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Crossing Europe: Wir sind die Mutanten

Crossing Europe: Wir sind die Mutanten

Privatisierung ehemaliger Staatsunternehmen bedeutet in den allermeisten Fällen Umstrukturierung und Mitarbeiterabbau. Der Kurzfilm „Wir sind die Mutanten“ nimmt die Betroffenen am Beispiel der Österreichischen Post in den Blick.

„Mit den Kasteln hat alles begonnen“, wird ein ehemaliger Briefträger in Konrad Wakolbingers Dokumentarfilm zitiert. Kasteln, damit sind die Briefkästen in den Stiegenhäusern gemeint, die das Briefaustragen fortan zu einer unpersönlichen, respektlosen Tätigkeit degradierten. Parteienverkehr – ein veralteter Ausdruck aus der Beamtensprache – findet seither nicht mehr statt. Der Briefträger, eine unsichtbare Dienstleistungsmaschine.

Menschen, die nicht mehr gebraucht werden
Umstrukturierungen in Folge von (Teil)privatisierungen sind nicht nur bei der Post gang und gäbe, auch bei der Telekom und den ÖBB kennt man die Praxis. Oft werden dabei unkündbare Mitarbeiter, für die man keine „Verwendung“ mehr hat, in skurrile Unternehmens-interne Auffangbecken versetzt. Arbeit haben die Menschen dort keine mehr. Regisseur Wakolbinger schildert von seinen Recherchen bei der Post, er habe lethargische Menschen angetroffen, die in leeren Räumen sitzen, liegen oder schlafen, Karten spielen, lesen oder im Internet surfen. Ein Traum – denken vielleicht viele – für die Betroffen stellt sich der jedoch bald als Illusion heraus. „Das Schlimmste ist für diese Menschen nicht, im Job nichts mehr zu tun zu haben, sondern das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden“, so Wakolbinger. Depressonionen und Apathie, bis hin zu Selbstmord seien keine Seltenheit.

Ein wichtiger Film, mit Schönheitsfehlern
Ohne Zweifel unterliegen Strukturen einem Wandel, der auch wichtig ist. Aber darf man diese Menschen dafür bestrafen, weil sie sich auf jene Strukturen verließen, deren Kontinuität ihnen einst zugesichert wurde? Der kurze Dokumentarfilm zeigt dieses viel zu wenig beachtete Problem auf, ohne eine eindeutige Wertung abzugeben. Auch vermeidet es Wakolbinger zu tief in die Materie vorzudringen, sein Film kratzt lediglich etwas an der Oberfläche. Technisch eher amateurhaft, wirkt der Film wie eine unbearbeitete Rohfassung, der es an Professionalität in punkto Schnitt und Vertonung fehlt. Aber vielleicht ist es ja gerade diese rohe Beamtenästhetik, die uns der Regisseur hier verbildlichen will. Zwei Stunden hätte Wakolbingers Werk ursprünglich dauern sollen. Da die Betroffenen nicht bereit waren ihm Interviews vor der Kamera zu geben, sind es nur gut 14 Minuten geworden. Zu groß war die Angst vor beruflichen Konsequenzen oder großen Veränderungen. Dabei wäre für manche Betroffene wohl gerade das die Lösung ihres Problems.

Die Bewertung der subtext.at-Redaktion:3Punkte

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