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SLUT: „Wir pflegen den Anspruch des Zeitlosen“

SLUT: „Wir pflegen den Anspruch des Zeitlosen“

Fünf Freunde sollt ihr sein! Dieser Leitspruch funktioniert bei einer Band wie Slut bestens. Seit Jahren produziert die Formation aus Ingolstadt mal aufbrausenden, mal melancholischen Indie-Rock. Nur wiederholen möchte man sich nicht, wie Sänger Christian Neuburger und Keyboarder René Arbeithuber im Gespräch erzählen und ausführlich betonen.

Da können auch drei, vier oder mehr Jahre vergehen, bis ein neues Album wie „Alienation“ erscheint. Überstürzt handeln können andere. Ein Interview über Musikrezeption, Zeitlosigkeit und den immer allgegenwärtigen Zeitgeist.

Slut

subtext.at: Stichwort „Musikrezeption“ – stellt ihr bei euch selber fest, dass ihr Musik anders wahrnehmt als früher?
Christian Neuburger: Also wir legen schon noch Wert auf die „Hardware“, auf das Haptische. Wir durften bei dieser Platte feststellen, dass bei Ladenöffnung die erste Vinylauflage ausverkauft war. Da haben wir uns noch mehr Mühe gegeben, speziell der René, weil die Platte im Farbverlauf dem Konzept des Albums entsprochen hat. Mussten wir dann nachdrucken lassen. Wir stellen aber auch fest, dass 19-jährige beim Merchstand nach einer Schallplatte fragen. In Dresden wollte ein Junge alle Platten kaufen, auf Vinyl. Das ist wieder auf dem aufsteigenden Ast, würde ich meinen, also die Verkäufe von Vinylplatten und auch Plattenspielern. Sehr gut.
René Arbeithuber: Komischerweise wird die CD ja auch noch gekauft, was ich für mich persönlich nicht nachvollziehen kann. Ich weiß auch gar nicht mehr, wann ich mir die letzte CD gekauft habe. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern. Ich konsumiere Musik ausschließlich online – oder auf Platte eben. Die CD wird früher oder später ganz weggehen. Ist ein vergängliches Medium.
Christian Neuburger: Die beste Kombination, die es derzeit gibt, ist: Vinylschallplatte mit Downloadcode. Besser und schlauer geht es nicht.

subtext.at: Haben traditionelle Musikmedien ebenfalls ausgedient? TV, Radio, Magazine…
René Arbeithuber: Glaube ich nicht, weil das verschiebt sich immer ein bisschen. Gerade das Radio ist derzeit wieder wichtig, wobei die sich auch nichts trauen. Fernsehen ist, was Musik betrifft, fast gar nicht mehr wichtig, weil es auch keine Formate mehr gibt, wo man stattfinden kann. Außer man ist Miley Cyrus. Printmagazine lese ich eigentlich schon noch recht gerne, obwohl es überall heißt, die sind nicht mehr angesagt. (überlegt kurz) Wie viel Einfluss die jetzt noch haben, weiß ich nicht. Im Internet gibt es auch viele, vielleicht zu viele, aber niemanden, der jetzt einen großen Einfluss hat wie Pitchfork in Amerika zum Beispiel. Bei uns gibt es viele Kleine, nicht einen ganz Großen, der viele Klicks und einen guten Geschmack hat.

„Auch ein Trend in den letzten Jahren ist, dass man Institutionen gerne verbal zu Grabe tragen mag. Vor allem in der Journalistenbranche.“

Christian Neuburger: Das Paradebeispiel ist ja das ewige Gezeter zwischen dem echten und dem E-Book. Da hieß es ja auch, es sei eine Kampfansage an alle Verlage und Druckereien. Wenn ich mit dem Zug fahre, was ich häufig mache, sehe ich immer nur echte Bücher (lacht). Ausnahme sind die iPads und Tablets, aber ich denke nicht, dass die Bücher aussterben werden.

