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Eichmann: Ein schrecklich gehorsamer Mittäter

Eichmann: Ein schrecklich gehorsamer Mittäter

275 Stunden Verhör, darüber 3650 Seiten Protokoll – das sind die Zahlen zu den Gesprächen Avner Werner Less‘ mit dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann.  Eichmann war Leiter des Reichssicherheitshauptamtes – einer Einrichtung für die Vertreibung und Deportation der Juden und Jüdinnen, mitverantwortlich für sechs Millionen Morde.

Eichmanns Verhör begann am 29. Mai 1960 in Jerusalem, seine Aussagen sind auf Tonband festgehalten. Eichmann (Franz Froschauer) berichtet von seiner Kindheit und Jugend in Solingen, Linz und Umgebung. Er erzählt vom nicht erreichten Schulabschluss, von seiner Ausbildung zum Mechaniker, vom Berufswechsel und seinem Eintritt in die NSDAP und SS. Als die NSDAP in Österreich verboten wird, geht Eichmann nach Deutschland und absolviert eine militärische Ausbildung bei der SS. Nachdem er als Hilfskraft  des Sicherheitsdienstes gearbeitet hat, wird er 1935 in die Abteilung für Juden und Jüdinnen versetzt. Handelt es sich anfangs um die Vertreibung der Juden und Jüdinnen, so besuchte Eichmann 1941 Vernichtungslager und leitete schließlich die Deportation in diese Todesstätten.

Nüchterne Fakten, die Eichmann von sich gibt; Verantwortung, die er nicht übernimmt, sondern abgibt – Er selbst habe nie Juden und Jüdinnen erschossen, er habe kein Gas eingefüllt. Es habe sich stets um Befehle gehandelt, der/die Zusehende wird sich sicher, dass Eichmann jeden anderen Befehl ebenfalls ausgeführt hätte. Eichmann wird vom Halt der Partei gefangen. Seine Verteidigung ist strategisch: Er sei zwar nicht verantwortlich, habe sich aber menschlich mitschuldig gemacht. Während diese Aussage nicht emotional klingt, so zeigen sich doch selten Furcht und Zorn bei Eichmann. Nach antisemitischen Äußerungen steht die Angst vor einer Hinrichtung im Raum. Reue sei nur etwas für kleine Kinder, Sühne wäre laut Eichmann jedoch durch öffentlichen Suizid möglich.

Dies ist eine von mehreren Aussagen Eichmanns, die im Stück auf Tonaufnahmen Hitlers (z.B. Anschlussrede) und hochrangiger Parteimitglieder, auf emotional berührende Passagen aus Berichten und Zeuginnen-und Zeugenaussagen treffen. Das Gesagte wird durch einen Chor, in dieser Aufführung aus Jugendlichen zwischen 15-18 Jahren, untermauert oder widerlegt. Zu Beginn hinter der Bühne, abgetrennt durch einen schwarzen Vorhang, in der Erzählerrolle, im Laufe des Theaterstückes hervorgetreten und kleine Spielrollen übernehmend- Der Chor hat die gesamte Aufführungsdauer viel Präsenz. Manchmal geht der Einsatz so weit, dass alle paar Minuten Lieder folgen, welche Erinnerungen Eichmanns darstellen. Manchmal kommt der/die Zuseher_in zu sehr vom Hauptdarsteller weg, von der Beobachtung, der Position des Gegenübers, von dem bestimmten Grad an Sachlichkeit, den es bei diesem Thema braucht.

Der Chor kommentiert, ist laut und in anderen Situationen, in denen sich Eichmanns Machtposition deutlich zeigt z.B., leise. Einmal passt ein Lied, dessen Text mit „Madl“ anstimmt, nicht zum Schauspiel. Das Hauptaugenmerk des Chores liegt hingegen auf detailgetreuen Schilderungen – zu Kindern, die nachts geweckt und in Konzentrationslager gebracht werden, zu Vergasungen; Leichen, die verletzt sind und Menstruationsblut zwischen den Beinen haben.

Wieso „Eichmann“ jetzt aufgeführt werde und wieso das Stück so detailliert sei, fragt eine ältere Dame in der anschließenden Diskussion mit dem Hauptdarsteller und mit Wolfgang Schmutz (Assistent für Filmprojekte zum Holocaust, war bis 2014 Mitglied des pädagogischen Teams der Gedenkstätte des KZ Mauthausen). Eine Frage, die vielleicht nicht angemessen klingt, wird seitens des Hauptdarstellers damit beantwortet, dass die Situation auch so war. Nicht jede_r wüsste, wer Eichmann war, noch weniger wüssten über die Details seiner Taten Bescheid.

