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Anti-Flag: American Spring Tour 2015 – Punk im Posthof

Anti-Flag: American Spring Tour 2015 – Punk im Posthof

Durchaus punkige Singer-Songwriter Protestsongs, brachialer melodic Hardcore, straighter Punkrock. Musikalisch vielseitig erwies sich das Programm, das in der Halloweennacht im mittleren Saal des Posthofs geboten wurde. Und das in einem Genre, das von vielen als stumpf, fad und „eh immer das Gleiche“ kategorisiert und konsequent vermieden wird. Anti-Flag haben für einen sehr interessanten und abwechslungsreichen Tour-Support gesorgt. Dass jedoch keine der Vorgruppen das Linzer Publikum so zum Ausrasten, Durchdrehen und Mitsingen (oder eher Mitschreien?) animieren konnte, wie die nun 20 Jahre bestehende Polit-Punk Band aus Pittsburgh, stellten die vier Herren von Anti-Flag eindrucksvoll unter Beweis.

Pünktlich um 20 Uhr betrat der ebenfalls aus Pittsburgh, Pennsylvania stammende, und mit Anti-Flag befreundete Singer-Songwriter Derek, welcher unter dem Pseudonym „The Homeless Gospel Choir“ auftritt, die Bühne. Dieser hatte die äußerst schwierige Aufgabe, das teilweise noch am Boden sitzende, sich lautstark unterhaltende Publikum mit Gitarre, Mikro und seiner Stimme ausgerüstet, für sich zu gewinnen. Diese meisterte der charismatische Kerl mit seiner humorvollen Art und intelligenten Protestsongs. Dabei ist seine überaus deutliche Artikulation zu erwähnen, welche es dem Publikum ermöglichte, die gesellschaftskritischen Texte auch gut zu verstehen. Darüber hinaus verarbeitet „The Homeless Gospel Choir“ auch persönliche Erfahrungen.

Da sich schon das Equipment des nächsten Acts auf der Bühne befand, ging es nahtlos mit Trophy Eyes weiter. Die fünf Jungs schenkten sich nichts und gaben auf der Bühne alles. Rasante Passagen, harte Breaks, ausgeklügelte und melodische Instrumentalteile, sowie ein extrem motivierter Sänger konnten leider, außer ein paar nickende Köpfe, nichts im Publikum bewirken. Sehr schade, denn das ist der ideale Soundtrack für Moshpits und Crowdsurfing, oder um sich bei Textsicherheit gemeinsam mit dem Vokalisten die Seele aus dem Leib zu schreien. An der Performance dieser sonst sehr tight spielenden Gruppe sind nur die etwas zu leisen Gitarren im Vergleich zu Bass und vor allem Schlagzeug und die Ansagen des Sängers zwischen den Songs, welche unverständlich und schlampig gesprochen waren, zu kritisieren. Diesbezüglich kann sich der Trophy Eyes Sänger vom vorherigen Act ein Scheiberl abschneiden. Letztendlich geht es aber um die Musik, die durch die Band hervorragend transportiert wurde.

Als nächstes gaben sich Red City Radio die Ehre, welche durch höheren Bekanntheitsgrad den Vorteil hatten, vor etwas dichter gedrängtem Publikum zu spielen. Die vier Burschen aus Oklahoma präsentierten ein neues, selbstbetiteltes Album. Nach einem kurz eingespielten Intro, nämlich „Jump“ von Van Halen, ging es los und zu diesem Zeitpunkt hätte man im Nachhinein gesehen schon ahnen können, wohin die musikalische Reise geht. Vor allem wenn man sich die 80er Jahre – Frisur des Gitarristen ansah. Straighter Midtempo Punkrock, mit Classic Rock Anleihen, gespickt von zweistimmigen Gitarrenleads und einigen Soli. Die älteren, eher schnelleren Nummern durften natürlich im Set nicht fehlen und so erwies sich das Ganze als stimmiges Gesamtpaket. Die Gesangsleistung der Bandmitglieder war bewundernswert und wurde in mehrstimmigen Parts ausdrucksstark präsentiert. Insgesamt eine solide Show, die vor allem Fans noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Nach einer kurzen Umbauzeit war es dann so weit. Als die Scheinwerfer ausgingen und ein kurzes Halloween – Intro ertönte, füllte sich der Saal im Nu. Spannung lag in der Luft, und als Justin Sane von Anti-Flag die Bühne betrat, wurde es erstmals richtig laut. Als die Band das erste Lied anstimmte, ging es rund und die ersten Bierduschen regneten auf die Konzertbesucher herab. Es wurde gepogt, dass es eine Freude war, Crowdsurfing durfte natürlich auch nicht fehlen. Anti-Flag erwiesen sich als eine motivierte, ungemein energetische Liveband, die auch nach 20 Jahren nicht leise wurde, und sich immer auf ihre Wurzeln besinnt. Dies wurde unter anderem auch an der großen Anzahl der ganz frühen Songs deutlich, die authentisch wie eh und je präsentiert wurden. „Fuck Police Brutality“ wird immer noch mit erhobenen Mittelfingern eingeleitet, das obligatorische Megaphon darf bei vielen Songs natürlich auch nicht fehlen. Justin Sane wirbelte seine Gitarre durch die Gegend und Chris Number 2 zog es vor, von diversen Bühnenelementen herunterzuspringen. Hits vom Album „For Blood and Empire“ wie „Broken Bones“, „The Press Corpse” und natürlich “This Is The End (For You My Friend)” funktionieren genauso gut wie Hits des neuen, 2015 erschienenen Albums „American Spring“. „Fabled World“ und „Brandenburg Gate“, das gemeinsam mit The Homeless Gospel Choir gespielt wurde, erwiesen sich als echte Live – Kracher.

Erwähnenswert ist auch Justin Sanes Kommunikation mit dem Publikum, der eine kurze Rede über die Flüchtlingskrise Europas hielt, und noch einmal die Message, die die Band zu vermitteln versucht, unterstrich: solange auf dieser Welt Waffen produziert werden, werden der Wahnsinn des Krieges und die schwer zu koordinierenden Flüchtlingsströme kein Ende haben. Eine weitere Rede wurde von einer Vertreterin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International vorgetragen, für die sich die Band engagiert. Den Abschluss des Konzerts bildete der vom Schlagzeuger und Bassisten im Publikum vorgetragene Hit „Drink Drank Punk“, und alle gingen glücklich, verschwitzt und hoffentlich wachgerüttelt durch die pazifistische Message der Band nach Hause.

Foto: Andreas Wörister

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Redakteur bei subtext.at, Musikfan, aktiver Musiker

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