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NAZAR: „Ich trage mein Herz auf der Zunge“

NAZAR: „Ich trage mein Herz auf der Zunge“

Teil 1 – Wer eignet sich besser für eine Unterhaltung über Ecken und Kanten als Nazar, der seit dem Erscheinen seiner letzten Platte „Camouflage“ erfolgreicher denn je die österreichische Musikszene aufmischt und immer wieder auch für Kontroversen sorgt? Wenn selbst Personalberater in hohen Positionen sich die Köpfe zerbrechen, wann und wie viel man von seinem Charakter überhaupt preisgeben kann und soll, dann sind wir beim Wiener Rapper mit iranischen Wurzeln an der richtigen Stelle, schließlich ist das Thema auch gesellschaftlich relevant.

Nachdem es hieß, der 30-Jährige würde in absehbarer Zeit keine Gespräche führen wollen, wurde uns am heuer stattfindenden Donauinselfest die Möglichkeit zuteil, Nazar doch noch mit unseren Fragen ausführlich zu konfrontieren. Wie sich zeigt, hat er seinen Biss nicht verloren, nach der politischen und medialen Schelte, die ihm zum Teil entgegengebracht worden ist.

Ein Interview über Musik als Ventil, Manipulation und das Leben als Kontrollfreak.

subtext.at: Nazar, was wäre das größte Kompliment, dass ich dir als Musiker und Rapper hier und jetzt machen könnte?
Nazar: In dem du mir sagst, dass du meine Musik sehr gut findest und der, der und der gewisse Song dir in der und der Situation weitergeholfen hat.

subtext.at: Hörst du das oft?
Nazar: Zum Glück, ja. Ich würde ansonsten irgendetwas falsch machen.

subtext.at: Mein erster Gedanke war, dass du ein Typ bist, der Ecken und Kanten besitzt und der das tut und sagst, was ihm gerade einfällt.
Nazar: Mach ich auch. Leider wird das oft dann auch teuer (lacht). Ich trage mein Herz auf der Zunge. Ich bin eben so erzogen und groß geworden.

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subtext.at: Ich habe oft das Gefühl, dass sich die Leute nach echten Charakteren, nach unbequemen Typen sehnen, eben mit Ecken und Kanten – und wenn sie dann vor einem stehen, dann finden sie es doch nicht mehr so gut.
Nazar: Hast du sehr gut gesagt. Das merkt man vor allem auch in der Musikbranche, überhaupt in meinem Segment. Ich würde mich jetzt nicht als Gangster-Rapper betiteln, weil ich doch sehr vielfältige Musik mache und unterschiedliche Songs habe, aber es gibt Kollegen von mir, die 100% Straßenrap machen und wenn dann der Künstler wirklich von der Straße kommt und Probleme mit sich bringt, dann ist das zu viel für die Labels. Und auch für das Publikum zu viel. (überlegt kurz) Wir leben dann, wie du schön erkannt und gesagt hast, doch noch in einer Welt voller Menschen, die es lieber hat, wenn du ihnen etwas vorspielst.

subtext.at: Es gibt Situationen, in denen man sich selbst ein Bein stellt, wenn man seine Persönlichkeit offen nach außen trägt. War das aus deiner Sicht bei dir schon mal der Fall?
Nazar: Das passiert oft im Leben, klar. Ich bin ein Mensch, der sehr schnell Entscheidungen trifft, sehr schnell redet und sich über Konsequenzen in dem Moment keine Gedanken macht. Ich bin aber auch nur ein Mensch. Für mich gilt das gleiche Gesetz wie für jeden anderen. Wie sagt man? Ich trage die gleichen Schäden davon, wenn ich Scheiße baue. Natürlich denke ich oft: „Ey, hättest du mal fünf Minuten länger drüber nachgedacht, dann wäre es so und so nicht passiert.“ Das Leben ist so, so bin ich als Person und das hat eben seine Vor- und Nachteile.

subtext.at: Ich nehme an, dass du kein beharrlicher und geduldiger Typ bist, wenn du Entscheidungen schnell triffst.
Nazar: (überlegt kurz) Is‘ so, ja.

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subtext.at: Arbeitest du daran, diese Eigenschaft in den Griff zu kriegen?
Nazar: Ich bin sogar ein bisschen ruhiger geworden, ja. Ich bin deswegen jetzt auch der freundliche Diktator und nicht nur der Diktator (lacht). Es liegt aber auch an meiner Arbeitsweise zusammen, weil ich echt ein Kontrollfreak bin. Ich habe mir fast alles selber aufgebaut. Ich bin Rapper, Manager, Booker, Sohn und Freund in einer Beziehung. Ich musste alles sein. Das Leben und meine Arbeit haben dazu geführt, dass ich diesen Charakter bekommen habe. Es muss alles sehr schnell funktionieren. Es muss alles auf point sein, ich möchte keine Fehler sehen. Für meine Kollegen ist es teilweise auch sehr schwer, mit mir zusammenzuarbeiten.