subtext.at: Slut haben viele Szenen und Strömungen mit- und überlebt wie Nu Metal, Garagenrock oder die Emobewegung. Ist es euch schwer gefallen, zusammenzuhalten in all diesen Jahren, auch, was diese Strömungen angeht?
René Arbeithuber: Überhaupt nicht, nein. Diese Strömungen haben uns ja überhaupt nur am Rande tangiert.
Christian Neuburger: Beziehungsweise haben wir uns nicht auf sie eingelassen und sind nicht mitgeschwommen. Das war unser großes Glück. Es wäre vermessen zu behaupten, wir wären irgendeiner Zeit voraus gewesen. Ist bestimmt nicht der Fall, im Gegenteil. Wir merkten jedoch bei unseren Platten, dass sich so manch einer die Zähne ausgebissen hat, weil er sie in eine bestimmte Schublade kategorisieren wollte. Unsere Musik ist nicht eindeutig zuordenbar. Es ist nicht ein Geheimrezept, aber ein Faktor dafür, dass es die Band in dem Gefüge noch gibt. Wir pflegen den Anspruch des Zeitlosen.

slut

subtext.at: Slut machen also zeitlose Musik, die nicht eindeutig in ein bestimmtes Jahr eingeordnet werden kann. Wie sieht es dann mit dem Zeitgeist aus? Macht ihr euch über den Gedanken?
René Arbeithuber: Vielleicht ja, weil dem Zeitgeist kann man sich ja auch nicht entziehen. Vor allem auch, wenn wie Chris und ich wir noch in anderen Berufen tätig sind. Man muss es in sich aufsagen, aber man muss auch überlegen, was man davon wieder auskotzen möchte.
Christian Neuburger: Es wird einem ja auch schlecht vom Zeitgeist, weil wenn man nur folgen und gehorchen würde, wäre man viel zu beschäftigt, um sich auf einen selbst einzulassen. Wir als Bandmitglieder glaube alle an etwas Altbewährtes, was uns auch als Personen auszeichnet. Wir machen dann sozusagen immer das Gegenteil vom Zeitgeist (lacht). Wir sind nie nach Berlin, Paris oder New York gezogen, weil es dem Zeitgeist entsprochen hat. Das ist unser Umgang mit dem, sei es mit Kunst oder auf einem anderen Sektor. Kann man registrieren, wohlwollen goutieren oder ablehnen für sich selber. Zeitgeist, sagt ja schon der Name, ist etwas extrem Flüchtiges.

subtext.at: Ich habe das Gefühl, wer nicht auf sozialen Plattformen omnipräsent ist, der findet heutzutage praktisch nicht statt. Teilt ihr diese Einsicht?
Christian Neuburger: Im Rückblick vielleicht ein bisschen. Früher war es halt wie bei einem großen Knall, alle Städte waren plakatiert, als ein neues Album herausgekommen ist. (überlegt kurz) Eigentlich ist und war diese Musik aber schon immer dort zuhause, wo sie auch hingehört: In einer Nische. Es stimmt schon, dass in dem Segment weniger auf den Big Bang und auf das Marketing Wert gelegt wird. Viel Musik, die wir dann alle gerne hören, entdeckt beispielsweise der René irgendwo (lacht).

subtext.at: Videoplattformen werden laut einer Studie am häufigsten genutzt beim Entdecken von neuer Musik. Denkt man da eher nach, einen aufwendigeren Clip zu produzieren? Ich habe gelesen, ihr wolltet etwas mit einem Hubschrauber drehen…
René Arbeithuber: Die Idee haben wir immer noch im Hinterkopf (lacht). Wir hatten da niemanden, der einen fliegen konnte. Mittlerweile gibt es aber jemanden (lacht). Wenn es für billig Geld dahergeht und es im Enddefekt teuer ausschaut, warum nicht? Natürlich soll es dann eine Persiflage auf diese ganzen teuren Videos sein.
Christian Neuburger: Aber die Zeit der großen Musikvideos ist doch mit dem Untergang des Musikfernsehens vorbei, oder?
René Arbeithuber: Nein, ich finde sogar, dass Videos noch wichtiger geworden sind. MTV ist nicht mehr so wichtig, aber YouTube muss auch ja auch gefüttert werden und es gibt viel mehr als früher. Viele produzieren ja auch mit ihren eigenen Mitteln selber, was toll ist.

