im Herzen die ganze Zeit an Lieder, Texte, Kompositionen und Geschichten zu denken, die ich gerne erzählen würde. Wenn du ein kreativer Mensch bist, dann willst du kreativ sein. Jeder Beruf hat mich da nur aufgehalten. Mein Ziel war es, Musiker zu werden und mein Hobby zum Beruf zu machen.

subtext.at: Woher kommt dein Hang zum Geschichtenerzählen?
Der Graf: Als Kind bin ich ein extrem stilles Kind gewesen. Ich habe auch extrem gestottert. Ich hab quasi alles gemacht, was nicht mit Reden zu tun hatte. Sport habe ich gemacht ohne Ende, viel gezeichnet. Irgendwann wollte ich ein Instrument spielen, weil da musst du auch nichts sagen, die Leute hören dir aber trotzdem zu. Eigentlich habe ich so die Musik lieben gelernt. Für mich war es ein Ausdrucksmittel, eine Sprache. Wenn du etwas kannst, was andere Leute nicht können, dann bekommst du eine Aufmerksamkeit, die du sonst nicht bekommen würdest. Malen tut eh jedes Kind, aber Lieder spielen und eine Fingerfertigkeit besitzen, komponieren, was ich damals schon gemacht habe, mit eigenen Melodien, eben nicht. Dadurch wirst du mutiger und du fühlst dich wertvoller. Du bist nicht nur der Stotterer, der sich nicht wehren kann verbal. So konnte ich irgendwie davon ablenken. Dann habe ich irgendwann angefangen zu singen und dann ist das immer mehr geworden. Ich konnte in meine eigene Welt abtauchen. Ich wollte früher als Kind auch Filmkomponist sein.

subtext.at: Unheilig sind in den letzten Jahren zu einem wesentlichen Teil der deutschsprachigen Popkultur geworden.
Der Graf: Ja, waren wir.

subtext.at: Hast du in dieser Zeit auch viel Neid erfahren müssen?
Der Graf: Ja, seitens der Gothic-Szene auf jeden Fall. Es gibt viele Leute, die nicht verstehen können, wie ich im Fernsehen auftreten kann oder warum meine Musik plötzlich im Radio läuft. Es ist ein Auflehnen gegen den Kommerz. Die finden das bestimmt auch uncool, wenn der Nachbar, der nicht in Schwarz herumrennt und nicht tätowiert ist, auf einmal auch Unheilig hört. Das finden die doof. (überlegt kurz) Ich habe mich damit auseinandergesetzt, das war extrem 2010 und 2011, gerade die ganzen Gothic-Magazine haben darüber berichtet. Konnten auch alle lesen, was auch OK ist. (überlegt) Ich stehe dazu, dass ich das mache. Ich unterscheide nicht, ich bin Musiker, bin Künstler und ich will meine Musik präsentieren. Wenn ich mir zehn Jahre den Popo aufreiße, damit ich endlich mal ins Fernsehen komme und dann sage ich nein – was bin ich denn dann? Wenn ich der erfolgreichste Musiker 2010 bin und ich werde dann eingeladen, wie borniert und arrogant wäre ich denn, wenn ich dann sage: „Nee, ihr dürft mich nicht sehen.“ Ich unterscheide doch nicht zwischen Menschen, die meine Musik hören dürfen und welche nicht. Wo sind wir denn da? Als Künstler musst du jeden Menschen gleich behandeln. Ich bin auch dankbar, wenn ich eine Plattform bekomme, die Menschen meine Musik hören und sie auch mal kaufen. Wenn ich ein Maler bin, mache ich auch kein Bild, das sich nur bestimmte Leute ansehen dürfen. Darf man doch nicht machen. Dementsprechend sehe ich das mittlerweile recht gelassen. Ich weiß, dass ich es allen Leuten nicht recht machen kann und es gibt welche, die es anders sehen. (überlegt) Ich sehe es auch anders (lacht).

subtext.at: Was sind die größten Missinterpretationen deiner Person?
Der Graf: (überlegt) Ich wundere mich immer wieder, wenn ich irgendwo hingehe, welche Erwartungshaltung manche Leute an mich haben. Da kommt jetzt irgendwie der glatzköpfige, böse Graf zu mir, der so wirkt, als wäre er ganz böse. Wenn ich dann reinkomme und fröhlich sage „Hallo!“, dann gucken die erst mal blöd und verstehen die Welt nicht mehr. Man erwartet sich unter dem Namen Unheilig, der Graf, irgendetwas, was böse ist. Ich bin nicht böse. Ich bin ein ganz normaler Typ, der einfach gerne Musik macht. Der sich so anzieht, um sein Privatleben aus der Öffentlichkeit raus zu halten. Der sich der Graf nennt, um ein Pseudonym zu haben, damit man nach außen nichts über das Privatleben schreibt. Ansonsten bin ich ein umgänglicher, netter Mensch. Das Wort Star mag ich jedenfalls nicht. Ich bin Musiker.

