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Theaterkritik „Waisen“: Die Verlassenheit der Gesellschaft

Theaterkritik „Waisen“: Die Verlassenheit der Gesellschaft

Das Stück „Waisen“ von Dennis Kelly wurde 2009 im Rahmen des Edinburgh Festivals uraufgeführt. Seit dem 14. Februar 2013 ist der gesellschaftskritische Psychothriller nun im Linzer Phönix Theater zu sehen.

Helen (Judith Richter) und Danny (Matthias Hack) werden in ihrem romantischen Abendessen unterbrochen, als Helens Bruder Liam (Felix Rank) – blutbeschmiert und verwirrt- in die Wohnung tritt. Er habe einem Verletzten helfen wollen, doch dieser sei plötzlich aufgestanden und davongelaufen. Danny schlägt vor, den Jungen zu suchen, wird aber von Liam und Helen davon abgehalten. Die Polizei hätte es auf Liam abgesehen, weil dieser vorbestraft ist. Dannys Aussage „Also darauf läuft es heutzutage hinaus? Wen wir kennen und wen nicht?“ verdeutlicht seine Zweifel, sein Gefühl der Verantwortung oder die schwindende Zivilcourage in der Bevölkerung. Die Situation eskaliert: Alle drei Beteiligten beginnen miteinander zu streiten, Ungesagtes kommt an die Oberfläche, alte Konflikte werden aufgerollt und schließlich widerspricht sich Liam immer mehr, bis eine ganz andere Version seiner Geschichte zum Vorschein kommt…

Dennis Kelly („Schutt“, „Liebe und Geld“) hat mit „Waisen“ ein politisches und äußerst kritisches Stück geschaffen. Er behandelt Themen wie Angst, Terrorismus, Fremdenfeindlichkeit, Gewalt, Liebe und Abhängigkeit, Moral und in Bezug auf Hannah Arendt die Banalität des Bösen. Seine Charaktere sind von Krisen gezeichnet und stellen durchaus interessante, sich verändernde Menschen, dar. In einem Interview mit Brigitte Auer erklärt Kelly, dass der Begriff „Familie“ von rechten PolitikerInnen missbraucht werde, um Unterscheidungen zwischen „wir“ und „die“ treffen zu können. Doch sobald man anfange, nur noch an sich selbst zu denken, breche die Gesellschaft auseinander. Des Weiteren sei Manipulation nicht zwingend sofort negativ zu betrachten, sie müsse aus einer guten Intention heraus geschehen. Auf den Titel des Theaterstückes angesprochen, erklärt Kelly, dass sich dieser nicht nur auf die verwaisten Geschwister, sondern auch auf die Verlassenheit der Gesellschaft beziehe. Wir würden kaum mehr jemandem trauen und hätten ständig Angst. Eine Angst, die außer Kontrolle gerät, die uns verschlingt und dazu bringt, Schlimmes zu tun. Man mache es sich zu einfach, wenn man sich auf eine schlechte Kindheit herausrede und ständig als Opfer bezeichne.

Die Darstellungen von Richter, Hack und Rank sind authentisch. Sie bewegen sich zwischen einer Emotionspallette von Wut, Hysterie, Verzweiflung und Angst, um ein paar zu nennen. Während man anfangs versucht, Ruhe zu bewahren, findet die Panik schließlich immer mehr Eingang in das Geschehen. Die ProtagonistInnen wechseln ihre Sichtweisen, sind mal zu zweit, dann wieder jede(r) für sich auf einer Standpunktseite. Das Schauspiel ist trotz der extremen Situation realitätsgetreu und schafft es, dem Publikum einige Lacher zu entlocken. Vielleicht, weil man sich mit dem Gespielten identifizieren kann, vielleicht, weil man die Lächerlichkeit eigener Handlungen feststellt.

Magdalena Gut stellt ein Wohnzimmer auf der Bühne und gegen Ende hin ein Schlafzimmer dar. Die Einrichtung repräsentiert die sogenannte „ soziale Mittelschicht“, die Wohnung des Paares passt als intimer Schauplatz, abgeschottet von dem „Leben da draußen“. Ilona Glöckels Kostüme unterstreichen die Charaktere und Eigenschaften der Darstellenden, ohne sich in den Mittelpunkt zu drängen. Im Vordergrund des von John Birke übersetzten Werkes stehen- wenn das schon sonst nicht mehr überall der Fall ist- nach wie vor die Menschen.

Als schräge Elemente halten das Ausgehen des Lichtes im Vorführungssaal oder eingespielte Geräusche, die nicht eindeutig einordbar sind, her. Seufzen, Stöhnen, Würgen, in meiner Interpretation auch Brechgeräusche, die „Waisen“ begleiten. Für die Musik zuständig waren Armin Lehner und Christian Reiner. Im Finsteren wurde das Bühnenbild einmal verändert.

Eine Herausforderung ist, dass Dennis Kelly („bester ausländischer Dramatiker 2009“) mit „Waisen“ ein anspruchsvolles Stück, das Mitdenken erfordert sowie unheimlich viel Aussagekraft in einzelnen Textpassagen enthält, vorgegeben hat. Helen spricht mit folgendem Satz zugleich Zukunftsängste, Beziehungsängste/Beziehungsprobleme und gesellschaftliche Erwartungen an: „Wenn ich das hier betrachte, unser Leben, unsere Leben, dann bin ich mir, ehrlich gesagt, nicht hundert Prozent sicher, dass es so optimal läuft oder wo hinläuft, wo, oder zumindest so gut, wie, wie, wie wir vielleicht mal angenommen hatten, entsprechend unseren…Erwartungen“.

Die eineinhalb Stunden Aufführungsdauer sind dicht gepackt mit Zeitkritik, aber eine gute „Zeitinvestition“ und besonders empfehlenswert für-  Kinder ausgenommen- all jene,  die starke Nerven haben und nicht nur auf klassische Theaterstücke aus sind.

„Waisen“ wurde mit dem Fringe First sowie dem Harald Angel Award ausgezeichnet. Bis April wird es parallel mit „Der Weibsteufel“ im Linzer Phönix Theater aufgeführt. Die nächsten Termine sind der 3. 7. und 8. März, jeweils um 19:30 Uhr. Mittwochs, für dieses Stück zunächst am 13.März, gibt es Karten für Studierende um 7 Euro.

http://www.theater-phoenix.at/spielplan.php?action=content&s_id=331

 

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Katharina hat einen Abschluss in Soziologie und studiert Politische Bildung in Linz. Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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