Teil 1 – Groß vorstellen muss man ihn eigentlich nicht mehr. Brandon Boyd hat mit seiner Band Incubus großartige Platten veröffentlicht und die Alternative Rock-Welt über die Jahre sicherlich mit beeinflusst und geprägt. Er ist ein Künstler in der tiefsten Bedeutung des Wortes, der zur Zeit auf Solopfaden wandelt und mit Sons Of The Sea ein neues musikalisches Projekt um sich gescharrt hat, da Incubus pausieren.

© Katherine Tyler

Boyd ist im März 2014 in Zürich zu Gast, um über sein Leben, Musik und vor allem über seine Tätigkeiten als Maler und Buchautor zu sinnieren, die er auch sehr erfolgreich ausübt. Seine Bilder sind zum ersten Mal in Europa in einer Galerie ausgestellt. subtext.at ist vor Ort anwesend und lässt es sich nicht nehmen, dem Kalifornier genauer auf den Zahn zu fühlen. Einem Treffen wird zugesagt und die Freude ist groß. Doch es treten Probleme, Verschiebungen und Differenzen ein. Mit zweistündiger Verspätung findet das Gespräch dennoch statt und ein gut gelaunter Brandon nimmt sich fast eine Stunde lang ausführlich Zeit, um die Fragen zu beantworten.

Ein Interview über Leitmotive, Kreativität und wie man seine Pläne mit Spontanität kreuzt.

subtext.at: Brandon, hast du jemals das Gefühl gehabt, dass all deine geistige und körperliche Energie aufgebraucht wird und du keine Kraft mehr übrig hast, weil um dich herum so viel passiert?
Brandon Boyd: Ja, klar.

subtext.at: Wie gehst du mit solchen Situationen um?
Brandon Boyd: Ich denke jetzt nicht speziell an mich und an mein Leben, sondern ganz allgemein, denn vermutlich macht jeder solche Momente durch, egal, wer man ist und was man macht. (überlegt kurz) Es gibt Augenblicke, da zehrt alles an dir. Für mich sind solche Phasen und Umstände auch emotional kraftraubend. Manchmal verläuft das Leben in solchen Bahnen wie ein Wurf beim Baseball: Du wirst einen Ball und er bekommt einen ganz anderen Dreh, als du es dir vorgestellt hast. Komplett unerwartet passiert etwas, was dich aus der Bahn wirft. Es gab auch bei mir solche Begebenheiten, in denen ich überfordert war und nicht wusste, was ich weiter tun sollte. Du denkst, dass die Welt untergehen wird (lacht). „Mein Gott, alles ist so furchtbar, alles geht den Bach runter, bla bla“. Alles ist so traurig und ernst (lächelt). Was ich jedoch aus solchen Situationen gelernt habe ist, dass es ein sich stets wandelnder Prozess ist. Ich lerne immer etwas Neues, egal, was es letztendlich ist. Ich bin wie ein Student, der vom Leben seine Kenntnisse erwirbt (lacht). Ich habe gelernt, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Wenn du über eine gewisse Sache deprimiert bist, dann erlaube es dir, eine Zeit lang deprimiert zu sein. Es bringt nichts, sich gegen manche Begebenheiten aufzulehnen oder anzukämpfen, verstehst du? Das kann wiederum inspirierend sein. Ich lasse Emotionen zu, egal, welche es sind und egal, welches Unheil sich gerade ankündigt. Im besten Fall löst sich dann alles viel schneller in Wohlwollen auf, wenn man nicht dagegen angeht.

subtext.at: Würdest du mir zustimmen, dass es eine Art Leitmotiv für dich ist, dass du dich künstlerisch ausdrückst, egal, ob du malst, zeichnest, ein Buch schreibst oder einen Song singst?
Brandon Boyd: (zögerlich) Was meinst du mit Leitmotiv?

subtext.at: Deiner künstlerischen Seite Ausdruck zu verleihen, scheint für mich der Leitgedanke in deinem Leben zu sein. Wie ein Ziel, dass du verfolgst.
Brandon Boyd: Ja, kannst du ruhig so sagen, obwohl Ziel… Dieses Wort benutze ich eigentlich nicht so gerne. Ich weiß, dass es eine gebräuchliche Bezeichnung ist, ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben, aber in mir hat diese Idee nie etwas ausgelöst. Wenn man ein Ziel hat, dann fokussiert man sich auf das Ende, auf das Resultat. Ich versuche jedenfalls nicht das Ende meiner Reise zu erreichen. Ich genieße einfach meine Zeit (lacht). Darum geht es. Kreativität, was viele vergessen, soll deinen Weg bejubeln, nicht das Ziel deiner Reise. Es ist toll, wenn du nach Hause kommst nach einem längeren Zeitraum, aber es macht nicht ansatzweise so viel Spaß wie die Reise selbst, du die unternimmst.

