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WALLIS BIRD: „Jedem kannst du einfach nicht gefallen“

WALLIS BIRD: „Jedem kannst du einfach nicht gefallen“

Sie ist eigenwillig, unangepasst und individualistisch. Sie ist über beide Ohren liebenswürdig, herzensgut und sie ist authentisch. Mit „Architect“ hat Wallis Bird eine neue Welt für sich entworfen, die sich musikalisch immer mehr von den Folk-Wurzeln der aus Irland stammenden Sängerin entfernt. Sie betont, wie wichtig es ihr bei der Entstehung des Albums gewesen ist, dass sie mit ihrem Team aus Freunden und Bandmitgliedern am selben Strang ziehen.

„Architect“ verdeutlicht einmal mehr, dass Wallis Bird mittlerweile eine ganz eigene Art entwickelt hat, eingängige Melodien in knackige Popsongs zu legen – oder wahlweise auch nach Herzenslust zu experimentieren.

„Hey, schön, dich wiederzusehen!“ – wenn ein Gespräch auf diese Weise beginnt, so ist das Eis in Nullkommanichts gebrochen. Ein Interview über Musikrezeption, Abgrenzung und natürlich Architektur.

Credit: Jens Oellermann

subtext.at: Wallis, ich möchte das Interview mit einem Zitat beginnen.
Wallis Bird: Nur zu.

subtext.at: Es lautet folgendermaßen: „Über Musik zu reden ist, wie über Architektur zu tanzen.“
Wallis Bird: Dieses Zitat bringt mich immer wieder zum Nachdenken. Es gibt es doch noch ein anderes, dass besagt, Architektur sei wie gefrorene Musik.

subtext.at: Das habe ich noch nie zuvor gehört.
Wallis Bird: Ich mag das mehr und für mich macht es auch mehr Sinn, weil Geschmack wirklich relativ ist. (überlegt) Wie ist es bei dir?

subtext.at: Ich versuche, so offen wie möglich an Musik heranzugehen. Je älter ich werde, umso weniger spielen Genres oder Szenen eine Rolle.
Wallis Bird: Das ist gut, gut für deine Seele, wenn du offen und aufgeschlossen bist.

subtext.at: Lässt sich prinzipiell über Geschmack streiten?
Wallis Bird: Über Geschmack lässt sich natürlich nicht streiten. Das einzige Argument sollte sein – für mich zählt und für mich zählt nicht, weißt du (lacht)? Jedem kannst du einfach nicht gefallen. (überlegt) Damit muss man sich abfinden. Je früher, desto besser.

subtext.at: Redest du mit Freunden darüber, dass sie sich dieses oder jenes doch nicht anhören sollten, weil es schlecht ist?
Wallis Bird: Nur in dem Sinne, dass gewisse Sachen manchmal besser sind als ihr Ruf. Dann gebe ich ein paar Tipps. Jeder hat seine eigene Meinung, da möchte ich auch niemandem reinreden. Aber es ist gut und erfrischend über Musik zu debattieren (lacht). Ein offenes Gespräch über Kultur und Kunst ist doch etwas wirklich Schönes. Da ist es doch auch so – die einen halten ein Gemälde für das reinste Kunstwerk, die anderen finden es scheußlich (lacht). Ich mag das, wenn du jemanden findest, mit dem du über solche Dinge diskutieren und dich austauschen kannst.

Credit: Jens Oellermann

subtext.at: Jeder hört und genießt Musik auf seine Weise. Wie ist es bei dir konkret, wie konsumierst du Musik?
Wallis Bird: Speziell bei diesem Album habe ich viel Musik über Kopfhörer zu Hause gehört. „Silent Disco“ habe ich es bezeichnet (lacht). Einfach aufgesetzt und dazu getanzt, nur für mich. Ich hatte genug Raum für mich allein und konnte tun, was ich wollte. Ich fühlte mich wieder wie ein Kind, zumindest ein bisschen. Ich liebe es auch, in Clubs zu gehen, sie zu entdecken, auf meine Weise, auf meine Art, den Vibe zu erleben und zu spüren, wie die Leute ticken. Mit Leuten zu sprechen, die mich kennen, aber auch mit Fremden ins Gespräch zu kommen finde ich ebenfalls cool. Oder einfach nur meine Augen zu schließen und einfach nur zu tanzen. (überlegt) Musik genieße ich sehr personengebunden, weil ich mich dabei sehr auf mich selbst konzentriere. Mir gefällt es aber auch, ein Ticket für eine Show eines eher unbekannten Künstlers zu kaufen, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Es gibt wirklich viele Möglichkeiten, wie man Musik genießen und hören kann.

