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LAURA JANE GRACE: „Wenn Punk nicht Grenzen niederreißt, was dann?“

LAURA JANE GRACE: „Wenn Punk nicht Grenzen niederreißt, was dann?“

Jedem wird die Empfindung bekannt sein, im öffentlichen Leben, auf den Straßen oder am Arbeitsplatz allen möglichen Eindrücken ausgesetzt zu sein. Man wird angeschaut, betrachtet, es wird ein Urteil über einen gefällt und ein Resümee gezogen. Wie muss es demnach Laura Jane Grace ergehen? Die Against Me!-Frontfrau, die vorher dem Publikum als Tom Gabel entgegengetreten ist, wird als neue Transgender-Ikone gefeiert und angepriesen.

2012 hat sich Gabel dazu entschieden, fortan als Frau leben zu wollen. Ein Interview im amerikanischen Rolling Stone-Magazine sorgte für Staunen, bei dem ein oder anderen bestimmt für Entsetzen. Ein mutiger Schritt, der Respekt abverlangt. Zwei Jahre sind seitdem ins Land gezogen. Die Band ist nicht mehr die alte, die Aufnahmen zum neuen Album wurden gleich mehrmals auf eine harte Probe gestellt und das eigens angefertige Studio wurde von einem herabstürzenden Baum in Schutt und Asche gelegt. Im Interview mit subtext.at wirkt Laura Jane Grace ganz locker und unverkrampft. Wenn es um ihre Transsexualität geht, wird die Stimmung dennoch etwas angespannter.

Ein Interview über Reaktionen, die Werte des Punk und Musik als Instrument des Loslassens.

LJGsubtext.at: Laura, als wir uns vor drei Jahren das erste Mal zum Interview getroffen haben, habe ich dich gefragt, ob du deinen Traum lebst. Hast du eine Ahnung, wie deine Antwort ausgesehen haben könnte?
Laura Jane Grace: (lacht) Ich kann mich nicht erinnern, wie meine Antwort auf deine Frage war. Bestimmt habe ich aber so etwas gesagt wie „Ja, ich lebe meinen Traum, ich bin in einer Band, ich kann Musik machen und die Welt bereisen“.

subtext.at: Du hast geantwortet „Ich tue zumindest das, was ich schon immer machen wollte. Mit acht Jahren habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Seitdem möchte ich eigentlich nichts anderes mit meinem Leben anfangen“. Lebst du deinen Traum heute mehr denn je?
Laura Jane Grace: (überlegt) Eigentlich nicht, nein. Wenn die Frage auf meine Gender-Identität anspielt – mein Geschlecht hat mit meiner Identität als Person zu tun, nicht mit meinem Traum. Mein Traum war immer, Musiker sein zu können, in einer Band sein zu können und auf einer Bühne stehen zu können. (überlegt kurz) Ich habe akzeptiert, wer ich bin und wie ich sein möchte. Mit einem Traum hat das aber nicht viel zu tun.

subtext.at: Wenn du jetzt auf die Bühne gehst, als Frau, macht es dich glücklicher?
Laura Jane Grace: Ich fühle mich um einiges wohler als früher, sicher.

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subtext.at: Wie zuversichtlich warst du denn, was die Zukunft anbelangte, als du euer aktuelles Werk „Transgender Dysphoria Blues“ in Angriff genommen hast?
Laura Jane Grace: Ich habe direkt angefangen, neue Songs zu schreiben, als wir mit unserer letzten Platte „White Crosses“ fertig waren, also im Jahr 2009. Die Songs sind wie von alleine entstanden und haben sich wie von Geisterhand geschrieben. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, wie die Platte konkret aussehen würde. Ich habe einfach geschrieben um des Schreibens Willen – wie eine Art von Therapie. Je mehr ich an den Songs gearbeitet habe, um so mehr wusste ich, in welche Richtung sich das Album entwickeln würde.

subtext.at: Hast du dir währenddessen die Frage gestellt, was du jetzt zu den Leuten da draußen sagen möchtest?
Laura Jane Grace: Nein, nicht wirklich. Ich habe dabei nicht an ein Publikum gedacht. Ich habe geschrieben, um mich zu erleichtern. Ein kathartischer Prozess, wenn du so willst. Ich habe all meine negativen Emotionen hergenommen, um sie in etwas Gutes umzuwandeln. Das Bedürfnis, den Leuten da draußen etwas erklären zu müssen, hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht.

