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DEFEATER: Abandoned

DEFEATER: Abandoned

Dass Defeater live eine Macht sind, das haben sie uns heuer auch in Linz schon bewiesen (Konzert-Bericht). Mit „Unanswered“ erschien Ende August das bereits 4. Studioalbum der Bostoner Hardcore-Truppe um Sänger Derek Archambault – es ist das Major-Debüt der Band, auf Epitaph Records. Die Erwartungen liegen naturgemäß hoch. Die Songs von Defeater schildern allesamt die Tragödie um eine amerikanische Familie, zur Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Jedes Album bietet dabei eine neue Erzählperspektive, einen neuen Blickwinkel auf die Geschehnisse. Krieg, Tod, Alkoholismus,  Drogensucht und Gewalt prägen das Bild. So deprimierend, wie auch zugleich faszinierend. Nachdem die Geschichte bereits aus der Perspektive von Vater und beiden Söhnen erzählt wurde wird nun, wie auf der EP „Lost Ground“ ein weiterer Nebencharakter näher beleuchtet. Ein Priester hadert inmitten der Wirren der Nachkriegszeit mit seinem Glauben an Gott.

Passenderweise startet die Platte mit dem Gebet Hail Mary (Ave Maria) zu den ersten Tönen von „Contrition“. Schnell macht sich der Grundtenor der Verzweiflung breit. Gebetsartig wiederholen sich nicht nur hier, sondern über das gesamte Album verteilt die Zeilen „dear father, forgive me / for I am a sinner.“ und „unanswered / abandoned“. Das Crescendo zum Schluss und das animalische Drumgewitter tun ihr Übriges, um für den ersten großen Gänsehautmoment zu sorgen – ein vielversprechender Start. Mit „Unanswered“ wird dann gleich ein schnellerer Song hinterhergeschickt, der sich besonders durch die markante und oft wiederholte Hook („I was a good man once…) auszeichnet. Danach driftet das Qualitätsniveau aber ins Mittelmaß ab.

Das ebenfalls bereits bekannte „Spared In Hell“ ist zwar ein flotter Reißer, leidet aber einfach unter der Tatsache, dass Defeater ganz einfach schon wesentlich stärkere, vergleichbare Songs in ihrem Katalog vorweisen können. So ambitioniert die Idee dahinter auch ist, so zeigt das Konzept langsam aber sicher nun doch erste Abnutzungserscheinungen. „December 1943“ und „Divination“ bestätigen diesen ersten Eindruck ebenfalls. Was hier auffällt, sind die ungewohnt platten Gitarren, die längst nicht mehr so farbenfroh und detailreich klingen wie auf „Letters Home“ oder „Empty Days & Sleepless Nights“. Dementsprechend obliegt es immer öfter dem (genialen) Schlagzeugspiel und dem Gesang, für denkwürdige Momente zu sorgen.

Diese häufen sich gerade dann, wenn Defeater das Tempo rausnehmen und die Atmosphäre sich vollends entfalten lassen. „Borrowed & Blue“ zum Beispiel funktioniert durch seinen balladesken Grundton ganz hervorragend und bringt auch eine gehörige Überraschung mit, die hier allerdings auch gleichzeitig das größte Problem ist. Make Do And Mend-Sänger James Carroll legt einen Gastauftritt hin, über den ich mich als Fan zwar sehr freue, der aber dem Song wirklich überhaupt nichts gibt – der ganze Part wirkt wie ein Fremdkörper. Danach nimmt das Album aber gottseidank wirklich Fahrt auf. „Penance“ ist ein emotionaler Kracher, der (wieder) dann am meisten glänzt wenn das Tempo auf Half-time gedrosselt wird und sich jeder Schlag auf die Snaredrum wie einer in die Magengrube anfühlt („my lover left alone / my lover left to grief and mourn / my sins, my cross to bear, the guilt and vows I broke in turn“). „Remorse“ ist eine treibende Hardcore-Nummer, bei der sich live die Menschen vor der Bühne übereinander werfen werden, um in voller Inbrunst jede Zeile mitzuschreien und „Pillar Of Salt“ eine gelungene Selbstreferenz (quasi der böse Zwilling von Empty Glass). Wo wir gerade bei Referenzen sind: „Atonement“ – der atmosphärisch dichteste und vielleicht beste Song der Platte ist auch jener, der „Abandoned“ lyrisch mit den bisherigen Erzählungen von Defeater verknüpft. Die Zeile „what brings you here my son?“ macht klar, dass es sich beim Protagonisten um jenen Priester handelt, der auch schon im Schlusstrack von „Travels“ eine tragende Rolle spielte. Albumintern schließen Defeater den Kreis dann mit „Vice & Regret“, das wieder nahtlos an den Opener anknüpft und in ein episches Finale gipfelt.

Auf der digitalen Version des Albums sind übrigens mit „Still & True“ und „Let Me Down“ wieder 2 Akustik-Songs als Bonustracks zu finden, die klugerweise nicht mehr mit draufgepackt wurden, da die Stimmung der Platte wohl ziemlich darunter gelitten hätte – hörenswert sind sie aber allemal!

Defeater haben wieder ein atmosphärisch starkes Album auf großteils hohem Niveau abgeliefert, dem es verglichen mit den Vorgängern allerdings an der emotionalen Tiefe und der instrumentalen Durchschlagskraft fehlt. Nichtsdestotrotz bleibt meine große Bewunderung für diese Band unverändert und ich verfolge mit Spannung, wie sie ihr lyrisches Universum nach und nach ausbauen. Defeater gehören weiterhin zu den spannendsten Künstlern, die Hardcore momentan zu bieten hat!

 

 

abandoned_cover

Tracklist

01. Contrition
02. Unanswered
03. December 1943
04. Spared In Hell
05. Divination
06. Borrowed & Blue
07. Penance
08. Remorse

09. Pillar Of Salt
10. Atonement
11. Vice & Regret

VÖ: 28.08.2015, via Epitaph Records

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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