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le_mol: Zwischen Klanginstallation und Band!

le_mol: Zwischen Klanginstallation und Band!

le_mol, das ist eine Mischung aus Instrumental-Band und Klanginstallation. le_mol, das sind Raimund Schlager und Sebastian Götzendorfer. Das Wahlwiener Duo bewegt sich gekonnt zwischen „Just another Instrumental Band“ und einem Konzerterlebnis, das man so nicht alle Tage sieht. Ihr zweites Album, „Kara Oh Kee“, wurde komplett in Eigenregie produziert und hört sich ausgesprochen ausgereift an. Im Interview sprechen sie über eben dieses Album, ziehende, besetzte Häuser und den Anspruch an das eigene Schaffen.

subtext.at: Etwas, worüber ihr am Anfang gleich sprechen möchtet?
Sebastian: Ok, vielleicht einen Rückblick auf das Jahr 2015….

subtext.at: Passt. Go Ahead!
Raimund: Fang du erst mal an!
Sebastian: Wir haben unser zweites Album veröffentlicht, „Kara Oh Kee“. *In der Zwischenzeit wird die Kaffeebestellung aufgenommen*. Zusätzlich haben wir natürlich einige schwarze Verlängerte getrunken (alle lachen). Zum Album haben wir dann klarerweise live gespielt und waren damit auch zwei Mal auf Tour. Kleinere Touren halt – ein bewegendes Jahr also.

lemol
subtext.at: Bleiben wir gleich bei den Touren. Das erste Mal live gesehen habe ich euch am vergangenen Crossing Europe Filmfestival Linz. Für mich wirkte der Auftritt wie ein Hybrid zwischen Band und Performance – auf Facebook behauptet ihr von euch, „just another instrumental band“ zu sein. Wo hebt ihr euch ab?
Raimund: Naja, sind wir schon, eigentlich.
Sebastian: Abheben vielleicht in dem Sinne, dass wir zu zweit so agieren, als ob wir mehrere Leute wären. Das Zwischending zwischen „Band“ und „Performance“ kommt ja auch daher, dass wir zu zweit eben den Anschein erwecken, mehr Instrumente zu spielen, und auch viel mit Loops arbeiten.
Raimund: Die offizielle Bandbeschreibung schreibt sich ja auch „an der Schnittstelle zwischen Klanginstallation und Band.“Am Album hören wir uns eher wie eine Band an – die Live-Auftritte gehen dann doch eher in die andere Richtung.

subtext.at: In diesem Zusammenhang ist auch das Wort „Orchester“ gefallen – opulente Arrangements sind derzeit ja quer durch die Genres en vogue. Ist diese Vielzahl an Instumentals für euch eine bewusste Entscheidung, oder aus der „Not“ heraus, nur zu zweit zu sein?
Raimund: Schon eher ein „aus der Not heraus“. Ich hab daheim angefangen, das aufzunehmen – für mich selbst, zu Hause. Das Livekonzept hats da noch nicht gegeben. Dann wurde ich halt gefragt, ob ich auf einem Konzert spielen will. Zuerst allein, und ich hab da halt angefangen, zu loopen. Mittlerweile ist das halt quasi das Aushängeschild – aber anfangs dann halt doch „aus der Not“ heraus.
Sebastian: Wobei man schon sagen muss, dass die Vielfältigkeit mittlerweile eine Tugend geworden ist, auch wenn sie aus der Not heraus geboren wurde.
Raimund: Das schon, natürlich. Die Live-Performances mit Loops haben sich dann natürlich auch auf das Songwriting ausgewirkt.
Sebastian: Wir sagen ja auch oft im Proberaum, dass wir die Sklaven unserer Loopstation sind. Weil sie schon ein wenig einschränkt im Songwriting-Prozess – andererseits macht sie den Songwritingprozess dann auch wieder spannend.

subtext.at: Eine bewusste Einschränkung?
Sebastian: Man stößt sehr schnell an seine Grenzen – andererseits wird so im Songwriting die Kreativität angeregt. „Einschränkung“ ist vielleicht sogar das falsche Wort.
Raimund: Es kann nach hinten und nach vorne losgehen – wir versuchen, dass es möglichst nach vorne geht.

subtext.at: Bleiben wir gleich mal bei „live“ – das war zumindest bei dem Konzert, das ich gesehen habe, auch ein visuelles Erlebnis durch einen – im wahrsten Sinne des Wortes – Live-Visual-Artist. Wenn ihr jemanden, der euch zuvor nie kennt, nach diesen Performances befragt habt, waren die Reaktionen da eher positiv oder negativ?
Raimund: Auf Tour war der natürlich nicht immer dabei – grundsätzlich kommen solche Live-Drawings aber ganz gut an, glaube ich.
Sebastian: Das schon – weil es etwas Neuartiges ist. Der Künstler, der bei uns auftritt, Matthias Gassner, hat mit uns da schon auf Augenhöhe gearbeitet – jetzt nicht im Sinne eines klassischen VJs, sondern mit dem Fokus auf das Live-Painting. Dementsprechend kann ich mir das gut vorstellen, dass das auch für den Zuschauer spannend ist. In gewisser Weise ist das ja auch eine nette Analogie zu unserem Songaufbau mit den Loops – hier entsteht nach und nach das Bild, so wie bei uns der Song entsteht.