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subtext.: Fühlst du dich als Ganzes, wenn du all diese kreativen Dinge ausübst? Du hast einmal gesagt, dass es wichtig ist, den jeweiligen Moment auszukosten, wenn er da ist. Kannst du das näher erläutern?
Brandon Boyd: Nun, dass ist mit Sicherheit ein Thema, über das wir endlos lang diskutieren könnten. Viele Leute haben dem Thema ganze Bücher und Dokumentationen gewidmet. Es benötigt viel Übung, obwohl es die einfachste Sache der Welt ist im Prinzip. Die meisten Dinge, mit denen ich mich in meinem Leben beschäftige und die ich liebe, egal, ob malen, Musik machen oder surfen, tue ich mit vollem Bewusstsein. Es ist so etwas wie dieser eine Zen-Moment, nach dem du beim Bogenschießen strebst. Das interessiert mich. Wenn du den Bogen anspannst und darüber nachdenkst, ob du den Pfeil in Richtung Ziel loslässt, dann ist der richtige Augenblick noch nicht gekommen. Erst dann, wenn all deine Gedanken sich auflösen, lässt du den Pfeil los. Es ist eine Art von Meditation. Das bedeutet für mich, allgegenwärtig zu sein. Du lässt dich von nichts ablenken und genießt einfach. Wenn du beim Surfen zu viel nachdenkst, dann wird das nichts und du landest im Wasser. Ich denke, dass es sich gleich beim Bergsteigen verhält oder beim Nähen. Oder Tiefseefischen, keine Ahnung (lacht)! Egal, was du tust, sei einfach präsent. Für mich ist das eine Möglichkeit, mit etwas Größerem eine Verbindung einzugehen.

subtext.at: Erfordert es Zeit, herauszufinden, für welche Dinge wir wirklich Leidenschaft empfinden?
Brandon Boyd: Das ist eine wirklich gute und interessante Frage… (überlegt) Meine Antwort fällt zweigeteilt aus, wenn es dir nichts ausmacht: Wenn wir etwas finden, dass wir lieben zu tun, dann wissen wir das auf Anhieb. Davon bin ich überzeugt. Trotzdem benötigt es seine Zeit, um sich zu entwickeln und das volle Potenzial zu sehen. Es ist also beides. Es braucht alles seine Zeit, aber du weißt auf der Stelle, ob es etwas für dich ist oder nicht. Ergibt das einen Sinn für dich?

subtext.at: Ja, schon. Und was ist besser – ein gut organisiertes Leben, in dem alles für dich durchgeplant verläuft oder ein spontanes, bei dem dich deine Instinkte durchs Leben leiten?
Brandon Boyd: Nun, ich bin definitiv einer, der so spontan wie möglich sein will. Ich muss aber auch sagen, dass es mir deswegen sehr entgegenkommt, wenn man kurzfristige Pläne für mich zusammenstellt, wo es hingeht und was zu tun ist (lacht). Langfristige Pläne sind nichts für mich, dass habe ich in den letzten zehn Jahren besonders festgestellt. Sie sind immer mit besonderen Erwartungen und Vorstellungen verknüpft, die am Ende nicht eintreffen oder anders aussehen als gedacht. Das führt dann wieder nur zu Enttäuschungen. Muss nicht sein. Ich liebe es, spontan durch die Welt zu gehen, profitiere aber auch von kleinen Plänen hier und da. Entschuldige, dass ich mich in meinen Antworten nicht so sehr festlege, aber ich bin eine Person, die mit etwas Absolutem nicht wirklich konform geht (lacht). Ist nichts für mich. Im Leben bewege ich mich liebend gern in Grauzonen. Schreib das (lacht).

