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ALICE IN CHAINS: „Wir gehen gemeinsam durchs Feuer“

ALICE IN CHAINS: „Wir gehen gemeinsam durchs Feuer“

Sie gehören wohl zu den bodenständigsten Bands, die einem begegnen können. Die Grunge-Ikonen von Alice In Chains mussten durch die Hölle gehen, um wie ein Phoenix aus der Asche erneut emporzusteigen. Im Jahr 2002 starb AIC-Sänger Layne Staley an einen Überdosis und hinterließ in Seattle eine große Lücke. Im März 2011 verstarb auch noch Ex-Bassist Mike Starr, ebenfalls aufgrund seines jahrelangen Drogenkonsums. Genug für eine Formation, um endgültig von der Musik Abschied zu nehmen. Doch nicht so bei Alice In Chains.

Sie rappelten sich wieder auf, fanden in William DuVall einen neuen Sänger, der zusammen mit Songschreiber Jerry Cantrell das neue Rückgrat der Gruppe bildet. Nach „Black Gives Way To Blue“ (2009) und dem aktuellen Werk „The Devil Put Dinosaurs Here“, touren Alice In Chains erfolgreich und gestärkt durch die Weltgeschichte. Sie leben sprichwörtlich ihre zweite Chance.

Ein Interview über Hürden, damit verbundene Erwartungen und weshalb negative Erlebnisse einen auch weiterbringen können.

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subtext.at: William, Mike, ich möchte mit einer Redewendung beginnen, die besagt: Sei auf das Schlimmste vorbereitet, hoffe auf das Beste und erwarte etwas Dazwischen. Wie sahen eure Erwartungen aus, als ihr eure Comeback-Platte „Black Gives Way To Blue“ in Angriff genommen habt?
William DuVall: Es ist so eine Sache mit den Erwartungen. (überlegt) Wenn du dir kommerzielle Erwartungen zurecht lägst, kann das ganz schön in die Hose gehen. Ich für meinen Teil sehe meine Arbeit darin, Songs zu schreiben und aufzunehmen. Danach nimmt die Maschinerie ihren Lauf, die dafür sorgt, dass die Musik die Leute erreicht. Wir haben keine Kontrolle darüber, wie die Leute darüber berichten oder wie sie es finden werden (lächelt). Wir versuchen nicht, unsere Erwartungen zu hoch zu schrauben – trotzdem waren wir bislang sehr zufrieden. Wir befinden uns in einer Position, die uns glücklich macht als Band.

subtext.at: Wie sieht die Situation jetzt aus mit dem aktuellen Werk „The Devil Put Dinosaurs Here“?
Mike Inez: Wir sind glücklich, dass wir weiterhin mit den Dingen beschäftigt sein können, die wir lieben. Der Unterschied zu unserem Comeback-Album ist der, dass wir noch näher zusammengerückt sind und in dreiundvierzig Ländern auf Tour gehen konnten. William steckt auch mehr mit beiden Beinen in diesem Zirkus mit drin (lächelt). Wir gehen gemeinsam durchs Feuer.
William DuVall: Exakt. (überlegt) Du wächst mit den Dingen, wenn du auf die Bühne gehst. Deine Konzentration verändert sich. Dein Überlebensinstinkt wird in dir geweckt (lacht)!

subtext.at: Alice In Chains haben die große Hürde überwunden, als Band erneut durchzustarten – wenn auch mit neuem Sänger. Habt ihr euch jemals gewundert, wo dieser zweite Abschnitt eurer Karriere euch hinführen wird?
William DuVall: Du tust, was du tust – das hört sich erst mal leicht an, ist es aber nicht. Ich versuche nicht allzu viel über die ganzen kreativen Prozesse nachzudenken. Ich lasse sie einfach geschehen. Wir sind wie ein Organismus, der versucht, jeden Tag über die Runden zu kommen (lacht).
Mike Inez: Das ist unser Ding, so mögen wir es (lacht).

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subtext.at: Bei Alice In Chains habe ich immer das Gefühl, dass trotz all der Schwärze immer versucht wird, gegen sie anzukämpfen. Sind schlechte Erlebnisse trotzdem für etwas gut?
Mike Inez: Das Leben ist nun mal so.
William DuVall: Klar, jeder wird mit negativen Gefühlen und Ereignissen konfrontiert. Davor kann man nicht weglaufen. Du weißt nicht, was Licht bedeutet, bevor du nicht mit Dunkelheit konfrontiert wirst. Du musst diesen Kontrast haben, weißt du? Das sind menschliche Erfahrungen. (überlegt) Was wir gemacht haben mit Alice In Chains, mit der Band, dass sie reanimiert wurde und durch die Welt touren darf, zeigt auch, was alles möglich ist. Die sprichwörtliche zweite Chance, wenn du so willst. Es ist möglich, noch einmal aufzustehen, wenn du schon am Boden gelegen bist, vom Leben gezeichnet. Es wird immer Stimmen von außerhalb geben, die deine Motivation oder dein Verhalten in Frage stellen. Wie hast du das geschafft, was ist dein Geheimnis (lacht)? Unter schwierigen Umständen können wir viele Dinge vollbringen, die wir für unmöglich halten.

