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Mellow Mark: „Ich habe selber Hoffnungen und Sehnsüchte“

Mellow Mark: „Ich habe selber Hoffnungen und Sehnsüchte“

Mellow Mark ist seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr aus der deutschsprachigen Reggae-Szene wegzudenken. Er gewann 2003 den Nachwuchs-Echopreis. Für das Bundesland Brandenburg hat er schon mal am Bundesvision Songcontest teilgenommen, und mit „Sturm“ und „Das 5te Element“ Platten veröffentlicht, die jedem Reggae-Fan ein Begriff sind. Aktuell hat er ein Live-Album am Start, das den passenden Titel „L.I.E.B.E. Live“ trägt. subtext.at sprach mit ihm über den Kampf gegen die Gleichgültigkeit, Klischee-Reggae und die Vorzüge einer Live-Platte.

subtext.at: Gibt es etwas, was du gleich zu Beginn eines Interviews los werden möchtest ?
Mellow Mark: Hmm. Ich könnte natürlich aufzählen, was ich in allen Interviews sage, aber ich denke, dass es besser ist, da spontan hineinzugehen, damit es ein besonderes Interview wird. Ich mach gerade den Umzug in mein neues Büro, habe mein eigenes Label gegründet und auch neue Räume gefunden. Heut früh haben wir das fette Mischpult die Treppe hochgeschleppt. Frühsport sozusagen.

subtext.at: Neben der Logistik, die so ein Musikprojekt also mit sich bringt, möchte ich dann aber gleich mal frontal einsteigen mit einem Zitat von dir: „Diese Welt ist ein Suizid“ – glaubst du, dass gerade deutscher Reggae heute gesellschaftskritischer denn je sein muss ?
Mellow Mark:
Muss nicht, aber kann. Ich glaube fest daran, dass jeder Artist eine bestimmte Aufgabe hat – einen Bereich, in dem er authentisch ist. Bei mir und einigen anderen, die ich sehr schätze, ist es so, dass wir die Leute mobilisieren wollen. Es ist ein Kampf gegen Gleichgültigkeit.

subtext.at: Ich hab mal mit Professa von Iriepathie eine relativ lebhafte Debatte in einem Interview eben über diesen „Kampf gegen Gleichgültigkeit“ geführt, weil ich behauptet habe, dass man hinterfragen muss, in wie weit man die Leute angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen überhaupt erreichen kann. Er meinte damals, dass, wenn man ein gewisses „Stammpublikum“ erreicht, man ja auch schon viel gewonnen hat. Würdest du dem zustimmen?
Mellow Mark
:Den Professa mag ich. Wir machen gerade einen Tune zusammen für mein nächstes Album. Ich würde sagen, dass man nie genau sagen kann, wen man erreicht. Aber wenn man nicht raus geht und was macht, dann erreicht man sowieso niemanden. Ich hab in den letzten Monaten sehr viel Feedback bekommen. Ich habe mich gewundert, wie viele Leute ich erreicht habe, und welche Leute das waren. Ich denke, dass die Gruppe der Aktivisten und „alternativ Lebenden“ selber viele Ideen haben und daran arbeiten, etwas gutes zu bewirken. Das sind Gleichgesinnte – andererseits gibt es viele Menschen, die einen Job haben, die fernsehen, die ein Alltagsleben führen und diese Momente brauchen, wo sie an etwas Größeres erinnert werden.

subtext.at: Hat sich deiner Meinung nach dieser „Kampf gegen Gleichgültigkeit“ verändert, seit du mit Musik angefangen hast?
Mellow Mark: Alles ist ständig in Veränderung. Seit meinem ersten Album „Sturm“, oder vielleicht schon seit meinem ersten Plattendeal mit Löwenherz hat sich sehr viel verändert. Ich habe zuerst über den Tod gesungen, dann über die Geburt, dann über Revolution, dann über Liebe, dann über den „Untergang“, dann über die Freude, dann über den Abschied und den Neuanfang und jetzt wieder über die Liebe.

