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GENTLEMAN: „Wir sind in einer Aufbruchstimmung“

GENTLEMAN: „Wir sind in einer Aufbruchstimmung“

Mit Reggae-Superstar Gentleman über sein neues Album „New Day Dawn“ zu reden heißt, sich mit ihm über Themen wie Aufbruchstimmung, Spiritualität und Selbstzweifel auszutauschen. Zu diesen Punkten hat der 38-jährige Tillmann Otto, so sein bürgerlicher Name, viel Kluges und Wahres zu sagen. Dass er seine alltäglichen Weisheiten in wunderbar chillige Reggae-Rhythmen kleidet, ist unter Kennern seit Jahren kein Geheimnis.

Ein subtext-Interview über Lebensmotive, Leitsprüche und Lebenssituationen.

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subtext.at: Gentleman, gibt es in deinem Leben eine Art Leitspruch?
Gentleman: (überlegt) Ich versuche, wach zu bleiben und nicht einzuschlafen. Es ist ganz wichtig, neugierig und hungrig zu bleiben. Das ist irgendwie mein Leitspruch. Meine Eltern haben mir irgendwie immer mitgegeben „Komm, mach dir keine Sorgen, es kommt alles so, wie es kommen muss“. Klingt erst mal so ein bisschen nach Floskel, aber ich habe irgendwann begriffen, wann ich etwas akzeptieren und wann ich etwas verändern kann. Das könnte man schon als eine Art Leitfaden bezeichnen, was mich immer wieder begleitet und was mir in vielen Situationen auch geholfen hat.

subtext.at: Dementsprechend bist du jemand, der sich nicht von der Welt um ihn herum abschottet, sondern sie bewusst wahrnehmen möchte?
Gentleman: Ach, ich schotte mich manchmal auch ab, brauche ich auch (lacht). Aber ich will schon etwas mitkriegen. Ich komme dann immer wieder aus der Höhle raus (lächelt).

subtext.at: „Carpe Diem“ ist ein Motto, das viele durch ihr Leben begleitet. Kannst du mit dieser Lebenseinstellung, den Tag so zu leben, als wäre es dein letzter, etwas anfangen?
Gentleman: Absolut. Das ist ja auch so ein bisschen die Thematik meines neuen Albums „New Day Dawn“. Ich hätte das Album jetzt auch „Carpe Diem“ nennen können. Das ist etwas, was man sich immer wieder neu bewusst machen muss. Mit jedem neuen Morgen habe ich neue Möglichkeiten, die ich vielleicht gestern noch nicht gehabt habe. Meine Perspektive kann sich ebenfalls ändern. Durch das viele Reisen oder ungeahnte Verluste von Menschen, die auf einmal nicht mehr da sind, habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, im Moment zu leben und Sachen zu schätzen – das ist extrem wichtig. Nicht am Leben vorbeizuschreddern, was in unseren Breitengraden weit verbreitet ist. In Jamaika und Afrika ist der Moment einfach viel wahrhaftiger. Das ist das, was mir immer wieder auffällt.

subtext.at: Was ist mit diesem Spruch – Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen?
Gentleman: Bist du heute auf Sprüche aus, was (lacht)? Ich finde gut, wenn man Sprüche auch miteinander verbindet, die dann überhaupt keinen Sinn machen. Wer einem eine Grube gräbt, hat Gold im Mund und so. Wie war die Frage?

subtext.at: Schiebst du Dinge auf oder machst du sie lieber gleich?
Gentleman: Ich durchlebe immer Phasen, so. Im Moment bin ich schon sehr wach und ich brauche auch kein Weed, deswegen habe ich auch keine Listen. Ich war ein Listen-Junkie, als ich Weed geraucht habe. Der klassische Weed-Smoker sagt immer „Machen wir morgen“ (lacht). Im Moment erledige ich Dinge lieber jetzt und sofort als morgen.

subtext.at: Du hast einmal gesagt, dass du mit jedem neuen Album wieder bei Null anfängst. Außerdem hast du gesagt, du hörst ständig, dass früher eh doch alles besser war…
Gentleman: Ich glaube, dass die Gegenwart immer schlechter abschneidet als die Vergangenheit. Das ist traurig. Erst im Nachhinein weiß man Sachen zu schätzen. Früher war alles besser, ach, jede Zeit hat ihre Qualität. Es gibt Dinge in der Vergangenheit, die ich vermisse, so, aber es gibt auch Dinge in der Gegenwart, die ich sehr schätze.

subtext.at: Was ist denn an der Gegenwart so besonders toll?
Gentleman: Also wir sind im Jahr 2013, wir sind immer noch da, die Mayas mussten halt ihren Kalender irgendwann zu Ende schreiben (lacht). Es gibt viele Strömungen, die mir Hoffnung machen. (überlegt) Ich bin neulich mit meinem Sohn am Rhein vorbeigelaufen, da tummeln sich Lachse drin, man kann da drin baden, die Luft ist viel sauberer, der Wald erfreut sich an seiner Gesundheit, Europa lebt mit seinen Nachbarn seit Jahrzehnten nicht mehr im Krieg… Wenn man an Statistiken glaubt, was ich eigentlich nicht tue, kann man sagen, dass mehr Wohlstand da ist, wir allgemein weniger Arbeiten und reicher sind. Das Spirituelle bleibt dabei aber ein bisschen auf der Strecke. Jedenfalls gibt es viele Dinge, die mir Hoffnung machen. Ich finde uns gar nicht so schlecht. Mir geht auch dieses Schlechtreden auf die Nerven. Diese Mentalität, die gerade in unseren Breitengraden herrscht; alles ist immer mies. Das ist auch das, was ich mit „New Day Dawn“ ein bisschen ausdrücken wollte – das man mit jeder Morgenröte eine Entscheidung treffen kann. Ich gucke mir jetzt nicht die BILD-Zeitung mit ihrer Headline an, sondern gehe anders in den Tag hinein.

