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CLUESO: „Die Leute hypen das, was sie schön finden“

CLUESO: „Die Leute hypen das, was sie schön finden“

Teil 2 – „Stadtrandlichter“, das aktuelle neue Album von Clueso und seine erste Nummer-1-Platte, beinhaltet von fein ausgetüftelten Songs über bedächtig-nette Nummern eigentlich so gut wie alles, was das Herz eines geneigten Pop-Fans hören möchte. Vor allem wirkt die Musik ungekünstelt – wie auch ihr Interpret echt und nahbar wirkt.

Der zweite Teil des Interviews über Bodenständigkeit, Berlin und Charts als Prestigeobjekt.

© Christoph Köstlinsubtext.at: Wenn Clueso unterwegs ist, dann will er zurück und wenn er wieder da ist, will er wieder hinaus – spiegelt dieser Satz deinen Charakter wiEEeder?
Clueso: (lacht) Ja, es beschreibt es schon ziemlich genau. Vielen Künstlern geht es so, die das lieben, was sie machen. Würde ich fast unterschreiben. Bob Dylan ist sein ganzes Leben nur auf Tour, nur auf der Straße. Das kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich zu Hause bin, fällt mir die Decke auf den Kopf. Man hat viele Eindrücke und Reize, die dann wegfallen. (überlegt kurz) Langweile ist für mich einer der kreativsten Prozesse schlechthin. Ich muss provozieren, Langeweile zu haben. Gleichzeitig muss ich gucken, dass ich mich auf Trab halte, Strom und Energie habe. Ich bin ein Energiemensch. Das ist alles sehr ambivalent. Und gestört. Es hilft einem aber, wenn man auf Tour geht und dann nach Hause kommt und man es immer wieder macht (lacht). Es hält mich am Leben. Es ist ein Aufladen und ein Entladen. Wenn ich ein Album mache, bin ich als Künstler krank und erkältet. Dann kommt alles raus. Bin ich auf Tour, bin ich gesund, da mache ich Sport und fühle ich mich wohl.

subtext.at: Gab es Dinge, die du dir sehnlichst gewünscht hast, von denen du aber gewusst hast, dass du diese nie bekommen wirst aufgrund deiner Persönlichkeit?
Clueso: Nochmal.

subtext.at: Gab es Sachen in deiner Vergangenheit, von denen du gedacht hast, dass du sie nie haben oder erreichen wirst, weil du anders tickst als all die anderen?
Clueso: (überlegt) Also ich finde Künstler genauso geil, die arrogant sind. Ich finde auch Künstler witzig, die schocken und Dinge tun. Ich habe aber gemerkt, dass es nicht zu mir passt. Ich kann mir Mühe geben, bis der Arzt kommt. Irgendwas passiert dann. Ich schmeiße ein Glas um oder so (lacht). Daher komme ich ja auch. Meinen Namen habe ich von Inspektor Clouseau, der so tollpatschig ist. Alle freuen sich, denn endlich ist der Clueso wieder da. Ich habe gemerkt, es passt einfach nicht zu mir. Ich kann die Jacke hochschnallen und eine Brille aufsetzen, das funktioniert dann drei, vier Songs und dann fragen sich alle, was mit dem Typen da los ist. Ich finde das cool, aber ich werde das nie haben. Brauchen werde ich es auch nicht, obwohl ich es interessant finde. Künstler, die mit der Kunst verbrannt sind, finde ich genauso interessant. Wie Jim Morrison von den Doors. Total verglüht mit dem Ding. Ich finde aber auch Künstler interessant, die im Einklang damit leben und älter werden, die in Würde altern. Ich habe aufgehört, durchzudrehen mit dem Kram, weil es einfach nicht zu mir passt (lacht). Als Kind hatte ich nur Halbjahresträume. Ich wollte gerne Musik machen in meiner Freizeit, es war nie die Rede davon, mal groß rauszukommen in dem Geschäft (lacht).

© Christoph Köstlin

subtext.at: Hättest du jemals gedacht, dass du ein Nummer-1-Album haben wirst?
Clueso: Ein was?

subtext.at: Ein Album, welches aufgrund seiner Verkäufe auf dem ersten Platz der Charts landet.
Clueso: Ja. Nee. Ich hatte einfach andere Prioritäten. Früher, am Anfang schon, weil du willst raus und erkannt werden. Du willst laut sein, ein Nummer-1-Album haben und von allen Kollegen erkannt werden. Das ist eine Idee, die du abends hast, bevor du einpennst. Da entwickelt sich auch wieder der Halbjahrestraum. (überlegt) Der Vorgänger war Nummer 2, das Album davor Nummer 3, davor, was weiß ich, was das für eine Nummer hatte. Ich weiß ja auch, was Charts sind – eine Art von Prestige. Ein Signal für Leute, die sich eigentlich gar nicht so sehr dafür interessieren, was du eigentlich machst. Die eigentlichen Fans haben das Album – völlig egal, wo es landet.