Franz Froschauer hat sich durch Gespräche mit Zeug_innen, das Videomaterial zum Eichmannprozess auf  Youtube etc. auf die Rolle vorbereitet. Das ist nicht nur sichtbar, Froschauer gelingt es auch, Eichmann nicht als Monster auf die Bühne zu bringen. Eichmann ist ein Vertreter der Banalität des Bösen. Er kann betteln und ringen. „Was Zuseher manchmal zu mir gesagt haben, sie hätten Mitleid mit Eichmann bekommen und sind darüber erschrocken, weil sie gedacht haben, dass genauso gut sie diese Person sein könnten“, erzählt Froschauer im Interview mit der OÖ. Gesellschaft für Kulturpolitik.

Eichmann, der in Linz, Wien, Prag und Berlin gelebt hat, ist im Stück vielleicht ein Mitläufer, wenn auch ein schrecklicher. Er steht oder sitzt neben einem Tisch mit zwei Mikrofonen. Eines ist auf das Publikum gerichtet, wie der Schauspieler gleich zu Beginn erklärt. Er trägt einen unauffälligen Anzug, der Chor ist einheitlich beige gekleidet und hält immer wieder Megaphone in den Händen. Das Licht ist auf das jeweilige Zentrum des Geschehens gerichtet. Für den ein oder anderen Gast kann es ungewohnt sein, dass das Licht im Central nicht automatisch ausgeht und in der Diskussion keine Mikrofone verwendet werden.

Das Publikum, bestehend aus Schulklassen, Mitwirkenden der Gesellschaft für Kulturpolitik (hat die Aufführung mitorganisiert), jungen und älteren Erwachsenen, klatscht und beteiligt sich an der Diskussion. An einer Diskussion, die fast so lange dauert wie „Eichmann“ selbst, die Hintergründe erklärt und erzählt sowie einen Bezug zur Gegenwart herstellt. „Eichmann“ wurde dieses Jahr uraufgeführt, Rainer Lewandowski schrieb das Stück, Georg Mittendrein führte Regie.

Was möchte das Stück vermitteln? Es soll zeigen, dass Verantwortung getragen werden müsse, jede und jeder sei für seine oder ihre Taten verantwortlich, unabhängig von System oder Sozialisierung. Diese Verantwortung könne nach einer Wahl nicht an gewählte Vertreter_innen abgegeben werden, meint Schmutz. Für eine gesellschaftliche Analyse würden Wahlen zu kurz greifen, antwortet er einer Frau, die von „30 % für eine bestimmte Partei“ spricht. Gemeint ist damit wohl die FPÖ. Tendenzen für einen gegenwärtigen Hass auf bestimmte Gruppen und ihren Ausschluss werden in totalitären Systemen und gegenüber Flüchtlingen gesehen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sei Nein zu sagen und nicht mehr mitzumachen. Die Diskussion, die manches Mal durch persönliche Erlebnisse Verwandter u.a. wieder emotional wurde, muss aus Zeitgründen beendet werden.

„Eichmann“ ist ein „notwendiges Stück“, um es in den Worten Froschauers zu sagen, eine Inszenierung, die dem Publikum viele Hintergründe zu Eichmanns Leben und Taten vermittelt und ein Werk, das nicht „bloß Geschichte“ ist. Wer von Eichmann noch nichts gehört hat, wird dem Stück folgen können, aber mit einzelnen Begriffen wie „Völkischer Beobachter“, der Zeitung der NSDAP, nichts oder wenig anfangen können. Teilweise stellt der Chor Eichmanns Schilderungen in den Hintergrund, der Schwerpunkt auf Kinder ist höher als derjenige auf die Morde erwachsener Juden und Jüdinnen. Dennoch ist das Stück „informativ“, wichtig, gut gespielt und trotz der Herausforderungen der Thematik mit der benötigten Sachlichkeit versehen. Das Besondere an Mittendreins Inszenierung sind Originalzitate.

„Eichmann“ wurde am 12. November im Central (Link zur Stückbeschreibung) aufgeführt.

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Katharina hat einen Abschluss in Soziologie und studiert Politische Bildung in Linz. Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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