subtext.at: Es gab keinen Druck?
Laura Jane Grace: Nein.

subtext.at: Die Ideen sind also nur so herausgeflossen und es gab keine kreativen Engpässe?
Laura Jane Grace: Nun, nicht besonders. Vielleicht ein bisschen. (überlegt kurz) Bei jedem Album legst du dir Ideen und Vorstellungen zurecht. Oft weißt du nicht, wieso es dich gerade in diese eine Richtung zieht. Letztendlich habe ich mit „Transgender Dysphoria Blues“ natürlich einiges zu sagen. Mit Sicherheit.

subtext.at: Im Vorfeld der Veröffentlichungen gab es ja viel Presse um das Album.
Laura Jane Grace: Und es war ein weiter Weg, es endlich herauszubringen. Viele Steine wurden mir in den Weg gelegt, wenn man so will. Es sind viele Dinge passiert. Wir haben das Album einmal aufgenommen und sind dann erst mal auf Europatour gegangen. Als wir zurückgekommen sind, war ich mit den Aufnahmen nicht mehr zufrieden. Wir haben von vorne angefangen. Als wir dann fast fertig mit der Platte waren, hat sich unser Schlagzeuger dazu entschieden, die Band zu verlassen. Wir mussten dann nochmal neu anfangen (lacht). Als die Platte dann so gut wie fertig war, fiel ein Baum auf das Dach unseres Studios und alles war hinüber. Wir mussten dann in ein anderes Studio um es fertigzustellen. Eins kam zum anderen. Unser Bassist Andrew hat die Band dann auch noch verlassen und für mich schien es so, als wäre es fraglich, ob die Band in Zukunft überhaupt noch existieren oder etwas Neues herausbringen würde.

subtext.at: Ich kann mich noch daran erinnern, dass du mir das letzte Mal davon erzählt hast, dass ihr euer eigenes Studio fertig baut.
Laura Jane Grace: Jetzt ist es hinüber (lacht). Es gab ein Gewitter, ein Baum flog durch die Decke und zerstörte alles.

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subtext.at: Das ist furchtbar zu hören. Habt ihr gar keine Gelegenheit gehabt, etwas in dem Studio aufzunehmen?
Laura Jane Grace: Doch, doch, Teile der Platte sind dort entstanden.

subtext.at: Die Energie zwischen Künstler und Publikum ist immer etwas Besonderes. Wie war es denn für dich, als du nach deiner Geschlechtsumwandlung auf die Bühne gestiegen bist?
Laura Jane Grace: Das Publikum ist für die Hälfte der Show verantwortlich. (überlegt kurz) Du kannst einen Scheißtag haben und dich total mies fühlen, doch wenn das Publikum euphorisch ist und sich wahrlich freut, dich zu sehen, dann krempelt es deine Gefühle sofort um. Vice versa geht das natürlich auch. Du kannst dich großartig fühlen, aber wenn die Leute nicht mitgehen, dann ist das zum Haare raufen. Für mich fühlt es sich definitiv gut an, jetzt auf Tour zu sein.

subtext.at: Wie sind jetzt die Reaktionen auf dich in Europa?
Laura Jane Grace: Wirklich toll. Es ist unsere erste Tour mit der „Transgender Dysphoria Blues“-Platte und es scheint, als freuen sich die Leute, wenn sie uns auf der Bühne sehen und erleben. Das Album scheint gut anzukommen.

subtext.at: Hast du immer darauf vertraut, dass du ein Publikum erreichen würdest, dass offen genug ist, die Dinge zu verstehen, die du momentan öffentlich durchmachst?
Laura Jane Grace: Nun, die Punkszene hat mich schon seit jeher fasziniert. Punk bedeutet für mich nach wie vor, Geschlechterrollen einzutreten, die Gesellschaft an sich in Frage zu stellen, zu rebellieren und abseits der Norm zu agieren. Ich bin selbst der Meinung, dass die Punkszene viel von dem verloren hat, was sie einmal ausgezeichnet hat. Trotzdem sollten diese Dinge nach wie vor hochgehalten werden. Wenn Punk nicht Grenzen niederreißt, was dann?

