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Anti Flag: Jede Revolution braucht ihren Soundtrack!

Anti Flag: Jede Revolution braucht ihren Soundtrack!

Im Rahmen ihres Tourstopps in Linz hatten wir die Möglichkeit mit Anti Flag-Schlagzeuger Pat Thetic über Politik, die Macht von Musik, Bandgeschichte und über die Löschfähigkeit von Urin zu sprechen.

subtext.at: Hi Pat. Danke das du dir die Zeit nimmst. Ich möchte dir nicht die selben Fragen über die neue Platte American Spring stellen, die du schon dutzende Male gehört hast. Anti Flag ist jetzt schon 22 Jahre alt.
Pat: Hängt davon ab, wie man zählt…

subtext.at: Ich zähle von Beginn an, also 1993.
Pat:
Ok dann von hier aus!

subtext.at: Wie hat sich deiner Meinung nach die Musikindustrie, speziell die Punkindustrie, verändert über diese mehr als zwei Jahrzehnte?
Pat:
Als wir begonnen haben, unsere ersten Konzerte zu spielen, gab es überhaupt keine Punk-Rock -Labels, und dann in den späten 90ern, frühen 2000er Jahren sprossen alle förmlich aus dem Boden. Dagegen heute gibt es wieder sehr wenige, es ist also ein ständiges Auf und Ab.

subtext.at: Es ist also eine schwankende Bewegung?
Pat:
Auf jeden Fall. Generell fühlt es sich für mich so an, dass sich Punk Rock und Metal immer abwechseln. Wenn die Menschen Metal mögen, können sie nichts mit Punk Rock anfangen und umgekehrt.

subtext.at: Spannend, so hab ich das noch nie gesehen. Jetzt ganz allgemein, als Anti Flag gegründet wurde, wie wurden Themen wie Booking oder Kontakt mit den Fans gehandhabt? Wie hat sich das alles zum Guten oder zum Schlechten verändert in den letzten 20 Jahren?
Pat:
Als wir angefangen haben, gab es ein Magazin mit dem Namen „Book your own live“. Wenn du eine Location hattest, konntest du einfach kostenlos eine Anzeige schalten und alle sechs oder zwölf Monate, als die neue Ausgabe veröffentlicht wurde, hast du diese gekauft und konntest dann als Band sehen, wo du überall Auftrittsmöglichkeiten hattest. Du hast Kontakt mit der Location aufgenommen, gefragt welche Termine noch möglich wären und die Show gebucht. So hab auch ich unsere ersten Tourneen organisiert, es war verdammt harte Arbeit, aber so ging das einfach damals. Der entscheidende Unterschied zwischen 2015 und den 90ern ist einfach die Art wie man kommuniziert. Heute kannst du jederzeit und von überall aus eine E-Mail schicken und bekommst sofort eine Antwort, das ging damals viel langsamer und beschwerlicher. Bis man auf einen Brief eine Antwort erhalten hat, vergingen schon einmal zwei bis drei Wochen und auch auf Anrufe gab es nicht immer gleich eine Reaktion. Es war damals einfach eine ganz andere Erfahrung als heute.

subtext.at: Also denkst du, dass die Kommunikation unpersönlicher geworden ist durch E-Mail, Facebook, Instagram und co?
Pat:
Eigentlich sind Briefe etwas sehr Unpersönliches. Ich denke die Kommunikation, ist vor allem viel schneller geworden. Effizienter, aber nicht weniger persönlich. Wenn du auf das Facebook Profil von irgendjemanden gehst, erfährst du wer er ist, wie seine Freundin aussieht oder welche Hobbys er hat. Es gibt einfach viel mehr Kommunikation im Gegensatz zu früher, wo du einen Brief geschrieben hast und keine Ahnung hattest, wer derjenige ist. Ich bin absolut kein Fan davon zu sagen, früher war alles besser, weil es einfach nicht so ist. Die Kommunikation ist einfacher und schneller geworden, ansonsten hat sich nicht wirklich viel daran verändert.

subtext.at: Also einfach eine andere Herangehensweise?
Pat:
Genau. Kennst du die Band Randy aus Schweden?

subtext.at: Nein, sagt mir leider nichts.
Pat:
Eines ihrer Lieder trägt den Namen „Addicts Of Communication“ und ich denke es ist wahr, dass wir danach süchtig sind mit anderen Menschen zu kommunizieren, auch wenn wir meistens etwas sagen was keinen Wert oder Inhalt hat.