© Christoph Köstlin

subtext.at: Deine Bodenständigkeit scheinen deine Fans besonders an dir zu lieben. Wundert es dich, wenn die Medien mal wieder feststellen, dass der Clueso ja ein ganz normaler Mensch ist – als ob das eine außergewöhnliche Leistung wäre?
Clueso: Ja, das wundert mich auch. Ich weiß nicht, wen die Leute so treffen. Alle, die ich treffe, sind so ähnlich wie ich – auch in der Kunst. Ich finde die alle gar nicht so durchgeknallt. Viele Leute gehen zum Fernsehen, zum Radio, wollen dort sein, wo die Verrückten sind und wenn jemand kommt, der richtig verrückt ist, dann sind sie geschockt (lacht). Lass den Musiker Musiker sein, lass ihn durchdrehen. Die Frage ist, was dabei rumkommt. Ich für mich brauche das nicht, habe aber kein Problem damit, wenn jemand neben mir durchdreht. Es ist völlig OK.

subtext.at: Du hast in einem Interview aus dem Jahr 2008 schon deine Verbundenheit zur Stadt Erfurt thematisiert.
Clueso: In einem Magazin, ja, wo das einzige halbnackte Foto von mir zu finden ist, was es so gibt (lacht)!

subtext.at: Die derzeit populäre Band Kraftklub will nicht nach Berlin und auch du scheinst lieber in Erfurt bleiben zu wollen. Hast du manchmal einen verklärten Blick auf deine Heimatstadt, weil du sie überhöhst?
Clueso: Das macht jeder, der irgendwo wohnt. Du musst mal in den Ruhrpott fahren, da sind halt Städtchen, die sind wirklich hässlich. Die Leute hypen das, was sie schön finden. Oder zum Beispiel Köln, eine total zerbombte Stadt, die wenige alte Bauten hat außer den Dom und ein bisschen was von der Innenstadt. Der Rest ist halt weggeballert irgendwie. Die haben halt andere Sachen, die sie hochhalten. Das brauchen sie auch, weil sie dort wohnen und es ihre Wahlheimat ist. Natürlich überhöhe ich Erfurt, weil ich dort wohne. Ich zeige auf Dinge, die geil sind, kämpfe aber auch für Sachen, die wachsen müssen. (überlegt kurz) Touristisch gesehen ist es ein bisschen wie in Italien. Es ist auch ausgelegt auf Tourismus, aber wenig ausgerichtet auf Jugendkultur. Die Stadt lässt das nicht richtig zu und da kämpfe ich auch extrem für, dass sich etwas ändert. Natürlich macht man sich das ein bisschen schön und vergeilert sich den Moment. Ich habe aber auch einen Grund, da zu sein. Meine Halbjahresträume konnte ich dort halt erfüllen. Vor Ort, mit den Leuten, die ich schon lange kenne. Ich kann mir aber auch vorstellen, woanders zu leben. Die Fantasie lässt das zu. Hamburg, Leipzig… (überlegt) Berlin ist es nicht.

subtext.at: Warum nicht?
Clueso: Ist mir zu touristisch. Entweder ist es zu gesetzt an manchen Orten, wo mehr passieren könnte, oder zu viel los auf einmal. Du hast das Gefühl, du bist in Thailand. Die saufen sich die Birne zu und denken, da kann man schön lange Party machen. Es gibt auch einen Berlin-Alltag, den ich mag, aber es ist nicht so meine Stadt. Ich bin aber nicht gegen Berlin, sondern einfach mehr für Erfurt. Ich bin aber auch extrem beeindruckt von Wien – und das sage ich nicht, um zu schleimen. Es gibt viele alten Bauten, Patina an den Wänden, Clubs, die cool sind und kulturelle Sachen, die man sehen kann. Es gibt eine Schickimicki-Szene und eine alternative Szene. Wien hat beides. Finde ich immer gesund an einer Stadt. Interessiertes Publikum auch. Gefällt mir gut, ich könnte hier länger abhängen (lacht).

© Christoph Köstlin

Ende Teil 2 des Interviews.

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Teil 1 des Interviews mit Clueso
clueso.de
facebook.com/clueso.musik

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