subtext.at: Bei dir gibt es den Doppeleffekt, den ich bei deinen Konzerten beobachtet habe – die Leute, die dich mögen, bleiben stehen und hören sich an, was du zu sagen hast, aber es bleiben auch die stehen, die dich ablehnen.
Nazar: Natürlich hat sich das letztlich sehr stark verändert, durch diese Story mit HC Strache. Ich bin nicht mit jedem Redakteur und mit jedem Chef einer Zeitung befreundet und deswegen wurde es in den Medien teilweise so dargestellt und hingestellt, wie die es wollten. Wir leben halt in einer Gesellschaft, nicht nur in Österreich, in der sich die Menschen sehr stark von den Medien manipulieren lassen und sich keine eigene Meinung mehr bilden. Sie schauen nicht mehr hinter die Kulissen, weil es plakativ genug ist. Gossip ist genau die Punchline, die sie haben wollen, die ihnen reicht. Wenn sie im Radio das und das hören, ohne Erklärung, gehen sie zur Arbeit und sagen: „Hey, weißt du was heute passiert ist? Überkrass, eine Frechheit oder?“ Damit musste ich leben und ich lebe immer noch damit.

subtext.at: Du wirst bestimmt oft von Leuten angesprochen.
Nazar: Weißt du, ich sag dir ganz ehrlich, ich bin sehr froh darüber, dass wenn mich Menschen ansprechen, sei es im Internet, auf Facebook oder auf der Straße, dass es niemals ein oberflächliches Scheißgelaber ist… Von wegen „Hey, du bist toll, wir sehen uns, tschüß“, denn fast jeder versucht mit mir ein längeres Gespräch zu führen. Mir sagen die Leute, was ich für sie bin, was sie in mir sehen und was das und das für eine Bedeutung hat. Wenn ich Menschen erreiche und wenn das selbst im Endeffekt nur drei Menschen sein sollten, die mir sagen „Danke, dass es dich gibt und du so bist, wie du bist und das ist cool“, ist mir das wichtiger, als wenn ich zehn Millionen Schulterklopfer habe, die auf „Gefällt mir“ klicken. Es sind Schulterklopfer im Endeffekt, die dann irrelevant sind und morgen genau so sagen könnten: „Ey, jetzt mag ich dich aber nicht mehr, weil du das und das gemacht hast.“

MichaelBreyersubtext.at: Charakter zeigt sich manchmal auch daran, wie sehr wir uns selbst überwinden und überraschen können. Wann hast du dich zum letzten Mal selbst überrascht?
Nazar: (seufzt und lacht) Das passiert eigentlich relativ selten, weil ich ja eben ein Kontrollfreak bin und alles sehr akribisch vorplane. Ich bin nur spontan, wenn ich verreise. Ist voll dumm, weil es immer teuer wird. Es ist aber auch mit der Arbeit verbunden, weil ich mir nicht wie andere Menschen drei Wochen Urlaube nehme in der Firma, der auch noch bezahlt ist und irgendwo hinfliegen kann und fünf Jahre vorher buchen kann. Ich bin ansonsten ein sehr berechnender und planender Mensch.

subtext.at: Wenn man Nazar als Bühnenperson begreifen will, muss man Nazar als Menschen verstehen?
Nazar: Nein, aber man muss ihn akzeptieren und ihm ein bisschen freien Lauf lassen. Wenn ich auf der Bühne stehe, da bin ich jemand, der keine Ansprachen, keine Zwischenpausen vorplant. Haben wir oft versucht, ist immer in die Hose gegangen. Das, was ich auf der Bühne sage, ist zu 99,9% Freestyle und entsteht aus den Reaktionen des Publikums. Wenn ich merke, dass die Leute eine halbe Stunde nur mit dem Handy stehen und nicht abgehen oder unmotiviert sind, sage ich dann auch: „Ey, Leute, ganz ehrlich, ich habe mein Geld ja sowieso schon bekommen, ich bin eigentlich für euch da, um euch zu belustigen wie ein Clown, um euch eine Freude zu machen“. Wir Musiker sind ja in Wahrheit die modernen Clowns. Damals hat ein Hofnarr vor dem König Flöte gespielt und der hat dann gesagt, ob es cool ist oder ob man ihn köpfen soll. Es ist ab und zu auch wichtig, dass das Publikum versteht, je besser die abgehen, desto mehr hat auch der Musiker au der Bühne seine Freude. Dadurch werde ich dann ab und zu sehr emotional – entweder in eine Richtung, die ihnen gefällt oder nicht gefällt. Vielleicht versteht man mich dann auch ein bisschen.

subtext.at: Kannst du deine Schwächen gut verstecken?
Nazar: (überlegt kurz) Eigentlich nicht so, denn wenn ich jemanden nicht leiden kann, dann zeige ich es ihm auch sofort. Das ist auch eine Schwäche von mir, weil in der Branche solltest du eigentlich keine Leute haben, die schlecht über dich reden oder denken. Jeder will Everybody’s Darling sein, was mir nicht leicht fällt. Es ist für mir schwierig, jemandem nicht zu zeigen, wenn ich ihn nicht leiden kann.

subtext.at: Ist Musik für dich das wirksamste Ventil, um Druck abzubauen?
Nazar: In meinem Fall, klar. Deswegen schreibe ich auch zu 90% immer nachts, wenn ich ganz alleine bin, wenn ich weiß, dass mich keiner mehr anrufen kann und ich meine Ruhe habe. Du kennst da sicher auch, wenn man sich ins Bett legen will, schlafen gehen will und dann denkt man über den Tag nach, über sein Leben, über alles. Bei mir ist das dann sehr, sehr spät und in der Phase, wo andere sich ins Bett legen und sich diese Gedanken machen, bin ich dann am Schreibtisch und schreibe dann meine Texte.

PromoEnde Teil 1 des Interviews.

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