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Informelle Arbeit – Chance oder Bedrohung?

Informelle Arbeit – Chance oder Bedrohung?

Ein gesellschaftlicher Wandel kommt derzeit auch zunehmend im Bereich der Wirtschaft und in Folge dessen auf dem Arbeitsmarkt zu tragen. Wie definiert sich „informelle Arbeit“, wie sieht die Situation aus, was spricht dafür, was dagegen?

Gudrun Biffl, eine mehrfach ausgezeichnete Wirtschaftsforscherin an der Donau- Universität Krems, war im Rahmen der „Lunch Lectures“ am 16. Jänner 2013 zu Gast auf der Johannes Kepler Universität Linz.

Zum Begriff

Die informelle Arbeit weicht von der gesetzlich geregelten Normalform und vorherrschenden Standards ab, das können prekäre (unsichere, beispielsweise nicht genug Einkommen für den Lebensunterhalt) Beschäftigungsverhältnisse sein genauso wie Schwarzarbeit. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind dabei nicht mit atypischen (Teilzeit, befristet, …) gleichzusetzen, sie gehen aber oft Hand in Hand. Die Definition verschiebt sich je nach Wirtschaftsordnung und Zeit. Als Motive nennt Biffl unter anderem die Anstiege von Flexibilisierung und Internationalisierung.

Situation in Österreich

Aufgrund der sozialen Wünschbarkeit sei es schwierig, direkte Befragungen durchzuführen, um den Anteil an informeller Arbeit zu messen. Es haben sich dadurch jedoch Personengruppen herauskristallisiert, Studierende, Junge und Arbeitslose sind tendenziell häufiger im informellen Bereich anzutreffen als andere Gruppen. Abgesehen davon sind die meisten Personen nebenberuflich im informellen Sektor tätig. Am stärksten betroffen sind Haushalt und persönliche Dienste mit 52 Prozent, gefolgt vom Bau mit 28 und Reparaturen mit 16 Prozent. Biffl spricht von einem „kontrollierten Schwarzmarkt“, der zur Wettbewerbsfähigkeit beitrage, dennoch Unsicherheiten und eine Destabilisierung (Einkommensungleichheit, …) mit sich bringe. Sie erinnert an die Debatte im Pflegebereich, ausgelöst durch einen Betreuungsfall bei Schüssel und macht auf die informelle Arbeit unter MigrantInnen sowie die Situation in der Votivkirche aufmerksam. Interessant sei, dass Österreich rein bei der befristeten Beschäftigung etwa gleich viele In- wie AusländerInnen aufweist und damit im Kontrast zu Spanien und Schweden steht. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass MigrantInnen vor allem sehr häufig in Bereichen arbeiten, für die sie überqualifiziert sind. BürgerInnen aus anderen EU- Staaten haben hingegen überhaupt eher Anstellungen, die ihren Qualifikationen entsprechen, als InländerInnen.

International betrachtet

Während die USA zwar eine niedrigere Arbeitslosenquote als die Europäische Union aufweist, ist sie vermehrt mit dem Phänomen der „working poor“ konfrontiert, an der Armutsgrenze Lebenden trotz  Erwerbsarbeit. In der EU selbst ist es im Zug der Finanzkrise zu einem sogenannten „jobless growth“, einem Wirtschaftsaufschwung fast ohne zusätzliche Beschäftigung, gekommen. 6 Millionen Arbeitsplätze gingen seither in den EU-27 verloren, 75 Prozent Beschäftigungsquote gelten als Ziel. In Österreich wurde das Niveau von 2008 auch 2011 annähernd erreicht, Deutschland hatte noch geringere Probleme.

Auswirkungen

Durch die informelle Arbeit werden das Ausmaß an Beschäftigung, das BIP und die Produktivität unterschätzt, der Wettbewerb werde verzerrt. Dem Staat entgehen Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge. Es kommt zu einem Sozial-Dumping: der Nicht- Beachtung von Arbeitsstandards und Mindestlöhnen, einer Verringerung der Pensionsrechte, der Exklusion von Sozialleistungen, … Biffl weist genauso auf Statements hin, die sich für die informelle Arbeit aussprechen: die Schaffung weiterer Arbeitsplätze, die Sicherung des Realeinkommens und die Verringerung von Armut. Ehrenamt würde sie allerdings nicht als informelle Arbeit werten, auch wenn vermutlich einige nur hingingen, um sich für spätere Jobs zu qualifizieren.

Diskussion

Zur abschließenden Diskussion, die aufgrund Biffls Fernsehauftrittes sehr in Richtung Wehrpflichtdebatte gelenkt wurde, meinte diese, dass das Modell des Sozialministers ein „Übergangsarbeitsmarkt“ sei. EntscheidungsträgerInnen selbst würden wissen, was sie eigentlich wollen und daher Erkenntnisgewinne stören.

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Written by

Katharina hat einen Abschluss in Soziologie und studiert Politische Bildung in Linz. Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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