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Crossing Europe: Vaters Garten

Crossing Europe: Vaters Garten

In „Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“ portraitiert der Schweizer Filmschaffende Peter Liechti seine achtzigjährigen Eltern.

Peter Liechti war ein schwieriges Kind, wie seine Eltern im Rückblick feststellen. Zerrissene Jeans, ungehorsam und eigenwillig, verrückte Ideen. Eine dieser Ideen hat der Schweizer Filmregisseur nun mit seinen Eltern gemeinsam umgesetzt. Herausgekommen ist eine humorvolle Dokumentation über das Leben seiner achtzigjährigen Eltern, die er getrennt voneinander interviewt und bei ihren alltäglichen Tätigkeiten begleitet hat. Der Vater, ein genügsamer ehemaliger Sportnarr, der nie weit aus seiner Heimat hinaus wollte und jetzt pedantisch seinen Gemüsegarten pflegt. Die Mutter, eine vielseitig interessierte Frau, die sich letztlich mit Haushalt, der Welt der Bücher und ihrem Glauben zufrieden geben musste. Liechti zeigt die beiden völlig unterschiedlichen Charaktere als Hasenpuppen auf einer Bühne, ihre Erzählungen ließ er von Sprechern synchronisieren.

Ein überkommenes Rollenbild
An vielen Stellen tappen die beiden Senioren in die Falle des Filmemachers, der ihnen geschickt Antworten zur Rolle der Frau in der Gesellschaft, zum Sinn des Lebens oder Himmel und Hölle entlockt. Dabei entlarven die beiden, ganz ohne fremdes Zutun, die Schwächen ihres Gesellschaftsbildes, die Schwächen ihrer Generation. Peter Liechti führt uns die Lebenswelt einer Generation vor Augen, die in der frühen Nachkriegszeit sozialisiert wurde, in der der Mann als Oberhaupt und Ernährer der Familie unbestritten war und die Frau für Heim und Kind zu sorgen hatte. „Wir haben noch fast so wie unsere Eltern gelebt“, sagt Hedy Liechti, die Mutter des Regisseurs, im Film. Ihren Max hat sie beim Tanzen kennengelernt. „Er war ein fescher Mann und so sportlich.“ Sie habe ihn auch heute noch so gern, sagt die Achtzigjährige. Ein Bekenntnis, das ihrem Max weniger leicht über die Lippen kommen will: „Wir Männer tun uns da eben schwerer, mit den Gefühlen und so, das ist eher Frauensache“, meint dieser auf Nachfrage des Regisseurs.

Vieles werden wir vermissen
Der Film zeigt ein heute großteils überkommenes Rollenbild mit all seinen negativen und traurigen Aspekten, ohne aber das Positive zu verleugnen. „Heute denken alle nur noch an sich selbst – an diese Selbstverwirklichung – keiner will mehr Verantwortung für andere übernehmen“, sagt Liechtis Mutter an einer Stelle. Man ließ sich eben nicht einfach so scheiden. Die Gemeinschaft, die Familie, der Partner – sie alle waren mehr wert als die eigene Person. Problemen ging man nicht einfach durch Scheidung aus dem Weg, sondern versuchte sie zu meistern. In guten wie in schlechten Tagen – ein Satz, den diese Generation verinnerlicht hatte. „Vieles dieser Generation werden wir vermissen“, sagt Peter Liechti in einem Interview. Gewiss ist es nicht das patriarchale Familienmodell, die religiöse Verblendung oder die Unterdrückung der Frau, die wir vermissen werden. Das nicht. Aber in Zeiten, in denen alles unsicherer zu werden scheint, Egoismus und Ellenbogenverhalten zum Feind von Familie und Partnerschaft geworden sind, spricht dieser Film dann doch ein bisschen hilfeschreiend aus der gekränkten Seele unserer Selbstverwirklichungsgesellschaft.

Die Bewertung der subtext.at-Redaktion:

5/5 Punkte

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