subtext.at: Auf der anderen Seite sind wir täglich von Musik umgeben. Das Radio läuft in der Firma, beim Einkaufen ist Musik zu hören, beim Autofahren oder in Restaurants. Findest du das gut?
Wallis Bird: Es gibt ja viele, die mit Kopfhörern durch die Gegend laufen – du hast keine Ahnung, ob diese Person gerade Musik hört, sich ein Hörbuch anhört oder eine neue Sprache lernt. Die Leute hören jedenfalls zu. Es ist aber auch so, dass viele die Kopfhörer nur aufsetzen, damit sie mit niemandem sprechen müssen und sich so von der Außenwelt förmlich abschotten können. Es findet gerade ein Umschwung statt und die Leute machen sich darüber wohl Gedanken. Was bringt uns wieder näher zusammen als Menschen? Nun, jeder, der sich Musik anhört, sucht nach etwas, möchte etwas für sich innerhalb dieser Musik finden. (überlegt) Ich habe keine Ahnung, wie lange diese Hintergrundkulisse in unserer Gesellschaft überleben wird, wenn sowieso jeder für sich genommen Musik konsumiert und sich nicht mehr berieseln lassen möchte. Andere denken vielleicht darüber nach, wie viele Geräusche des täglichen Lebens sie verpassen, weil sie ständig Kopfhörer aufhaben. Vielleicht können wir es irgendwann wieder genießen, alle Töne schätzen zu lernen, die uns an einem Tag irgendwo begegnen.

Architect

subtext.at: Ist es schwieriger geworden, sich von der Fülle an Bands, die einem täglich begegnen, anzugrenzen?
Wallis Bird: Vor ein paar Jahren dachte ich jedenfalls, dass alles sich irgendwie gleich anhört. Jetzt gibt es so viel Auswahl und du weißt nicht, zu was du zuerst greifen sollst. Ich stelle aber auch fest, dass die Leute intelligenter sind, als manche es glauben möchten. Warum? Weil jeder heutzutage selbst entscheiden kann, was er sich anhören will und was nicht. Die große Auswahl sorgt dafür, dass man sich einem Künstler näher fühlen kann. Die ganzen Plattformen im Internet, die Musik in irgendeiner Form anbieten, helfen uns dabei, eine Wahl zu treffen. Ich denke, dass wir deswegen loyaler zu uns selbst geworden sind, weil wir nicht von dem abhängig sind, was das Radio uns zum Beispiel den ganzen Tag vorspielt. Wir treffen eine Entscheidung und wir können selbst entscheiden, welchen Künstler wir gut finden und mögen. (überlegt) Selbst große Acts, selbst eine wie Rihanna muss dafür sorgen, dass sie ständig gut ist, gute Musik produziert und auf der Höhe der Zeit bleibt. Die Leute können sich heutzutage sehr schnell von einem abwenden. Musikgenres vermischen sich auch immer mehr. Country und Hip-Hop geht zusammen wie nichts, oder dieser verdammte Electromischmasch. Ich meine Avicii, was zum Teufel ist das (lacht)? Was für ein verrückter Mix aus Discoklängen und Soulsounds. Nichtsdestotrotz finde ich es gut, dass die Musikszene im Allgemeinen so multikulturell geworden ist.

subtext.at: Bei dir schien es mir so, als sei mit deiner letzten Platte „Wallis Bird“ der sprichwörtliche Groschen endlich gefallen.
Wallis Bird: Ja, fandest du (lacht)?

subtext.at: Du schienst für mich deine Folk-Komfortzone zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Jetzt, mit „Architect“, scheinst du noch eine Spur weitergegangen zu sein und dich noch stärker herausgefordert zu haben als bislang.
Wallis Bird: Cool, dass du das sagst (lacht).