subtext.at: Habt ihr oft gehört, dass euer aktuelles Album „Alienation“ ein heterogenes Album ist?
René Arbeithuber: Die Grundintention war ja, es so heterogen wie möglich zu machen, weil auch das Material für das Album über einen langen Zeitraum gesammelt wurde. Komischerweise sagen viele, es hört sich total homogen an, was jetzt aber auch nicht schlimm ist. Für mich persönlich hört es sich nicht so an, als wäre alles wie aus einem Guss.

subtext.at: Für mich auch nicht. Das Album davor, „StillNo1“ empfand ich als solches. Bei „Alienation“ muss man es sich irgendwie selber zusammenbasteln, die Stücke.
René Arbeithuber: Genau, man bekommt zwar alles geliefert, die Montage muss aber selber erfolgen (lacht). Auch bei der Reihenfolge der Songs war es so, dass wir irgendwann mal eine hatten. Jeder von uns hat aber gemerkt, dass es noch dreihundert verschiedene Reihenfolgen geben könnte. Wir hätten auch würfeln können.

subtext.at: Ich habe auch das Gefühl, dass die Tracklist bei diesem Album gar nicht wichtig ist.
René Arbeithuber: Stimmt, ja.

slut

subtext.at: Ihr werdet ja gern als „Indie-Helden“ bezeichnet. Gefällt euch das, seid ihr darauf stolz oder könnt ihr damit nichts anfangen?
Christian Neuburger: Besser als „Edel-Rocker“, ganz scheußlich (alle lachen). Wenn man „Indie“ weglässt, gefällt es mir noch besser. „Helden“. „Indie“ ist ja auch solch ein antiquierter Begriff. Es stand ja früher für das, wenn du dich von allen großen Verwertungsmechanismen abwendest. Dann hat man auch schon ein ganzes Musikgenre danach benannt. Mit dem Begriff „Indie-Helden“ können wir schon leben.

subtext.at: Ist Slut demnach auch eine Band von Freunden?
Christian Neuburger: Klares ja.
René Arbeithuber: Wir haben ja auch abseitig der Musik immer wieder miteinander zu tun. Es gibt da bei uns überall Überschneidungen, beruflich als auch privat. Natürlich gibt es auch Reibereien, aber am nächsten Tag gibt man sich wieder die Hand. Bei uns ist es so, als wäre es in Stein gemeißelt – es kann uns nichts mehr passieren.
Christian Neuburger: So lange die Neugier noch da ist und die Experimentierfreudigkeit, wird es uns weiterhin geben.
René Arbeithuber: Die zwanzig Jahre, die es uns schon gibt, dass war uns überhaupt nicht bewusst. Wir werden aber auch keine Party deswegen steigen lassen oder eine Best Of herausbringen, weil wir darin keine Notwendigkeit sehen.
Christian Neuburger: Das kann es nicht sein. „Schaut mal her, wir machen das schon zwanzig Jahre, sind immer noch da“. Sich auf die eigene Schulter klopfen, da sind wir jetzt auch nicht so veranlagt. Dann erreichen uns auch immer wieder Sonderaufträge wie die Julie Zeh-Sache oder „Die Dreigroschenoper“, was uns tollerweise in die Quere kommt. Wir möchten nicht einen Aufguss von etwas bereits Bestehendem machen.
René Arbeithuber: Franz Ferdinand sind ein gutes Beispiel. Die Jahre, die dazwischen vergangen sind, die merkst du ihrer Musik nicht an.
Christian Neuburger: Bei uns hörst du einfach, das und was in der Zwischenzeit passiert ist. Eigenlob halt.

subtext.at: Dasselbe ist also nie gut genug, es muss immer anders klingen?
Christian Neuburger: Ja, aber nicht krampfhaft. Es muss einfach eine Fortentwicklung stattfinden, in welche Richtung auch immer. Es sollte etwas drin sein, was in den vier, fünf Platten davor auch schon drin war, aber es wurde völlig uminterpretiert.

subtext.at: Hast sich die Aufregung mittlerweile gelegt, wenn ein neues Album erscheint oder wenn ihr live auftretet?
Christian Neuburger: Nein, alles wie immer. Alles andere wäre scheußlich (lacht). Tabula rasa quasi. Das ist schön.

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