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Zeit und Schnelllebigkeit

Zeit und Schnelllebigkeit

Das Phänomen Zeit ist allgegenwärtig, wenn man an die Beschäftigung damit in der Kunst beziehungsweise in den Wissenschaften, in Wirtschaft und Politik oder einfach an den eigenen Alltag denkt. „To-do-Listen“ werden immer länger trotz erfüllter Aufgaben, man hat das Gefühl, noch etwas erledigen, Prioritäten setzen oder ständig erreichbar sein zu müssen. Wie sieht es nun mit dem Zeitverständnis im Kulturvergleich aus, welche Ansätze gibt es zur Erklärung von Schnelllebigkeit und was sind Alternativen, die zur Entschleunigung beitragen sollen?

(kulturelles) Verständnis von Zeit

Zeit hat eine unumkehrbare Richtung. Während wir in der Grammatik zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem unterschieden, ist diese Differenzierung anderen Kulturkreisen völlig unbekannt. Angehörige afrikanischer Völker haben etwa die Frage gestellt, wie man Zeit denn verschwenden könne, schließlich würde man sie immer nutzen, auch wenn es vielleicht für etwas Anderes ist, als das, was von einem gerade erwartet wird. Während beispielsweise Naturvölker tendenziell mehr auf die Grenzen ihres Biorhythmus achten, versuchen speziell Menschen in Industrieländern diese durch Doping oder Aufputschmittel zu verschieben. Zeit wird vor allem durch Arbeit, Öffnungszeiten, usw. strukturiert, das individuelle Zeitgefühl kann dabei stark vom objektiven abweichen.

Schnelllebigkeit

Das Lebenstempo hat sich in den letzten zweihundert Jahren verdoppelt, Schnelllebigkeit betrifft bereits Kinder (Stichwort „Terminkindheit“). 1974 wurde das Burn-out zum ersten Mal beschrieben. Wir sind einer Informationsflut, neuen Entscheidungs-und Wahlmöglichkeiten, Anforderungen und Veränderungen in Arbeit, Freizeit und Kommunikation etc. ausgesetzt. Dinge würden fremd bleiben, weil wir sie zu oft austauschen. Wir wollen, wenn möglich, auf nichts verzichten; kein Mono- statt Multitasking betreiben, setzen uns Freizeitstress aus, weil wir an kein Leben nach dem Tod mehr glauben. Laut Marx sei der moralische Verschleiß höher als der physische.

Ursachen für das Phänomen der Schnelllebigkeit werden neben der Technologie und einem sozialen Wandel genauso in der Wirtschaft und Politik gesehen. Es gehe primär um Wettbewerbsfähigkeit, nicht darum, ob die vielen Informationen überhaupt noch aufgenommen werden können oder ob für alle hergestellten Produkte Verwendung gefunden werden kann. Manche stellen die Frage, ob die Wirtschaftskrise 2008 als Folge der Schnelllebigkeit zu sehen sei. Gebremst wird das Wirtschaftssystem zwar von Gesetzen, nur will der Neoliberalismus auf der anderen Seite genau diese verhindern. In Deutschland gibt es eine Gesellschaft für Zeitpolitik, die eine Beschleunigung im Leben zwar befürwortet, aber nicht in allen Bereichen. Interessant sei etwa, dass bei Zeitknappheit vor allem die Frage nach technischer Beschleunigung im Vordergrund stehe, weniger die Arbeitsein- und aufteilung.

Laut dem deutschen Soziologieprofessor Rosa sei es notwendig sich zu fragen, wie viel Geschwindigkeit passabel für ein gutes Leben sei und was die Qualität steigern könnte. Das seien Anliegen, die auch in die Politik Eingang finden sollten.

Alternativen

Rosa schlägt eine kontrollierte Abstinenz von Handy und Internet (Problematik: viele Anrufe und E-Mails als Zeichen der Anerkennung oder aus Angst davor, dass wir uns selbst ausgesetzt sind?)vor, sich abzugrenzen, wenn jemand etwas von einem will und meint, dass eine gewisse Unempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen notwendig sei. Man solle zwar auf etwas verzichten, aber wenn möglich nicht wegen dem Verzicht an sich. Um es in den Worten Tucholskys zu sagen: „Leben heißt aussuchen“.

Da Strukturen allerdings ein großer Einflussfaktor auf die Zeit sind (Laut einer Studie verkürzen sich Meetings beispielsweise von selbst, wenn sie im Stehen stattfinden), haben sich auch ganze Entschleunigungsprojekte entwickelt. Eines der bekanntesten dürfte wohl das „Bruttonationalglück“ in Bhutan sein, zu dem aktuell gerade der Film „What happiness is“ im Moviemento Kino läuft. Die etwa 700.000 Einwohner leben seit 2008 in einer Demokratie, die gratis Schulbesuch und Gesundheitsvorsorge ermöglichte und keine Fast- Food- Ketten zulässt. Um die Bedürfnisse der BürgerInnen zu messen, werden diesen 290 Fragen gestellt, die Bildung, Gesundheit oder die Regierungsführung beispielsweise behandeln. Des Weiteren findet kritische Berichterstattung, aber nur einer einzigen Zeitung, statt und die Umwelt ist per Verfassung geschützt. Selbst wenn Armut immer noch ein Problem in Bhutan darstellt, liegt dieser Staat beim Happy Planet Index auf Rang 13.

Eine weitere Alternative  könnte das bedingungslose Grundeinkommen sein, das hierzulande zwar immer wieder diskutiert, aber von größeren Medien oder PolitikerInnen doch nie so wirklich wahrgenommen wird. Dafür sprechen würde, dass dadurch niemand mehr mit Zwang arbeiten müsste, weil seine/ihre Existenz auch so gesichert wäre und sinnvolle Arbeiten im Kultur-/Bildungsbereich oder in der Betreuung nicht ausgehen werden. Eingewandt wird, dass dieses sowieso nur ungerecht sein könne, weil schon die Bedürfnisse der Menschen sich nicht gleichen. In Teilen Namibias hatte das „Projekt bedingungsloses Grundeinkommen“ Erfolg.

Bei Industriestaaten wird eine Schwierigkeit darin gesehen, dass kommerzielle Interessen häufig eine größere Rolle spielen würden als die der Bevölkerung.

Zeit in der Kunst

Derzeit ist eine Ausstellung im Ars Electronica Center Linz (http://www.aec.at/news/) zum Thema „Zeit ist Held“ zu sehen, bei der man sich unter anderem anhören kann, was Zeit eigentlich ist oder wie sie kulturell verstanden wird. Studierende der Fachhochschule Salzburg haben Momente des Glücks oder der sogenannten „Zeitlosigkeit“ dargestellt. Daneben kann man sein Lebenstempo messen und mit anderen Staaten vergleichen oder einen Test machen, wie es denn mit dem eigenen Stresslevel aussieht.

Ein Buch/Film, das sich mit diesem Thema in den unterschiedlichsten Facetten beschäftigt, ist „Speed. Auf der Suche nach der verloren Zeit“ von Florian Opitz.

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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