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Ein Aufschrei reicht nicht, aber schafft sich Gehör – Wizoreks (netz-)feministische Agenda

Ein Aufschrei reicht nicht, aber schafft sich Gehör – Wizoreks (netz-)feministische Agenda

„Wo in erster Linie diskriminierende Strukturen wirken, hilft kein Selbstbewusstseins-Coaching“, schreibt Anne Wizorek. Sie ist eine der Initiatorinnen des Hashtags #aufschrei (ab 2013) auf Twitter. Ihr Buch „Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ ist ein Plädoyer für einen Gegenwartsfeminismus und für die Überwindung einer Norm des Sexismus.

Vor allem Frauen, aber auch Männer twitter(te)n unter dem Hashtag #aufschrei über ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus. Auslöser war der Text „Normal ist das nicht“, der anzügliche Bemerkungen, Angst vor sexuellen Übergriffen auf der Straße – speziell nachts – und vieles mehr thematisiert. Anne Wizorek gab dem Hashtag seinen Namen, welcher noch im Entstehungsjahr den Online Grimme Award erhielt.

Etwa eineinhalb Jahre später ist „Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ erschienen, welches über die Sexismus-Debatte, sprich Diskriminierung, die auf das Geschlecht gerichtet ist, hinausgeht.

Kapitel für Kapitel, von Bereich zu Bereich erläutert Wizorek den Stand der Gleichberechtigung der Geschlechter. Der Fokus liegt auf Deutschland, wenngleich die Pro-Life-Bewegung (gegen Abtreibung, Sterbehilfe, Stammzellenforschung) aus den USA und europäische Staaten bei Vergleichen Eingang in ihr Buch gefunden haben. Aussagen werden mit Studien, der Gesetzeslage und Diskussionen aus dem Internet verbunden.

Geschlecht wird wie bereits bei de Beauvoir vordergründig als soziales Merkmal gesehen. Es bestimmt unser Denken, wenn wir typisch männliche/weibliche Eigenschaften definieren oder gar zuordnen, und unser Verhalten, wenn wir dieses je nach dem Geschlecht des Gegenübers anpassen. Wizorek sieht dies sowohl für Männer als auch für Frauen diskriminierend und einengend: „Geschlechtergerechtigkeit für alle. Für eine Welt, in der Mädchen und Frauen mehr zugetraut wird als Schminken und Schuhkauf. Für eine Welt, in der Jungen und Männer Gefühle zeigen können, die über Fußballjubel hinausgehen können“, wird bereits auf dem Klappentext gefordert.

Die Werbung trägt ihren Teil zur Beibehaltung von Geschlechterstereotypen bei: „Pinkifizierung“ beschreibt eine Form des Marketings, die sich speziell an Kinder richtet, wenn Rosa etwa zur Mädchenfarbe klassifiziert wird. Um dagegen einzutreten, haben Personen eine NGO mit dem daran angelehnten Namen „Pinkstinks“ gegründet.
Als das gravierendere Problem in der Werbung sieht Wizorek jedoch Sexismus an. Schlanke, halbnackte oder nackte Frauen sind Bestandteil: „Frauen als sexuelle Objekte darzustellen ist in unserer Gesellschaft so alltäglich wie der Wetterbericht, dabei scheint kaum Allgemeinwissen darüber zu bestehen, was ein sexuelles Objekt ausmacht und welche Konsequenzen diese Darstellung für uns alle hat“, schreibt Wizorek. Sie erwähnt, dass Männer ebenfalls, seltener als Frauen, als sexuelle Objekte dargestellt werden.

Zum Thema Geschlechterstereotype in Medien wurde der Hashtag #reizendeschlagzeilen initiiert, der mit Umkehrungen spielt. So heißt es z.B. „Gebildete Männer mit Karriereoptionen wollen keine Kinder mehr. Ihr Egoismus beschleunigt demografischen Wandel“ oder „Mein Karrieregeheimnis – Wie Väter Job und Familie organisieren – und dabei fabelhaft aussehen“.

