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DIE NERVEN: die letzten Tanzenden / Schlachthof Wels

DIE NERVEN: die letzten Tanzenden / Schlachthof Wels

Mit ihrem neuen Album Out im Gepäck gastierten die Nerven am Freitagabend im Zuge des YOUKI Jugendfilmfestivals im Alten Welser Schl8thof. Zwischen Schweigen, ausufernden Jams und brachialen Noise Attacken – die etwas andere Afterparty. 

Um 22:30 ging es los – mit dem Wiener Duo Anna Threat und Kate Kristal, aka Kristy and the Kraks, die in ihren Leoparden-Bodysuits slackerhaft minimalistischen Surf-Punk boten. Oder wie sie es so schön ausdrückten „We are stripping our sound down to the basics“. Abwechselnd bedienten die beiden Damen die Gitarre und das, aufs wesentliche reduzierte Schlagzeug und weckten mit ihren flippigen Zwischenansagen auf Englisch schnell die Sympathien der Zuhörerschaft im angenehm verkleinerten Schlachthof-Saal, in dem an diesem Abend gar etwas Wohnzimmeratmosphäre aufkam. Wirkliche Stimmung konnten die beiden Damen dann aber leider doch nicht erzeugen. So blieb es fürs Erste nur beim Funken schlagen.

Kristy and the Kraks

Kristy and the Kraks

Die Nerven – Julian Knoth (Gesang, Bass), Max Rieger (Gesang, Gitarre) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) – haben sich in den letzten Jahren den Ruf einer grandiosen Liveband erspielt. Diesem Ruf wurde das Stuttgarter Rock-Trio an diesem Abend mühelos gerecht. Von Albtraum bis Angst lieferten sie ein knapp einstündiges Set ab das sich gewaschen hatte. So distanziert und wortkarg wie die drei auch manchmal wirken mögen (lange Ansprachen würden hier aber auch die Stimmung verderben), umso mehr lassen die Nerven auf der Bühne die Fetzen fliegen. Zwischen ruhigen Passagen und ausufernden Jams bricht immer wieder mal die sprichwörtliche Hölle los. Das manifestiert sich dann in erbarmungslosem Gitarrengeschrammel, Schreiattacken und einem dutzend durch die Gegend fliegender Drumsticks.

Vermutlich der prägendste Moment des Abends: Als Gitarrist Julian bei der letzte Tanzende kurzehand den Text abändert – „wieso soll ich singen wenn ich auch schweigen kann?“ und der gesamte Saal daraufhin in Einklang verstummt, nur um einige Sekunden später von einer Lawine aus Krach zugeschüttet zu werden. Angemerkt sei auch dass sich die poppigen und glatt als tanzbar durchgehenden, neuen Songs wie Barfuß durch die Scherben wunderbar zwischen die rohen Wutausbrüche von Fluidum und FUN einbetten. Nicht als Kontrast, sondern als neue Nuance – als Erweiterung des großen Ganzen.

Die Nerven

Die Nerven

Am Ende gab es dann sogar noch eine Zugabe zu bestaunen, bevor die Band so schnell wie sie gekommen war auch wieder verschwand und die Konzertbesucher im Anschluss bei der Auflegerei von Miss Shina und Miss Katinka im Foyer noch bis in die Morgenstunden zum musikalischen Radikal-Kontrastprogramm tanzen konnten. Ich verließ den Schlachthof unterdessen glücklich und mit einem leichten Stechen im linken Ohr.

 

*Die Nerven waren übrigens so freundlich um sich vor dem Konzert die Zeit für ein kleines Interview zu nehmen.
Das Resultat gibt es in Kürze natürlich hier zu lesen – stay tuned.

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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