subtext.at: War es schwierig oder einfach, diese Platte zu produzieren?
Wallis Bird: Fucking easy. Wirklich. Meine selbstbetitelte Platte war das schwierigste Album für mich. Ich war sehr selbstkritisch zu der Zeit. Jetzt, bei der aktuellen Platte, war ich vollkommen bei mir und ich tat, was immer getan werden musste. Ich konnte mich freispielen. Die Idee hinter dem Titel „Architect“ war ja auch für mich, dass wir alle zusammengehören, also in dem Fall mein Team und ich. Ich stemme dieses Album nicht alleine, es ist auch ihr Verdienst. Wir wollten es selbst herausbringen, ohne Label, wir wollten alles selbst in die Hand nehmen und schauen, was passiert. Wir arbeiteten mit Leuten zusammen, mit Radio, TV und Onlinemedien, wir pressten die Platte selbst und übernahmen auch die Promotion dafür. Sprich: Mein Team und ich halten die Fäden zusammen. Fuck yeah, we did it (lacht)! Die Musik selbst war diesmal der leichteste Part an der Geschichte. Jedes Teil wurde nacheinander auf das andere gesetzt – bis das fertige Haus zu sehen war. Es war diesmal eine wirklich wunderbare Sache.

WB

subtext.at: Bei dir habe ich nicht das Gefühl, dass du dir Gedanken machst, wie du populärer werden könntest. Du tust es einfach und dann kommen solch wunderbare Songs wie „Hardly Hardly“ dabei raus.
Wallis Bird: Danke (lacht). Nein, es ist wirklich nicht so, dass ich mir denke, welches Feld musikalisch ich noch nicht bearbeitet habe. Es ist einfach eine natürliche Sache, was mit meinen Songs passiert.

subtext.at: Du bist ja schon länger als Musikerin unterwegs. Was motiviert dich, ständig weiterzumachen und nicht auch mal aufzugeben?
Wallis Bird: Konzerte. Vor allem Konzerte. Ich bin vielleicht zehn Jahre im Business als Profi unterwegs, davor habe ich auch Musik gemacht, aber ich merke, wie sich alles verändert. Was die Leute von einem erwarten und wie du sie zu unterhalten hast. (überlegt) Mein Leben ist auch sehr spontan und ich kann dir sagen, dass ich in der kurzen Zeit als Musikerin schon über jeden Stolperstein gegangen bin, den es da draußen zu überqueren gibt. Mir macht nichts mehr fertig. Die negativen Seiten habe ich alle kennengelernt und deswegen schätze ich die positiven Aspekte noch mehr.

subtext.at: Deine größte Angst und dein größter Traum?
Wallis Bird: Meine größte Angst wäre es, meine Stimme zu verlieren. Es ist für mich sehr frustrierend, wenn ich mich erkälte und meine Stimme schlapp macht. Ich habe dann immer Angst, dass sie nicht mehr so sein wird wie früher. Zum Glück war das bislang immer nur temporär. Mein größter Traum? Ein Schule zu eröffnen (lacht).

subtext.at: Das überrascht mich jetzt. Würdest du als eine Art Direktorin fungieren wollen oder selbst unterrichten?
Wallis Bird: Beides wahrscheinlich. So etwas würde ich wirklich gerne machen. Eine Schule zu eröffnen, die sich vorwiegend mit Musik beschäftigt und in der die Musikinstrumente zur freien Entnahme sind. Wenn du möchtest, kannst du sie mit nach Hause nehmen und üben. Oder mit anderen tauschen. Ich möchte kein Geld oder Gebühren verlangen, um sich in dieser Schule aufhalten zu dürfen. Ich würde gerne mit diesem elitären Gedanken brechen, der manchmal noch vorherrscht. Theorie ist ja schön und gut, aber Praxis ist für mich viel wichtiger und entscheidender. Ich möchte gern unter talentierten jungen Leuten sein. Kinder können die größte Motivation für einen sein und auch dir etwas beibringen.

subtext.at: Wenn du etwas in der Welt ändern könntest, was wäre das?
Wallis Bird: I would… Ich würde Homophobie als illegal deklarieren. Ich würde mir Putins Sichtweisen zur Brust nehmen und sie komplett umdrehen. Komplett. OK, Vergewaltigung und Prügel würde es bei mir nicht geben – selbst wenn jemand homophob ist. (fängt an zu singen) Like to teach the world to sing in perfect harmony! Ich würde hoffen, dass die Leute sich besser verstehen würden und besser zusammenleben könnten. Wäre das nicht fein?

Credit: Jens Oellermann

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Wallis Bird in einem weiteren Interview mit subtext.at
wallisbird.com
facebook.com/wallisbird

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