Abgesehen davon, dass ganze Industrien davon abhängig sind, dass sich Menschen hässlich fühlen, wird das Äußere auch in anderen Zusammenhängen wie im Beruf oder bei (möglichen) Schwangerschaften angesprochen. Gerade als Frau wird erwartet, sich weder zu freizügig noch zu unfeminin zu kleiden. Schon das (Nicht-)Tragen von Make-up wird nicht als komplett eigene Entscheidung gesehen: Zwei Drittel der Arbeitgeber/innen würden eine Frau nicht einstellen, die bei einem Bewerbungsgespräch kein Make-up trägt.
Dabei werden nicht nur Fragen zu einer geplanten Schwangerschaft während Bewerbungsgesprächen, sondern allgemeine Spekulationen darüber, ob jemand Kinder möchte oder nicht, selbst im privaten Bereich, als unpassend empfunden. Unter dem Hashtag #alsichschwangerwar wird über Erfahrungen im sozialen Umfeld mit der eigenen Schwangerschaft getwittert: Darunter ist etwa zu lesen, dass fremde Personen ungefragt den Bauch einer Schwangeren berührten oder dass Männer den Vorteil haben, sich aussuchen zu können, wann und wem sie von ihrer zukünftigen Vaterschaft erzählen.

Die folgende Vereinbarkeit von Familie und Beruf bringt Teilzeitjobs und weniger Führungspositionen für Frauen mit sich. Die sexuelle Selbstbestimmung durch die Pille sieht Wizorek kritisch: Das Thromboserisiko ist durch die Einnahme erhöht beziehungsweise bleibe durch die Pille Verhütung Frauensache. Vielmehr betont sie aber, dass sexuelle Selbstbestimmung nicht bei der Pille aufhören solle. Weltweit haben 79 Länder (28 davon in Europa) die Rezeptpflicht für die Pille danach aufgehoben. Dies sei unter anderem deshalb von Vorteil, da die Einnahme bereits bis zu 12 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr erfolgen soll, um auf der sichersten Seite zu sein. In Deutschland ist (im Gegensatz zu Österreich) die Rezeptpflicht vorhanden. Wizorek kritisiert in diesem Zusammenhang die Aussage Jens Spahns, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU: „Pillen danach sind keine Smarties“. Unter dem Hashtag #wiesmarties kam es zu einer erneuten Debatte im Netz.

Nicht nur bei der Rezeptpflicht der Pille danach unterscheiden sich europäische Staaten: Während in Deutschland (bis 21) und Luxemburg (bis 25) Krankenkassen Verhütungsmittel für junge Leute übernehmen, führt man in Österreich gar keine große Debatte darüber. Und während ein Schwangerschaftsabbruch hierzulande ebenfalls aus der eigenen Tasche zu bezahlen ist, ist dieser in Schweden bis zur 18. Woche kostenfrei. Eine Altersgrenze ist nicht festgelegt.

Wizorek betrachtet Demonstrationen gegen Abtreibungen, die direkt vor Beratungszentren und Kliniken durchgeführt werden, nicht als Meinungsfreiheit. Des Weiteren könne man bei unbequemer Meinung als hässlich und „unfickbar“ gelten, um bei ihrem Ausdruck zu bleiben.

Als „unfickbar“ zu gelten führt wiederum zur Norm des Sexismus und zu sexualisierter Gewalt. Diese bezeichnen nicht dasselbe, trotzdem steht Sexismus oft davor.
Sexualisierte Gewalt meint alle sexuellen Handlungen, die gegen den Willen einer Person geschehen, nicht nur Vergewaltigungen oder körperliche Berührungen, sondern genauso Anmachen, Belästigungen etc. Laut einer Studie des deutschen Bundesministeriums für Familien, Frauen, Jugend und Senior/inn/en haben 58,2 % der Frauen in Deutschland mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt.
Wizorek spricht hierbei von einer „Rape culture“: Sexuelle Belästigung wird als gegeben hingenommen, obwohl man sie vermeiden könnte. Eine veränderte Werte-und Geisteshaltung träge zur Überwindung bei. Unter dem Hashtag #ichhabnichtangezeigt waren 2012 Vergewaltigungen Thema. Wizorek erwähnt in ihrem Buch an dieser Stelle auch Slut Walks, die darauf aufmerksam machen, dass freizügige Kleidung eine Vergewaltigung nicht provoziere. Außerdem sei ein „hilflos Triebgesteuerter“ auch für Männer eine diskriminierende Bezeichnung.