© Katherine Tyler

subtext.at: Ich habe bei dir immer das Gefühl gehabt, dass du dich nicht verstellst und dir stets treu geblieben bist. Die heutige Gesellschaft verlangt einem jedoch ständig ab, sich neu zu erfinden. Geht das überhaupt?
Brandon Boyd: (überlegt).

subtext.at: Wenn du ein altes Magazin betrachtest mit deinem Foto auf dem Cover, bist du immer noch die gleiche Person wie früher oder hast du dich aus deiner Sicht verändert?
Brandon Boyd: Im Kern bin ich schon noch die gleiche Person wie früher, würde ich schon sagen. Ich bin erwachsener geworden, aber nicht in dem Sinn, dass ich jetzt mehr Verantwortung habe oder so etwas, ich bin aber gelassener und habe weniger Angst davor, was mein Karma eines Tages mit mir anstellen wird. Mein Antrieb, meine Ambitionen, meine Attitüden, da mache ich mir keine Sorgen. Als ich jünger war, war das ein ungeheurer Spaß – gleichzeitig aber auch verdammt furchterregend. Wir haben mit Incubus eine ganze Zeit lang hart gearbeitet und wir haben stets nur die kleinen Erfolge sehen können – bis zu einem gewissen Punkt, wo es für uns explodiert ist und auf einmal war alles riesig (macht Explosionsgeräusche)! Es hat Spaß gemacht, doch ich denke, dass niemand auf so etwas vorbereitet sein kann, emotional, spirituell oder intellektuell, wenn hunderte Augen auf dich gerichtet sind und dich betrachten. Das ist eine wirklich komische Erfahrung, die man macht. Wenn du zurückblickst, auf all die Musiker, Bands, Schauspieler und Künstler – viele haben das nicht überlebt. Sie sind daran zerbrochen. Sie sind süchtig nach Drogen geworden. Sie sind süchtig nach Sex geworden. Sie sind selbstzerstörerisch geworden und das ziemlich schnell. Es ist eigentlich ziemlich vorhersehbar, was passieren könnte, weil du in eine Situation gerätst, die für niemanden normal sein kann.

subtext.at: Ihr habt es gut gemeistert, würde ich sagen.
Brandon Boyd: Ich sehe es als Segen an, dass mir das damals zusammen mit meinen Freunden widerfahren ist – zur selben Zeit. Wir hielten uns Arm im Arm und wussten, dass es jetzt schwierig wird für uns. Ich möchte nicht cheesy klingen, aber es war auch für uns manchmal wie eine Fahrt mit einer Achterbahn. Je älter ich wurde, desto mehr konnte ich lernen, mit dieser Art von Energie umzugehen. Um deine Frage zu beantworten: Ja, im Kern bin ich noch die gleiche Personen wie vor zehn, fünfzehn Jahren, aber ich fühle mich anders in vielen verschiedenen Aspekten. Ich weiß, was Dankbarkeit bedeutet und bin in dem Sinne auch stärker verankert. Ich bin auch stärker in der Gegenwart verankert, da haben wir schon vorhin darüber gesprochen. Diese Dinge haben mir geholfen, auf dem Boden zu bleiben.

© Brian Bowen Smith

subtext.at: Viele Leute passen nicht wirklich in eine Norm und dennoch gibt es für jeden so etwas wie eine Art Nische. Wo siehst du sich selber in alledem mit Incubus und Sons Of The Sea?
Brandon Boyd: Keine Ahnung. Ich glaube, dass es andere Leute viel besser beurteilen können, weil sie viel objektiver sein können als ich es je könnte. Ich bin einfach zu nah dran (lächelt). Es ist so, als würde ich versuchen, die Nase auf meinen Gesicht sehen zu wollen. Zuweilen treffe ich auf jemanden, der mir seine Meinung und Sichtweise kundtut. Oder es passiert innerhalb der Familie. Deswegen: Ich habe keine Ahnung, wie ich da hineinpasse mit meiner Musik und meiner Kunst. Solche Dinge gehören auch zu den Sachen, zu denen ich mir nicht mehr groß Gedanken mache. Für mich ist es befreiend, nicht genau ergründen zu können, wo ich eigentlich hingehöre. Wer hört meine Musik, wer mag mich, solche Sachen. Es ist nicht so wichtig für mich. Viel wichtiger ist, dass ich innerhalb meiner Integrität geerdet bin. Es ist unwichtig, wo ich da als Mensch hineinpasse.

subtext.at: Wie sieht denn der aktuelle Status von Incubus aus? Habt ihr euch Freiräume geschaffen, damit jeder für sich Zeit zur Entfaltung hat? Brandon Boyd: Ja, absolut. Es verhält sich wie bei einer Geschichte, die ein offenes Ende für einen bereit hält.

Ende Teil 1 des Interviews. 

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