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Die Vertreibung ins Paradies

Die Vertreibung ins Paradies

 

Unter diesem Motto ging das diesjährige Donaufestival in Krems über die Bühne. Die Suche nach dem Urzustand durch eine Kultur der Unkultur stand dabei im programmatischen Mittelpunkt.

Das nun schon fast ein Vierteljahrhundert existierende Festival für Kunst, Performance, Musik und allerlei avantgardistische Umtriebe, hatte sich für‘s Jahr 2012 eine Art von Umkehr vorgenommen. Nachdem man die letzten Jahre große Publikumsmagneten wie James Blake oder Deichkind im Programm hatte und kurz davor war, seinen Status als alternatives Festival mit dem gewissen Underground-touch, (ungerechtfertigterweise) an die Unterhaltungsindustrie zu verlieren, sollte im Jahr der Krisen-, Spar- und Umkehrvisionen, die Vertreibung in den paradiesischen Urzustand herbeigeführt werden.

Die Überwindung der „zweiten Natur“
War es doch die Kultur, auch zweite Natur des Menschen genannt, die uns aus dem Urzustand löste, so muss es doch – geht es nach Festivalleiter Tomas Zierhofer-Kin – über die Praxis der Unkultur, eine Möglichkeit zur Rückkehr in den paradiesischen Naturzustand geben. Um dieses utopische Ziel greifbar zu machen, ließ man seitens der Organisatoren nichts unversucht.

Foto: chairlift

Materialkünstler John Bock macht‘s vor
Mit John Bock (noch zu sehen bis 24.Juni) in der Kunsthalle Krems, präsentierte man einen der interessantesten Aktions- und Materialkünstler der Gegenwart. In Videos,Performances,Theaterstücken und skurrilen Skulpturen arrangiert Bock Alltagsgegenstände und Wegwerfutensilien zu fantastischen neuen Gebilden. John Bock zeigt einen Weg in den Naturzustand, indem er die von Menschen aus Plastik geschaffenen Kulturgegenstände ihrer Funktion enthebt und in eine provozierende Sphäre der Unkultur entführt.

Foto: Jan Windszus

Schwerpunkt Feminismus
Mit zahlreichen Performances, Hör- und Theaterstücken und einer „Wachau International Europe in 2 hours“ Tour der Performancegruppe Gods Entertainment, machte man seinem Namen als Festival des alternativen Theaters alle Ehre. Großen Wert legte man bei der Vertreibung ins Paradies auf feministische Aspekte und so präsentierte man mit den experimentierfreudigen Electro-Schwestern Cocorosie, der Performancegruppe Dolce After Ghana oder den Lesbians on Ecstasy geballte Feminismuspower.

Foto: Florian Schulte

Cunningham als Höhepunkt
Elektronischer Höhepunkt des Festivals war ganz klar der legendäre Videoregisseur und Technokomponist Chris Cunningham, dessen Video zu Björks „All is full of Love“ im New Yorker MOMA zu bewundern ist. Cunningham bot ein multimediales DJ-Set bestehend aus Lasershow, Videosamples und Musik im Stile Aphex Twins, für den er bereits öfter  als Videoregisseur (Come to daddy) tätig war. Das kompromisslose, aber konsequente künstlerische Vorgehen Chris Cunninghams, schafft eine kulturelle Atmosphäre, die jener beschworenen Kultur der Unkultur schon ziemlich nahe kommt. Die Vertreibung ins Paradies mag letzten Endes zwar nicht ganz geglückt zu sein, doch nach sechs Tagen Donaufestival, schien man zumindest den Fuß in der Tür zu haben.

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