Wizorek zeigt mit „Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“, dass es nicht den Feminismus, aber eine Vielfalt an feministischen Strömungen und Themen gibt. Es geht um mehr als um das Negieren biologischer Unterschiede. Es geht um soziale Gerechtigkeit, die nicht nur das Geschlecht, sondern auch die sexuelle Orientierung, Ethnien, usw. miteinschließt (seit 2013 existiert der Hashtag #schauhin für Alltagsrassismus).

Dazu werden konkrete Handlungsempfehlungen abgegeben. Das ist so weit schlüssig, bis man zu dem Kapitel „Mitmachen für Männer“ gelangt: Diese werden gleich auf ihre bisherigen Fehler im Verhalten hingewiesen und bekommen Bemerkungen wie „Wirklich dufte Einstellung meine Herren“ zu hören. Hier stellt sich die Frage, ob diese Vorgehensweise bisherige Nicht-Feminist/inn/en tatsächlich zum Mitmachen bewegen kann oder ob dieses Kapitel nicht viel eher Angriffsfläche für Gegner/innen der Bewegung bietet.

Auch die Sprache hätte man mehr ausfeilen können: „Unfickbar“ oder ein „hilflos Triebgesteuerter“ klingen wenig sachlich, bringen aber einige Leser/innen wohl genau wegen der Formulierung zum Schmunzeln. Es wird zugespitzt, Ausdrücke aus der Jugend- und Netzsprache fügen sich zu Fakten hinzu. Das schließt einerseits Publikum aus und inkludiert anderseits Nicht-Akademiker/innen oder (junge) Personen, die sich bisher nicht oder kaum mit Feminismus befasst haben.

Auf Fachsprache wird weitgehend verzichtet, Begriffe wie „Cisgender“ (Geschlechtsidentität stimmt mit körperlichem Geschlecht überein) werden kurz und bündig erklärt. Dennoch könnten mehr Fachausdrücke, die vor allem aus den Sozialwissenschaften stammen, um Erklärungen ergänzt werden. Ein Beispiel hierfür ist die „gläserne Decke“ (Metapher dafür, dass qualifizierte Frauen selten in die höchsten Qualifikationen eines Unternehmens vordringen und in der Mitte hängenbleiben, wie durch eine unsichtbare Barriere), eine Metapher, die bei den Lesenden offenbar als bekannt vorausgesetzt wird.

Die Geschichte des Feminismus wird hingegen erläutert, wobei es zur Einführung eventuell geschickter gewesen wäre, gleich zu Beginn des Werkes einen Überblick zu geben. In „Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ ist der geschichtliche Rückblick eines der letzten Kapitel.

Trotzdem ist Wizoreks Buch ein Versuch, Grenzenlosigkeit im Denken zu überwinden. Widersprüche, die wir im Alltag mit Selbstverständlichkeit leben, werden herausgearbeitet.
„Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ bietet einen Einblick in verschiedenste Aspekte einer feministischen Agenda. Dies geschieht auf eine verständliche Art und Weise, ohne dass der/die Leser/in die Werke von de Beauvoir, Butler, Schwarzer usw. gelesen oder die gesamte #aufschrei- Debatt mitverfolgt haben muss.

Weg von einer Kultur des „Du willst es doch auch?“ hin zu einer Kultur des „Willst du es auch?“, so lässt sich Wizoreks Forderung auf den Punkt bringen.

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„Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ ist 2014 im Fischer Verlag erschienen und umfasst 333 Seiten Inhalt.

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Katharina hat einen Abschluss in Soziologie und studiert Politische Bildung in Linz. Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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