subtext.at: Da hast du wohl recht. Was sich in den Jahren nie verändert hat ist, dass Punk Rock als Genre immer einen starken Fokus darauf legt, gesellschaftliche, politische und persönliche Probleme anzusprechen. Tim Mcllrath (Anm.: Frontmann von Rise Against) stellte einmal in einem Interview klar, das es aus seiner Sicht absolut in Ordnung sei, musikalisch dem zu folgen was der Mainstream von einem will um so mehr Menschen mit der eigenen Musik zu erreichen, solange die Botschaft richtig ist. Würdest du dem zustimmen?
Pat:
Ich stimme Tim darin zu, dass es in Ordnung ist, solange man die Botschaft nicht verändert. Weil mir ist es vollkommen egal ob ich jetzt ein Cello, ein Horn, eine Gitarre oder irgendein anderes Instrument verwende um meine Message zu verbreiten. Wenn du also mehr Menschen mit deiner Botschaft erreichen kannst, ohne diese zu verwässern, indem du dich mehr dem Mainstream anpasst – mach das.  Wenn du diese dagegen verändern musst, um erfolgreicher zu sein – lass es sein. Persönlich muss ich Tim zu Gute halten, dass er und die Band immer konsequent in ihren Überzeugungen waren, ich denke also es ist nichts falsch daran, dass Rise Against populärer im Massenmarkt geworden ist.

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subtext.at: Kommen wir nun doch zur aktuellen Platte. American Spring behandelt von Drohnenkrieg über Klassenkampf wieder viele politische Themen. Weiters ist das Album doch recht merklich an den Arabischen Frühling angelehnt. Bist du der Überzeugung, dass ihr mit eurer Musik derartige Revolutionen herbeiführen könnt? Hat Musik so viel Macht?
Pat:
Ich denke nicht, dass Musik diese Macht besitzt, aber ich bin fest davon überzeugt, dass jede Revolution, jede gesellschaftliche Bewegung ihren Soundtrack hat. Musik soll Menschen inspirieren und ihnen Hoffnung geben, dass ein Wandel möglich ist. Denn sie ist nicht gut darin, einen genauen Plan oder Details darüber vorzugeben, wie ein derartiger Umbruch ablaufen soll, aber sie ist gut darin, Menschen dahingehend zu inspirieren, dass er möglich ist. Ich denke also nicht das es die Welt verändert wenn wir einen Song darüber schreiben, dass Drohnenangriffe mit Selbstmordatemtätern gleichzusetzen sind. Aber diese Idee wird die Gedanken der Menschen durchdringen und so möglicherweise über eine längere Zeit ihre Überzeugungen ändern.

subtext.at: Aktuell befinden sich die USA in einer Art von politischem Umbruch. So finden gerade die Vorwahlen der Kandidaten zu den kommenden Präsidentenwahlen statt. Eine Person die auch in Europa sehr polarisiert ist Donald Trump (Anm. Spitzenreiter der Republikanischen Partei), wir machen uns über ihn lustig.
Pat:
Ja, das machen wir auch, er ist einfach nur peinlich und furchtbar. Er ist jedoch ausgezeichnet darin, die Medien und damit die Massen zu manipulieren, das ist seine mächtigste Fähigkeit.

subtext.at: Medien sind also der wichtigste Auslöser für soziale Umbrüche?
Pat:
Auf jeden Fall! Denn über die Medien erhalten wir unsere Informationen, auf denen wir dann oftmals unsere Meinungen und Überzeugungen aufbauen. Genau darum ist es wichtig, dass Bands wie Anti Flag, Rise Against oder Bad Religion über diese Themen sprechen. Jeden Tag werden wir überschwemmt von Nachrichten, die einem nur sagen, dass man nicht gut genug ist, dass wir mehr Kriege führen sollen, dass wir stark sein sollen, dass wir die anderen vernichten sollen und so weiter. Musik, generell Kunst, kann hier ein, wenn auch kleiner, Gegenpart sein, indem sie den richtigen Weg aufzeigt und den Leuten klarmacht, dass sie noch einmal in einer anderen Art darüber nachdenken sollten was die Medien ihnen sagen.

subtext.at: Es ist also gerade in diesen Zeiten besonders wichtig, social media Kanäle als Gegenpart, als alternative Informationsquelle zu positionieren?
Pat:
 Absolut! Denk darüber nach. Jeden Tag wenn du auf dein Handy schaust, Radio hörst oder fernsiehst, wirst du mit diesen ganzen Meldungen bombardiert, ohne das du Kontrolle darüber hast. Wenn du jedoch ein Album hörst, oder eine Band auf Facebook oder anderen alternativen Medien findest wirkst du diesen Nachrichten entgegen. Du entscheidest selbst, was du lesen und hören möchtest.

