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DAVID BOWIE: There he goes

DAVID BOWIE: There he goes

Keiner kann, was er alles konnte und erst recht nicht so gut. David Bowie, Sänger und begnadetes Chamäleon der Popkultur über Jahrzehnte, ist nicht mehr. Der ehemalige Englishman aus Berlin, er ist verstorben. Ein irisierendes Enigma ist von uns gegangen. Sein letztes Vermächtnis: Das neue Album „★“.

Er war jemand, der das Bedürfnis verspürte, die Bühnen, die die Welt bedeuten, emporzuklettern. Mehrmals und in schildernden Rollen und unterschiedlichen Alter Egos. Als Major Tom. Als Aladdin Sane. Ziggy Stardust. Thin White Duke. Wer Bowie wirklich war, dürften wohl nur die wenigsten wirklich gewusst haben. Was er zweifelsohne war: Eine schillernde Projektionsfläche, die auch nach seinem Ableben so in Erinnerung bleiben wird.

Eine Person als Unikat zu bezeichnen, ist erfahrungsgemäß ganz schön hoch gegriffen. Im Falle von David Bowie möchte man aber ein Sonderrecht einräumen. Als Künstler hat er sich sein eigenes Universum geschaffen und abgekoppelt von der Außenwelt nur für seine Kunst gelebt. Damit ist er schon zu Lebzeiten zu einer Instanz geworden, zu einem musikalischen Chronisten. Mit „★“ (Blackstar) knallt er uns ein Avant-Pop-Album mit intellektuellem Überbau vor den Latz, dass sich seine Inspiration von der Bibel bis zu Kendrick Lamar holt. Selbst im Kampf gegen Krebs wurde die Kreativität nicht weniger. Eine progressive Platte mit hintergründigen Texten ohne kommerzielle Motivation – wer traut sich in der heutigen Zeit das noch zu?

(c) Jimmy King

Ein übergroßer Monolith als Abschiedswerk. Lieder, die wie Landschaften bei Nacht leuchten. Music to listen to. Die Kulturbourgeoisie jubelt und zeigt sich überschwänglich, die Feuilletonisten haben nur lobende Worte übrig. Lieder über die menschliche Existenz im Allgemeinen und den Daseinsschmerz im Besonderen. Bowie spielt mit Pop, ohne catchy zu sein, setzt auf Abstraktes und es kann auch vorkommen, dass er (sprech-)singt wie in „Girl Loves Me“. Zwischen theoretisch und melodisch pendelt dieses siebenundzwanzigste Werk hin und her. Angejazzt und elegisch gibt sich das eröffnende Titelstück. „Tis A Pity She Was A Whore“ zeigt sich von einer einladend energischen Seite, ist rhythmisch anspruchsvoll. Das Saxofon darf sich in den Mittelpunkt spielen.

cover

„Look up here, I’m in heaven“, singt Bowie prophetisch im elegischen „Lazarus“. „Sue (Or In A Season Of Crime)“ wandelt auf abstrakten Düster-Wegen & mündet in einer wilden Orgie, „Dollar Days“ funktioniert gut als Ballade und das finale „I Can’t Give Everything Away“ setzt den Schlusspunkt.

Gut Ding kann ruhig reifen, man soll ja nichts übers Knie brechen. Nach einer zusätzlichen Woche lässt sich sagen: „★“ ist eine Ansage mit poetischen Duktus und langem Anlauf. Gewaltiges hirnflimmern. Ein beeindruckendes Statement, wie ein Mann mit 69 Jahren die Extreme musikalisch wie inhaltlich auszuloten vermag. Sicherlich ist es nicht mehr so rebellisch und unkonventionell wie einst, aber dennoch hedonistisch und progressiv genug, um einen bei Laune zu halten.

Es ist wahrscheinlich obsolet, einfach mal ganz stumpf hinzuschreiben, welche Musiker ohne Anleihen bei Bowie nicht das wären, was sie heute sind. Er war ein Wegbereiter und ein Schutzpatron für aufsteigende Bands, von Placebo bis zu Arcade Fire, die durch sein Mitwirken förmlich geadelt wurden. Er war dabei stets viel zu schlau, um von Anfang bis Ende einem Zeitgeistquatsch hinterherzulaufen. Mit seinem Tod wird das nur noch einmal deutlich. An solchen traurigen Tagen hören seine Fans seine Platten. Die alten und die neue. Dieser Himmelskörper strahlt heller denn je. Eine wahre Sternschnuppe. Ein Kreis schließt sich.

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