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subtext.at: Abergläubisch bist du nicht, oder?
Gentleman: Nein, bin ich nicht.

subtext.at: Folgenden Satz habe ich neulich gehört: „Wenn du unter 30 bist, willst du die Welt verändern, wenn du über 30 bist, hat die Welt dich verändert.“
Gentleman: Ich bin jetzt 38 und ich hab‘ Bock, die Welt zu verändern (lacht). Ich weiß, was damit gemeint ist und da steckt auch ein Stücken Wahrheit mit drin. Kann man auch anders umschreiben: Früher gab es nur Schwarz und Weiß und je älter du wirst, umso mehr Grautöne wirst du entdecken. Es wird komplexer. Und komplizierter. Ich weiß ja nicht, wie es bei dir ist, aber ich weiß einfach Sachen mit dem Alter mehr zu schätzen. Ich kann irgendwie die Dinge anders genießen. Im Idealfall wird man im Alter gelassener, weiser und man versucht nicht, mit der Jugend mitzuhalten. Jetzt rede ich schon wie ein Opa (lacht). Dieser Mix aus Erfahrung und Hunger ist wichtig.

subtext.at: Bist du ein selbstsicherer Mensch, der nicht zweifelt, wenn er vor Aufgaben steht?
Gentleman: Ach, ich habe viele Zweifel, die mich dauernd begleiten. Es gibt keinen, der etwas Kreatives oder Musik macht, der keine Zweifel hat. In der richtigen Dosis sind sie inspirierend und können dich antreiben. Wenn die Dosis zu stark wird, fängt es irgendwann an zu lähmen. In solchen Momenten hatte ich immer auch Motivation von außen – zum Glück. Ich hatte das Gefühl, dass meine Musik ankommt und auch positives Feedback. Ich habe auch Gedanken, dass die Leute irgendwann herausfinden, das ich gar nichts kann (lacht und gießt sich neuen Tee in seine Tasse ein). Diese Gedanken habe ich schon seit zwanzig Jahren. Ich werde aber immer gelassener und ich habe das Gefühl, es hat schon auch seine Richtigkeit. Ein schöner Weg, auf eine unaufdringliche Art und Weise. Und breit gefächert. Deswegen werde ich auch nicht müde, wenn Inspiration so lange da ist.

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subtext.at: Willst du nun mit dem sechsten Album deiner Karriere etwas erreichen, was du mit denen davor bisher nicht erreicht hast?
Gentleman: (gießt sich erneut Tee in seine Tasse) Es gibt noch viele Menschen, die ich noch nicht erreicht habe. Es gibt auch viele Orte, an denen ich noch nicht war. Mittlerweile gibt es auch viele Anfragen, auf die wir bislang nicht eingehen konnten. Ich freue mich tierisch auf die Afrika-Tour, die demnächst anstehen wird. Nach Äthiopien zu gehen, wo ich noch nie war oder nach Japan zu fliegen, da gab es auch Anfragen. Oder nach Israel… Durch die Musik Orte zu sehen, die ich noch nie gesehen habe – das reizt mich immer wieder.

subtext.at: Wo steht die Reggae-Spielart im Jahr 2013?
Gentleman: (etwas zögerlich) Gerade im Reggae wird es extrem deutlich, dass alles sich in Schwingungen und Zyklen verhält. Es ist eine Musik, die extrem in die Breite geht. Bei Produktionen im Jahr 2013 wirst du überrascht sein, was da soundmäßig immer wieder neu an den Start kommt. Jetzt gerade habe ich aber das Gefühl, es wird wieder traditioneller Reggae gewünscht von den Medien und den Menschen. Die handgemachte Mukke ist wieder auf dem Vormarsch.

subtext.at: „New Day Dawn“ symbolisiert für mich so etwas wie eine Art Aufbruchstimmung. Warum ist diese so wichtig?
Gentleman: Ich stelle fest, dass wir uns in einer neuen Episode befinden – sagen wir es mal so. Wir sind immer noch da, 2013 – es gibt immer noch Bäume, nicht so, wie es in SciFi-Filmen rüberkommt. Wir haben heute Möglichkeiten, die wir davor nicht hatten. Guck dir die Dynamik der Revolution an, die überall stattfinden, die aber auch Zeit braucht. Im April des letzten Jahres habe ich selbst so etwas mitbekommen. Menschen werden auch wieder politisch aktiver. Das ist auch eine Strömung, die mir gefällt. Leute, die auf die Straße gehen und das digitale Zeitalter für sich nutzen, um eben Sachen zu verändern. Wir sind in einer Aufbruchstimmung. Keine Ahnung, ob du das so wahrnimmst. Wenn ich mich umhöre und mich umsehe, stelle ich immer wieder fest: Es ist eine Zeit der Veränderung.

Olaf Hein (Universal Music)

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