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MOBY: Totgesagte leben länger

MOBY: Totgesagte leben länger

Vom Saulus zum Paulus: Erst erntete Richard Melville Hall alias Moby weltweit Erfolgslorbeeren (das war vor mehr als dreizehn Jahren!), um anschließend mit Druck und Erwartungen zu hadern. Dazwischen legte er sich noch mit Rapper Eminem an. Oder war das umgekehrt? Jedenfalls war irgendwann die innere Batterie aufgebraucht und die Qualität der Alben ließ nach – bis jetzt. Ist Moby nach jahrelanger Durststrecke mit mehr oder weniger mittelmäßigen Platten wieder der Elektronik-Pop-Koppler der Stunde?

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Ich gebe es zu: Ich bin kein Moby-Fan. Zumindest nicht so richtig. Klar, einige Songs höre ich hier und da schon ganz gerne. Aber Fan? Nein. Deswegen könnte man leicht zu der Schlussfolgerung kommen, „Innocents“ liege auf dem falschen Schreibtisch. Oder aber doch nicht. Die feinen, homogenen Soundlandschaften verknüpft er nichtsdestotrotz wie ein Großmeister. Der positive Eindruck liegt in den feinen Details begründet. Es ist zu lesen, dass Moby mit „Innocents“ an die früheren Tage von „Play“ (das globale Durchbruchsalbum) und „18“ (der Nachfolger) anknüpft. Gut möglich. An der musikalischen Struktur seiner Pop-Epen könnte auch ich mich neuerdings gewöhnen. Tue ich eigentlich schon.

Ambientklänge sowie Stör- und Pluckgeräusche werden besonnen geschichtet und mit großer Wehmut („Going Wrong“, „Almost Home“) miteinander verwoben. Unterkühlte Ästhetik paart sich mit warmen Soul und das fließende Songwriting tut das Übrige. Ruhende, fast schon meditative Züge bahnen sich ihren Lauf. Einige Stücke kommen ganz ohne Gesang aus, fallen dadurch aber nicht ab. „Saints“ etwa, dass einen in seelige Trip-Hop-Gefilde führt, in denen schon Massive Attack Meisterwerke vollbrachten. Die feine Leadstimme von Sängerin Cold Specks ist für mich der Ankerpunkt, die soulig und voller Wärme erklingt. („A Case For A Shame“, „Tell Me“). Hochatmosphärisch.

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Was dieses Album so besonders macht? Das konsequent entrückte Grundgefühl. Musik, die an Zeit, Raum und jeglichen Verpflichtungen vorbeirauscht. Es ist ein Manifest der spröden Schönheit und raumgreifenden Sehnsucht, wie man sie heute von altgestandenen Musikern nicht mehr häufig hört. Wer hätte das gedacht?

Ich komme nicht drumherum, „Innocents“ songwriterische Klasse zu attestieren, denn in Sachen Stimmung und Handwerk macht der bald 50-jährige auf seinem elften Longplayer nahezu alles richtig. Bestehend ist der harmonische Gesamteindruck, den das Album hinterlässt. Bei der Farbtherapie ist Blau die Farbe, die uns entspannen, lockern und beruhigen soll. Glückwunsch, Moby.

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Everything That Rises, A Case For Shame, Saints
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