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Vortrag „Zur Politik des Gerüchts im Netz“

Vortrag „Zur Politik des Gerüchts im Netz“

Wir sind umgeben von Gerüchten über bekannte Persönlichkeiten oder Ereignisse, kennen Gegendarstellungen in Medien und den Meisten dürfte auch die rasche Verbreitung über Social Media, Ketten-SMS oder schlichtweg persönliche Gespräche bewusst sein. Umso effizienter scheint es, Gerüchte gezielt einzusetzen und von einer „Gossipindustrie“ zu sprechen. Karin Bruns zeigte in ihrem Vortrag am 29. Mai, inwiefern es Gerüchte schaffen, Massen (auch emotional) zu bewegen und den Profit zu erhöhen.

Karin Bruns lehrt an der Linzer Kunstuniversität Medientheorie und ist selbst in der Forschung zum Thema „Gerücht“ tätig. Medien und Kontexte würden sich zwar ändern, doch die Kernaspekte blieben dieselben. Laut Allport und Postman seien die Relevanz des Inhaltes, Ambiguität sowie der Umstand, dass man einen Kern Wahrheit nicht ausschließen könne, Voraussetzung für die „erfolgreiche“ Verbreitung von Gerüchten. Da es sich hierbei nicht um sozial erwünschtes Verhalten handelt, geben die Wenigsten das „In die Welt setzen von Gerüchten“ oder ihre Weiterverbreitung zu. Die in Umlauf gesetzten Botschaften sind nicht zwingend nur in Textform, sie können genauso aus Bildern oder Tönen, häufig einer Kombination daraus, bestehen. Gerade im Internet werden Grenzen überwunden, Meldungen können eins zu eins auf der eigenen Seite gepostet werden.

Gerüchte sind allerdings nicht erst mit Aufkommen des sogenannten „digitalen Zeitalters“ unkalkulierbar. In den 1970er Jahren wurde behauptet, dass McDonald´s-Gewinne dem Satanismus zugute kämen. Diese Meldung wurde von Vertretenden der Kirche gestartet und lässt sich immer noch im Netz finden. Unvorhergesehen war wohl auch das lange Fortbestehen der Meldung, wessen Information zufolge Würmer im Essen gewesen sein sollen. Diese besteht seit den 1980er Jahren und dürfte dem/der ein oder anderen auch in diesem Jahrhundert noch zu Ohren gekommen sein.

Als Gegenmaßnahmen kamen und kommen Kampagnen oder Gegendarstellungen etwa zum Einsatz. Dem schon 1970 in Mode gekommenen Kettenbrief steht mittlerweile ein Antikettenbrief gegenüber, welcher aber wiederum nach dem selbigen Prinzip vorgeht.

Die USA versuchte in der Nachkriegszeit die Verbreitung von Gerüchten zu kontrollieren. Es gab auch „Rumour Spalten“ in Zeitungen, in denen man explizit auf Gerüchte einging, mit dem Ergebnis, dass man diese so erst recht nicht stoppen konnte. Dementierungen heizen die Diskussionen nach wie vor oftmals an, daher führen PolitikerInnen Gespräche mit Beratenden, wie am besten auf Meldungen vorzugehen/zu reagieren sei. Laut Bruns sei es gar leichter, gegen offizielle Meldungen vorzugehen.
Als Motive für Gerüchte kommen die Möglichkeit zur anonymen Verbreitung, Spaß, ein gewollter Aufruhr oder bei der gezielten „Schaffung“ auch die Ablenkung oder Zurückhaltung von anderen Informationen zu tragen. Während Gerüchte als negativen Effekt vor allem mit einer Rufschädigung (bevorzugt über abwesende Personen) einhergehen, können sie als positive Komponente etwas aufdecken oder Unbewusstes hervorbringen. Manche nennen an dieser Stelle WikiLeaks.

Gerüchte sind stark in Kriegs-und Katastrophenzeiten vorhanden, genauso im Wahlkampf oder in Produktwerbungen. Das bekannte „Stille-Post-Spiel“ wird im Vortrag zur Veranschaulichung des Sender-Empfänger-Modells herangezogen. Störungen sind mit einprogrammiert.

Im Zusammenhang mit dem Überthema „Gerücht“ können auch Verschwörungstheorien gesehen werden, sie sind allerdings größere Szenarien.

Bruns macht darauf aufmerksam, dass die Aspekte Geschlecht, Mobbing, Krieg oder Rassismus durchaus eine wichtige Rolle haben, aber sie diese in ihrer eigenen Forschung nicht behandelt, da es zu diesen andere Studien gibt. Frauen seien Gerüchten etwa tendenziell häufiger ausgesetzt als Männer.

Ein eher aktuelles Beispiel für die Bewegung von Massen ist schließlich das Krümelmonster in Deutschland. Hier kam der vergoldete Keks am Eingang der Firma Bahlsen abhanden. Anhand von Briefen soll Kontakt mit den Leitenden aufgenommen worden sein. Diese müssten 52000 Kekspackungen für wohltätige Zwecke spenden, um den gestohlenen Keks zurückzubekommen. Nach der tatsächlich von statten gegangenen Handlung war zwar der Keks wieder da, dennoch wurde nie geklärt, wer hinter dieser Aktion steckte. Der Sender RTL behauptete, die KeksdiebInnen für ein Interview bekommen zu haben, es wurde ein Facebookseite eingerichtet und von manchen Seiten trotz oder gerade wegen der Dementierung behauptet, Bahlsen hätte dies als PR-Aktion selbst geplant und durchgeführt. Der Hype ging und geht mit Faschingskostümen, zahlreichen Bildern oder Debatten im Internet nach wie vor weiter.

Ein Zitat, welches Bruns in ihrem Vortrag im Rahmen der Lunch Lecture an der Johannes Kepler Universität, einsetzt, eignet sich zum Abschluss dieses Artikels: „Beware of the folks who spread rumour, they may talk about you next“.

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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