subtext.at: Heutzutage will man den perfekten Job, den perfekten Partner an seiner Seite und den perfekten Freundeskreis. Sucht ihr auch nach der perfekten Platte mit den zehn oder zwölf perfekten Songs?
William DuVall: Perfektion gibt es nicht, weder im Leben noch in der Kunst. Du hast vielleicht einen Moment, da kommst du dieser von dir angestrebten Perfektion nahe. (überlegt) Wir versuchen auf jeden Fall, den Moment an sich zu genießen.
Mike Inez: Wir waren vor kurzem in Australien, da haben wir uns etwas umgesehen und einfach die Umgebung erkundet.
William DuVall: Wo waren wir? In Perth, an einem Aussichtspunkt, und haben einfach die Zeit genossen. Manchmal gibt es diese Augenblicke mit deinen Freunden oder jemanden, den du liebst, da scheint alles perfekt zu sein. Oder welche, die mit Musik zu tun haben. Bühnenmomente. Die gibt es, aber sie gleiten dir durch die Finger (lacht). So und nicht anders sollte es auch sein.
Mike Inez: Ich habe vor kurzem ein sehr bewegendes Buch gelesen, in dem der Autor Menschen interviewt, die im Sterben lieben. Ältere Menschen. Nahezu 80% der Leute haben sich darüber beklagt, dass sie sich zu sehr um die falschen Dinge gesorgt und nicht ihr Leben gelebt haben. Sie waren ständig auf der Suche nach etwas und haben dabei vergessen, zu leben. Eine großartige Möglichkeit, diese Sicht näher zu betrachten. Die besten Dinge widerfahren dir einfach – ohne, dass du nach ihnen gesucht hast.

subtext.at: Das klingt so, als würdet ihr nicht viel planen, was eure Karriere angeht.
William DuVall: Ich finde es cool, wenn man sich auf eine spirituelle oder künstlerische Suche begibt. Gleichzeitig heißt es aber auch, dass du dich auf eine Reise begibst, deren Ausgang du nicht kennst. Das ist spannend. Wenn du aber beispielsweise die perfekte blonde Frau für dich suchst, die gut aussieht und sich so und so benimmt, dann ist das der falsche Weg.
Mike Inez: Und am Ende hat sich noch einen Schwanz (alle lachen).
William DuVall: Du willst den perfekten Job, in fünf Jahren willst du aufsteigen in deiner Firma und dieses eine bestimmte Auto fahren. Das ist alles seicht und oberflächlich aus meiner Sicht.
Mike Inez: Mir sind tolle Dinge widerfahren, nachdem ich einiges mitmachen musste. So läuft das oft ab. Ich war 23, hatte kein Geld, hatte einen miesen Job in einem Warenlager, mein Vater starb vor meinen Augen an Krebs und ich spielte nebenbei in Clubs vor vielleicht 8 Leuten und dachte nicht, dass ich jemals als Musiker durchstarten würde. Jetzt stehe ich hier vor dir, bin auf Tour, kann die Welt bereisen oder mit Metallica auf der Bühne stehen. (überlegt) Als wir die Band wieder zusammengetan haben, da haben wir auch Vertrauen gehabt. Wir glaubten daran, dass es funktionieren würde. Auch wir haben Geld verloren und in den Sand gesetzt, aber auch viel gewonnen.
William DuVall: Wir bleiben am Ball und sind motiviert und vergessen nicht auf unseren Spaß bei der Sache.
Mike Inez: Wenn du denkst, du bist der Rock-Gott schlechthin, dann rutschst du im nächsten Moment auf einer Bananenschale aus und schon ist der Moment hinüber (lacht)!

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subtext.at: Glaubt ihr, dass ihr den Leuten ein Angebot macht mit eurem Auftreten und eurer Musik, auf die Art „Wir sind hier, wir sind für euch da, es gibt keine Grenzen, jeder ist willkommen“?
William DuVall: Klar, darum geht es doch. Du gehst jeden Tag auf die Bühne und zeigt, dass du für dein Publikum da bist.
Mike Inez: Wir nehmen die Band ernst. Wir legen tausende von Kilometern zurück, um für euch zu spielen und wir machen das gern. (überlegt) Ich habe viele Bands gesehen, die miserabel waren und eine furchtbare Einstellung gehabt haben. Traurig. Auch wir haben gute und schlechte Momente, aber am Ende des Tages weiß ich, dass mir William oder die anderen den Rücken stärken. Es war ein harter und steiniger Weg für uns, aber wir wissen es zu schätzen, wo wir heute stehen.

subtext.at: Ich habe euch seit dem Comeback mehrmals live gesehen und ich fand es immer toll, dass der sprichwörtliche Funke bei euch zu spüren war.
William DuVall: Freut mich, dass du da sagst.
Mike Inez: Wir haben große Shows gespielt und kleinere Konzerte und ich muss sagen – mir gefallen beide Varianten. Es ist eine feine Linie, auf der wir uns bewegen.
William DuVall: Du musst deine Performance auch an die Gegebenheiten anpassen.

subtext.at: Wie bereits besprochen, kennt ihr beide Seiten des Lebens nur allzu gut. Hat die Band mit der Zeit gelernt, mit dieser Balance aus positiven und negativen Begebenheiten besser umzugehen? Seid ihr jetzt weiser geworden?
Mike Inez: Ich hoffe nicht, Mann (lacht)!
William DuVall: Weisheit, Erleuchtung, Erkenntnis – das ist etwas, dass man langfristig in Angriff nehmen muss. Ich denke nicht, dass wir alles wissen und erfahren haben und sozusagen das Ende für uns schon in Sicht ist.
Mike Inez: Jetzt können wir mit der harten Arbeit aufhören (lacht)!
William DuVall: Es gibt Auf und Abs in deinem Leben. Alles hat seine eigene Dynamik, was es für uns aufregend und tiefgreifend macht. Du kannst dich bestens auf etwas vorbereiten und trotzdem weißt du nicht, was genau auf dich zukommen mag. Das ist scary. (überlegt) Erleuchtung, in großen Lettern auf deiner Stirn geschrieben? Ich weiß nicht, ob ich daran glauben kann (lacht).

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