subtext.at: Das heißt, dass diese Gleichgültigkeit über viele Facetten verteilt ist?
Mellow Mark: Das würde ich so nicht sagen. Ich würde sagen: das Leben hat viele Facetten und wir Menschen sind immer auf einige wenige fokussiert in einem Lebensabschnitt. Das heißt, dass das, was mich innerlich bewegt, das ist, worüber ich singen kann und ich dann die besten Gedanken und Emotionen in Worte fassen kann. Das ist dann halt so, dass man fast jede Woche oder sogar jeden Tag ein anderes Thema im Kopf hat – bei mir gehe ich da aber immer über den Zeitraum von ein, zwei Jahren, wo ich mir die Essenz für ein neues Album zusammenbraue.

subtext.at: Stichwort „was dich bewegt“: ich habe den Eindruck gehabt, dass es von deiner Seite eine sehr bewusste Entscheidung war, weg vom „Klischee-Reggae-Artist“, d.h. mit Dreadlocks und Gitarre über Liebe singend zu gehen. Wann war für dich dieser Punkt erreicht, wo du damit „brechen“ wolltest?
Mellow Mark
: (lacht) Ich hatte diese Bühnenshow, und der jedesmal gleiche Show-Moment war der, als ich mit meinen Dreads auf die Gitarre geschlagen habe und dazu „Wild Thing“ performt habe. Die Leute haben das geliebt und immer wieder gefordert. Aber nach fünf Jahren und geschätzt 500 Konzerten habe ich beschossen, ein neues Kapitel anzufangen. „No haffi dreads fi bi rasta“ – du brauchst keine Dreads haben, um etwas zu sein, was eine „Rastamentalität“ ausmacht.

subtext.at: Unabhängig von dir primär gesehen: glaubst du aber, dass dieses Klischee Reggae-Artists anhaftet, dass sie – Achtung, überspitzt formuliert – „eh nur die kiffenden Typen sind, die über One Love singen“? Glaubst du, dass man davon überhaupt wegkommen kann. Oder ist Reggae einfach so Bob-Marley-behaftet, dass man die eigentlichen Entwicklungen – gerade in dieser Musikrichtung – einfach mal ausblendet?
Mellow Mark:
Vielleicht ist es wirklich so, dass die Oberfläche der Menschen Reggae als Marihuana-Musik sieht und fertig. Ich glaube aber, dass man davon wegkommt. Ich sehe Reggae – und ich habe gestern mit Ganjaman und Gentleman über das gleiche Thema gesprochen – als etwas Ganzheitliches. Es gibt die Ebene Lovesong, die Ebene Political Song, Spiritual, Gangstar, Sex, und viele Mehr. Es ist ein Genre, in dem man wirklich viele Ausdrucksmöglichkeiten hat. Ja, es ist Entertainment. Ja, es ist auch Kiffer-Sound. Aber es ist auch eine der letzten Bastionen der Concious-Lebensweise, von Rebellion. Es ist ein Sprachrohr der Straße. Reggae wurde vor ungefähr zehn Jahren sehr interessant, weil es sehr eng mit Hip-Hop und Soul verbunden wurde. Es es gibt immer wieder neue Entwicklungen, die den Reggae interessant machen.

subtext.at: Bleiben wir aber nochmal bei dir – ich würde dich ja irgendwo zwischen Concious Reggae und politisch in eine Schublade stecken. Glaubst du, dass du auch die „Sehnsucht“ derjenigen bist, die sich einfach nur eine Verbesserung – sei es persönlich, aber auch gesellschaftlich – wünschen und dadurch auf deine Musik kommen? Ist L.I.E.B.E. da ein Statement dafür?
Mellow Mark:
Ich bin realistisch und da auch selbstkritisch: wenn ich über mich selbst spreche, kommt da vielleicht auch irgendein „Quark“ raus. Ich hasse Schubladen. Ich habe selber Hoffnungen und Sehnsüchte. Und ich habe nicht Politik studiert, da gibt es andere, die sich sicher besser auskennen. Mein neues Album heißt L.I.E.B.E., weil es tatsächlich ein wichtiger Aspekt dieser „Soul Revolution“ ist. Wertschätzung.