subtext.at: Kommen wir nun zu meiner Kategorie Wordrap. Ich gebe dir den Satzanfang vor und du beendest ihn. Mein wichtigster Gegenstand auf Tour ist..
Pat:
Mein Campingstuhl. Den trage ich ständig mit mir rum. Ich mag es einfach nicht, im Tourbus zu sein, wenn er sich nicht bewegt, es ist einfach zu eng und zu viele Menschen auf kleinem Raum. Wenn ich aber meine Stuhl dabei habe, kann ich einfach aus dem Bus gehen und mich hinsetzten wo ich will, wenn es sein muss einfach an den Straßenrand.

subtext.at: Wenn ich kein Musiker geworden wäre…
Pat:
Ein Haberdasher *lacht*. Das ist ein Witz aus dem Film „This Is Spinal Tap“ (Anm.: amerikanischer Spielfilm von 1984) den du dir unbedingt anschauen musst. Ich wäre wohl ein Unterstufen-Lehrer (Anm.: im Wortlaut junior high school teacher) geworden.

subtext.at: Also hast du früher mal daran gedacht, Lehrer zu werden?
Pat:
Nein nicht direkt, mein Vater war Lehrer. Ich weiß echt nicht was ich ansonsten gemacht hätte. Begonnen Schlagzeug zu spielen, hab ich als ich zwölf war und die Band formierte sich dann fünf Jahre später. Ich habe immer nur Jobs angenommen die sich mit der Band vereinbaren ließen, mein ganzes Leben dreht sich also darum, Musik zu machen und durch die Welt zu touren. Ich hab echt keine Vorstellung darüber, was ich anderes gemacht hätte.

subtext.at: Dann hoffen wir, dass nie ein Plan B notwendig ist.
Pat:
*Lacht herzlich* Ja hoffentlich!

@Joe Russo

subtext.at: Der lustigste Moment auf Tour war..
Pat: Schwierig *überlegt lange*. Ich hab nicht wirklich einen lustigsten Moment auf Tour. Aber der schlimmste war vor ca. 15 Jahren. Wir waren mit unserem Wohnwagen in den Staaten unterwegs und als wir aus Los Angeles rauskamen waren da diese riesigen Berge und es war extrem heiß. Wir schliefen schon und einer unsere Freunde fuhr. Wir waren also auf der Spitze des Hügels als er uns plötzlich aufweckte und anschrie wir sollen raus aus dem Wohnwagen, weil das Getriebe Feuer gefangen hat. Weil wir auf Tour waren, war das einzige „Wasser“ das wir hatten unsere Pinkelflaschen, weil du natürlich unterwegs zwischen den Gigs keine Zeit hast stehen zu bleiben. Wir standen also vor dem Wohnwagen und versuchten mit unserem Urin das Getriebefeuer zu löschen. Das war wortwörtlich ein beschissener Moment.

subtext.at: Hat es funktioniert?
Pat: Ja hat es, wir waren alle von Urin überzogen, aber glücklicherweise brannte der Wohnwagen nicht nieder.

subtext.at: Also wurde niemand verletzt?
Pat:
Nein aber ich war voller Urin, Urin anderer Bandmitglieder. Das war nicht gerade angenehm.

subtext.at: Glaub ich dir. Kommen wir langsam zum Ende, nochmals danke dafür, dass du dir die Zeit genommen hast. Wo siehst du Anti Flag in 5 Jahren?
Pat:
Hoffentlich weitere Shows spielen, wo wir mit Leuten zusammen kommen die ähnliche Überzeugungen haben wie wir. Weil wenn du kein Konzert hast, wo du hingehen kannst und alle nur zu Hause in ihren Häusern und Wohnungen hocken, wächst die Gemeinschaft nicht.  Aber wenn du eine Show hast, wo Menschen mit ähnlichem Glauben, ähnlichen Überzeugungen und Meinungen zusammenkommen um gemeinsam zu feiern – das bestätigt, dass man das Richtige macht.

subtext: Habt ihr schon Pläne für das nächste Album? Ich vermute mal ihr verbringt 2016 noch mit American Spring.
Pat:
Ja genau, wir touren noch das gesamte kommende Jahr mit der aktuellen Platte nachdem sie ja doch noch sehr jung ist. Wahrscheinlich werden wir uns dann gegen Ende des Jahres Gedanken über ein neues Album machen.

subtext.at: Also kommt die neue Platte 2017? 2018?
Pat: Ja das wird ganz gut hinkommen!

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