subtext.at: Weshalb funktioniert Unheilig so generationsübergreifend?
Der Graf: Ich weiß es nicht. Meine Musik erzählt vom Leben, von all den Höhen und Tiefen, von den schönen und unschönen Dingen. Ich beschäftige mich damit und schreibe mir das von der Seele, damit ich mit meinem Leben klarkomme. Ich versuche, die Welt zu verstehen indem ich Lieder schreibe. Dinge, die mich berühren, versuche ich zu verarbeiten. Aus irgendeinem Grund finden sich die Menschen darin wider. Viele Menschen. Finde ich super, finde ich total schön. In dem Moment, wenn du über dein Leben, deine Ängste, Hoffnungen, Träume schreibst und du triffst Menschen, die dir sagen „Das sind genau die Worte, die ich auch habe, das sind Situationen, wo mir die Musik hilft“, weiß ich, dass wir alle etwas gemeinsam haben. Wenn das in dieser Größenordnung passiert, dann kann die Welt doch nicht so schlecht sein.

subtext.at: Kannst du wichtige Elemente benennen, die dazu führen, dass Musik, so wie du sie dir vorstellst, entstehen kann?
Der Graf: Am Anfang muss immer eine Emotion vorhanden sein. Es muss irgendetwas bei mir passieren, dass ich etwas fühle und ich den Drang dazu habe, es in ein Lied auszurücken. Das kann in jeder Form sein. Es kann ein Klavierstück, ein Text oder ein Gedicht sein. Dann wird das so produziert, wie ich mir das vorstelle. Ich gehe zum Produzenten und sage, wie ich das gerne hätte. Ich bleibe so lange am Ball, bis es so ist, wie ich mir das vorstelle. Bis mein musikalisches Verständnis glücklich mit dem Ergebnis ist.

subtext.at: Ist die Musik von Unheilig originell oder authentisch?
Der Graf: Also authentisch auf jeden Fall. Jeder, der selber Musik schreibt, ist authentisch. Glaubhafter, als wenn du dich hinstellst und ein Lied eines anderen singst. Wenn jemand ein Lied singt, welches er nicht selbst geschrieben hat, dann habe ich persönlich so meine Probleme damit.
Er kann das bestimmt genau so fühlen und sich da hineinversetzen, aber es ist ein bisschen so, als würde man dem Kellner sagen: „Du hast super gekocht“. Weil es kommt ja nicht von ihm. Der Koch steht hinten irgendwo, genau so, wie der Komponist eines Liedes. Er übergibt es dem Künstler und sagt: „Sing das mal.“ Es ist wichtig, selber kreativ zu sein. Irgendwann, wenn die Lichter einmal ausgehen und sich keiner mehr um einen kümmert, dann ist man alleine. Es hilft, wenn man selber Lieder schreiben kann und du dich mit dem auseinandersetzt, was du tust. Das ist wichtig. (überlegt kurz) 2010 war für mich die Musik schon lebensnotwendig. All die Dinge, die auf mich eingeprasselt sind – daraus ist ein neues Album geworden. Wenn ich nicht die Musik gehabt hätte, wäre ich für drei Wochen in den Urlaub gefahren, um zu reflektieren.

subtext.at: Welcher Charakterzug fehlt dir heute, den du früher einmal gehabt hast?
Der Graf: (lacht auf) Ich versuche, die Leichtigkeit des Seins, wie ich sie in der Kindheit gehabt habe, immer festzuhalten. Ich weiß, es ist schwer. Wenn du viel erlebst, versuchst du ja, diese Leichtigkeit wieder zu finden. Gerade auf dem neuen Album gibt es Songs darüber. Ich glaube, ich habe immer noch dieses Kind in mir drin, aber ab und zu muss ich mich auch daran erinnern oder es mir bewusst machen. Es immer noch da ist. Diesen Charakterzug hab ich noch, sonst wäre ich nicht so positiv bescheuert in dieser Sache.

subtext.at: Positiv bescheuert – gute Aussage. Habe ich auch noch nie gehört.
Der Graf: Sind alle so, die Musik machen, Bücher schreiben oder Bilder malen. Das ist gar nichts Negatives (lächelt). Du musst verrückt sein. Ein bisschen zumindest.

Links & Webtips:
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Foto:
Universal

 

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