subtext.at: Ist es ein anderes Gefühl, was du jetzt in die älteren Songs auf der Bühne steckst, oder hat sich für dich nicht viel verändert, was das alte Against Me!-Material anbelangt?
Laura Jane Grace: Da hat sich nicht viel verändert, weil es mir immer schon darum ging, negative in positive Emotionen umzuwandeln. Nimm etwas her, dass dich beschäftigt und an dir zerrt und verwandle es in etwas, zu dem Leute abgehen und tanzen können.

subtext.at: Etwas Negatives in etwas Positives umzuwandeln – hat das irgendeinen religiösen Bezug?
Laura Jane Grace: Ich sehe die Verbindung nicht, was das eine mit dem anderen zu tun haben könnte.

againstmesubtext.at: Ich dachte speziell an den Buddhismus, in dem es unter anderem auch darum geht, negative Energie in positive umzuwandeln.
Laura Jane Grace: Nein, mit Buddhismus habe ich mich nicht beschäftigt. Damit kenne ich mich zu wenig aus.

subtext.at: Wie kommst du überhaupt zu dieser offenen Einstellung?
Laura Jane Grace: Es heißt, wenn du mit einer schlechten Erfahrung zu kämpfen hast oder dich unsicher bist, Angst vor etwas hast – schreibe einen Song, denn das ist eine Art, positiv mit diesen Dingen umzugehen. Mit Ängsten oder negativen Gefühlen. Mit Buddhismus hat das nicht viel zu tun. (überlegt) Vielleicht wird diese Einstellung im Buddhismus praktiziert, ich weiß es nicht.

subtext.at: Frauen und Männer haben dieselben Wünsche, Träume, Hoffnungen und Ängste, da wirst du mir zustimmen.
Laura Jane Grace: Mit Sicherheit.

subtext.at: Nichtsdestotrotz denke ich mir, dass du im Alltag bestimmt mit einigen Vorurteilen konfrontiert wirst.
Laura Jane Grace: Eigentlich nicht.

subtext.at: Dass du vielleicht jetzt beide Geschlechter repräsentieren kannst oder so etwas in dieser Richtung?
Laura Jane Grace: Das kann ich nicht, nein, nein. Sorry, ich kann darauf nicht wirklich antworten (lacht).

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subtext.at: Schon gut. Wer entscheidet deiner Meinung nach darüber, was eigentlich als maskulin und was als feminin angesehen wird? Die Gesellschaft, unser Umfeld?
Laura Jane Grace: Ich weiß nicht. Das ist jetzt auch eine Frage, die sehr in die Tiefe geht. (überlegt) Sag du es mir (lacht). Ich meine, dass bestimmt die Gesellschaft vorgibt, was männlich und was weiblich ist. Bis zu einem bestimmten Punkt gibt sie auch vor, in welche Geschlechterrolle man hineinzupassen hat. Du bist entweder Box A oder Box B. So läuft das meistens ab. Ich denke nicht, dass sich die Leute nach diesem Schema richten müssen oder so leben sollen. Ganz und gar nicht.

subtext.at: Zum Schluss – die Musik, die du mit Against Me! machst, dient einem kathartischen Zweck, richtig? Du hast einiges ja bereits vorhin vorweggenommen.
Laura Jane Grace: Absolut. Eine Show zu spielen kann helfen, dich von bestimmten Dingen befreien zu können. Auf der Bühne zu stehen, dir die Seele aus dem Leib zu schreien, keine Ahnung, zu schwitzen, zu tanzen, mitzusingen – gehört alles dazu.

subtext.at: Kannst du dir vorstellen, dass du eines Tages leid sein könntest, dieses Gefühl immer wieder durchmachen zu müssen?
Laura Jane Grace: Vielleicht. Ich weiß es nicht, ob das jemals eintreten wird. Lassen wir uns überraschen.

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Tom Gabel-Interview auf subtext.at 
againstme.net
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