subtext.at: Bleiben wir gleich bei dem aktuellen Thema, der neuen Platte L.I.E.B.E. Beim ersten Durchhören habe ich mich sofort an das Thema „Wohnzimmerkonzerte“ – die du ja auch gemacht hast – erinnert gefühlt. War das auch ein Grundpfeiler der Tour und der Liveplatte?
Mellow Mark
: Ich habe tatsächlich auch viele Wohnzimmerkonzerte gemacht. Aber jetzt ist das „Wohnzimmerkonzert“ ja auch schon wieder zum Klischee geworden. Auf der Tour selber haben wir wirklich alles an Bühnen gehabt, was man sich vorstellen kann: Straße, das angesprochene Wohnzimmer, kleiner Club, Strandbars, große Clubs, eine gemeinsame Tour mit Mad Professor, und dann auch Festivalbühnen wie am Chiemsee.

subtext.at: Also ein Querschnitt über den gesamten Weg?
Mellow Mark: Ja, es ist ein Querschnitt. Die Songs sind ja auch aus zehn Jahren Mellow Mark zusammengewürfelt. Da war es relativ schwer, einen einigermaßen gleichbleibenden Sound für die Platte zu finden, weil ja auch jedes Konzert anders klingt. Vor allem die Stimme. Mal heiser, mal druckvoll, mal quäkiger, mal sonorer.

subtext.at: Das ist aber auch etwas, was ein Live-Album ausmacht, oder?
Mellow Mark: Ja, das finde ich auch. Und da es ja eine One-Man-Band-Show ist, wird die Platte auch dadurch interessanter, dass die verschiedenen Räume und Tagesstimmungen da reinspielen.

subtext.at: Da fällt mir eine meiner Standardfragen dazu ein, sorry: gibt es etwas, was L.I.E.B.E. sicher NICHT ist, oder sein soll für den Hörer?
Mellow Mark
: Gute Frage. Ich stelle Liebe der Macht und dem Ego gegenüber – etwa im Song CIA, der ja auch schon fünf Jahre alt ist. Und wieder sehr aktuell wurde. Aber in meinem persönlichen kleinen Leben steht „Liebe“ für mehr.

subtext.at: Ein bisschen was möchte ich noch zum Background hören: warum gerade 2013/14 ein Livealbum? Ist das schon länger im Hinterkopf gewesen, oder sind dir die Leute wie bei M&N auch jahrelang hinterher gelaufen?
Mellow Mark: (lacht) Nein, mir ist in den letzten Jahren kaum jemand hinterher gelaufen. Aber eines ist tatsächlich so, dass mir viele Leute gesagt haben, dass die Alben nicht das einfangen, was auf der Bühne passiert. Die Mellow-Energie, die Mellow-Essenz und das Selbstironische. Man spürt den wahren Charakter auf der Bühne mehr als auf einem normalen Album – vor allem in einer One Man Performance, wo ich gleichzeitig Drums und Gitarre spiele und dazu Vocals performe. Dabei habe ich keine mehr Zeit, jemand anderes zu sein als ich selbst – das ist so einfach real, authentisch.

subtext.at: Real und authentisch: es fällt dir also auch nach mehr als 10 Jahren in der Musik noch leicht, so zu sein? Also kein „Zwang“ auf der Bühne?
Mellow Mark: Was mich von M&N und anderen unterscheidet, ist, dass ich mich von Album zu Album immer sehr stark – fast zu stark -verändert habe, einmal politisch, dann sonnig, dann plötzlich spirituell, dann wieder politisch. Ich war ruhelos. Das hat viele Leute verwirrt. Die meisten Leute wollten am liebsten „Sturm 1“, „Sturm 2“, „Sturm 3“ und so weiter – nach zehn Jahren bin ich das erste Mal einfach „Ich“. Ohne weiter zu suchen, ohne zu versuchen, einen „neuen Rekord“ aufzustellen, und ohne zu versuchen, meine eigene Identität weiter nach unentdeckten Winkeln abzusuchen und die dann aufs nächste Album zu packen. Ich komme aus der Hip-Hop-Szene der 90er. Damals war „real“ DAS Wort, es war eine Religion, real zu sein, quasi eine Grundvoraussetzung. Alles andere war Kommerz-Shit.

subtext.at: „Einfach mal ich zu sein“ – also hast du das erreicht, was du eigentlich von Anfang an wolltest?
Mellow Mark:
(lacht) Stimmt!

subtext.at: Dann hätte ich, als Abschluss, meine Standard-Letzte-Frage noch für dich: Über Mellow Mark soll niemals gesagt werden, dass…. ?
Mellow Mark:
Er sich angepasst hätte.

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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