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Filmkritik: „Hannah Arendt“: Eine Hommage an das Denken

Filmkritik: „Hannah Arendt“: Eine Hommage an das Denken

Regisseurin Margaretha von Trotta, bekannt für die Verfilmung mehrerer „Frauenschicksale“, zeigt in ihrem neuen Film ein differenziertes Porträt der jüdischen Philosophin Hannah Arendt. Erwarten sollte man sich jedoch nicht vordergründig ein Werk über den Eichmann- Prozess oder Arendts komplette Biografie.

Hannah Arendt (Barbara Sukowa) verlässt Deutschland 1933 und immigriert in die USA. 1961, in zweiter Ehe mit Heinrich Blücher (Axel Milberg) und an der Universität Philosophie lehrend, bietet sie der Zeitung „New Yorker“ an, über den Eichmann- Prozess in Jerusalem zu berichten. 1963 wurde „Die Banalität des Bösen“, dessen Frage sie bis zu ihrem Tod beschäftigte, in Buchform veröffentlicht. Ihre Beschreibungen von Eichmann als unauffälliger, nicht eigenständig denkender Mensch oder den Einfluss der Judenräte auf den Holocaust stoßen vor allem bei der jüdischen Bevölkerung auf Unverständnis und heftige Kritik. Es kommt zum Bruch mit KollegInnen oder langjährigen FreundInnen wie Kurt Blumenfeld (Michael Degen). Konsequent stellt sich Arendt den Auseinandersetzungen, beschäftigt sich weiterhin mit den Themen Totalitarismus, Macht und der Frage nach dem Bösen. Sie ist der Ansicht, dass der Mensch von Grund auf weder gut noch böse sei und dass man auch dahin denken müsse, wo es weh tut, um Dinge zu verstehen.

In weiteren Rollen sind Julia Jentsch („Sophie Scholl“) als Assistentin Lotte, Janet McTeer als Arendts Freundin Mary, Klaus Pohl als (nationalsozialistischer) Philosophieprofessor Martin Heidegger, mit dem Arendt in ihrer Studienzeit eine Affäre hatte, oder Nicholas Woodeson als „New Yorker“- Redakteur zu sehen. „Hannah Arendt“ wurde 2012 in Deutschland, Luxemburg sowie der USA gedreht. Die knapp 2 Stunden Spielzeit arbeiten mit Rückblenden und Original- Filmmaterial des Eichmann- Prozesses. Neben der Recherche wurden Zeitzeugengespräche geführt.

Margaretha von Trotta („Die bleierne Zeit“) hat ein Werk kreiert, das sich nahe an der Realität bewegt und auf Details achtet. So lässt sie ihre Protagonistin Sukowa („Lola“, „Homo faber“) immer wieder zur Zigarette greifen, stellt sie als sympathische, sture und zugleich gute Rhetorikerin dar. Auf der anderen Seite wird die Philosophin nicht hochstilisiert. Ihre Selbstzweifel finden genauso Eingang wie ihre schwachen Momente. Eine Ausnahme, in der man von Hochstilisierung sprechen könnte, stellt die Rede vor Studierenden dar. Es entsteht der Eindruck, dass diese mit ihren Ansichten absolut einverstanden seien. Des Weiteren kommen weder das berufliche Schaffen noch das Privatleben der Hauptperson zu kurz.

Der Beginn und das Ende des Dramas gestalten sich- zwar mit Spannung, aber doch- als etwas überraschend und abrupt. Feiner Humor wurde speziell in den Dialogen eingesetzt, ohne das Geschehen ins Lächerliche zu ziehen. Es handelt sich nicht um einen Film, der zu Tränen rührt und der möglicherweise überhaupt etwas mit Emotionen gespart hat, aber genau das wiederum erzeugt eine zum Nachdenken und Weiterphilosophieren animierende Stimmung. Einen Teil dazu tragen sicher auch die guten Schauspielleistungen bei.

Definitiv interessant und immer noch hochaktuell sind meiner Meinung nach Hannah Arendts Denkansätze, die sich für differenzierte Sichtweisen aussprechen. Nach wie vor ist es oft so, dass man bemüht ist, klar zwischen Opfern und TäterInnen zu trennen, dass viele Begriffe mit Konnotationen versehen sind, bestimmte Themenbereiche heikler zum Ansprechen als andere sind und dergleichen mehr. Erschreckend sind dazu Eichmanns nüchterne, emotionslose Aussagen, sein blinder Gehorsam oder Arendts Theorien, die von menschlicher Gefahr derjenigen ohne Überzeugungen, für die sie eintreten, sprechen. Erschreckend vielleicht deshalb, weil man ihnen durchaus etwas abgewinnen kann und sie auf den ersten Blick banal erscheinen, um Verbrechen erklären zu können.

„Hannah Arendt“ läuft derzeit im Moviemento Kino Linz.

Fazit: Ein unbequemer, aber durchaus sehenswerter Film, der keine bloße Unterhaltung anbietet. Wie man den Film mit 6 Jahren verstehen soll, weiß ich beim besten Willen allerdings nicht.

http://www.hannaharendt-derfilm.de/

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) oder freier Mitarbeit bei Redaktionen. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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