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subtext.at: Ein schönes Zitat habe ich mal von einem namhaften Booker in Oberösterreich gehört: „Je komplizierter die Musik, desto weniger Leute wird es ansprechen!“. Im Umkehrschluss also „je einfacher, desto massentauglicher“ – seid ihr die Antithese zu dieser Aussage, wenn man ihr folgen würde.
Raimund: Jein. Es gibt schon Bands, wo man das sagen kann. Verallgemeinern kann man das dann meiner Meinung nach nicht – ein gutes Beispiel wäre Alt-J. Die sind keine „einfache“ Musik im klassischen Sinne, sondern durchdacht und komplex. Und die funktionieren trotzdem. Generell ist da aber schon was dran.
Sebastian: Wenn man es generell auf Musik ummünzt, dann kann man das schon bestätigt. Auch in den klassischen Charts sind es ja eher die „simplen“ Sachen, die lange Erfolg haben. Die wenigen Beispiele wie Alt-J oder, für mich, „The Mars Volta“, die für mich wahnsinnig vielfältig sind, bestätigen da eher die Regel. . Aber die haben dann auch den Gesang, der das Ganze dann eingängig macht.

subtext.at: Bleiben wir bei euch – Mainstream wird le_mol ja nie werden. Wie komplex lässt ihr eigentlich eure Gedanken während des Songwritings werden? Seid ihr mal an dem Punkt angelangt, wo ihr euch selbst zurückgehalten habt?
Raimund: Man ist nie mit seinem Songwriting zufrieden – aber bewusst den Schritt zu gehen und zu sagen, dass man bis dorthin und nicht weiter gehen kann, den machen wir nicht. Das ergibt sich während des Prozesses. Aber Grenzen setzen wir uns keine – irgendwann passt es in diesem Moment, und das ist es.
Sebastian: Ein etwas egoistischer Standpunkt vielleicht – aber ich finde, dass man zuallererst für sich selbst seine Lieder schreibt. Es ist dann also auch egal, ob es komplex, simpel oder sonstwas ist – solange es uns selbst gefällt und unserem Anspruch an Qualität genügt.

subtext.at: „Sich selbst genügen“ ist also als Qualitätsmerkmal und weniger als Arroganz zu sehen?
Sebastian: „Arroganz“ würde ich da nicht in den Mund nehmen – ich finde, dass Musik dann ehrlicher ist.
Raimund: Man ist ja auch zu sich selbst immer der schärfste Kritiker. Man geht immer von seinem Musikverständnis aus – und natürlich will man sich selbst gefallen.
Sebastian: Dieser Standpunkt ist es ja, der Musik authentischer macht.

subtext.at: Kommen wir zu eurem aktuellen Werk, „Kara Oh Kee“. Karaoke ist ja das genaue Gegenteil von dem, was eine Live-Band eigentlich macht. Ein bewusstes Spiel eurerseits?
Raimund: Ja, schon.
Sebastian: „Karaoke“ heißt ja, aus dem Japanischen kommend, so viel wie „empty orchestra“ – oder leeres Orchester, quasi. Das hat auf uns dann ja relativ gut zugetroffen. Eben deswegen, was wir ja vorhin schon angesprochen haben – weil wir zu zweit einen ganzen Haufen Instrumente einspielen und uns als Orchester „aufspielen“.

subtext.at: Diese Platte ist ja, wie so viele, im Eigenvertrieb produziert und vermarktet. Gibt es Angebote oder Bestrebungen, ein Label zu finden? Oder ist der DIY-Standpunkt ein sehr bequemer für euch?
Sebastian: Es gäbe schon Labels in diese Richtung, aber so richtig „mit der Brechstange“ bemüht haben wir uns da ehrlich gesagt noch nicht. Wir haben uns immer gefragt, was der Mehrwert wäre. Natürlich haben wir das schon öfters diskutiert, aber spruchreif war noch nichts, nein.
Raimund: Natürlich kann man nicht sagen, wie es weitergeht. Aber generell funktioniert es für uns relativ gut, so wie es ist.
Sebastian: Man ist natürlich in Kontakt – aber was bringt es, und was ist angenehmer, wenn man es selbst macht?

subtext.at: Bleiben wir gleich bei dieser Verbindung und dem „Selber machen“, dem Touren. Durch Österreich ist man wahrscheinlich auch mit eurem Stil relativ schnell durch, und ihr wart auch im Ausland unterwegs. Wie war bei euch die Resonanz, und wie leicht oder schwer war es, eine Tour zustande zu bringen? Andere Bands haben oft das Problem, zwar an Wochenenden Gigs zu finden, aber unter der Woche herrscht oft „tote Hose“ – war das auch bei euch so?
Raimund: Da stößt man relativ schnell an die Grenzen, stimmt. Konzerte mit dem eben angesprochenen DIY-Approach heranzuziehen, ist sehr, sehr schwierig. Natürlich auch verständlich bei der Masse an Bands, die touren und Konzerte spielen wollen. Einfach ist es nicht – aber ein paar Kontakte haben wir mittlerweile Gott sei Dank gefunden, die das etwas leichter machen. Unter der Woche ist es aber doch extrem mühsam – gerade bei einer durchgehenden Tour. Man schickt halt die Anfragen raus und hofft das Beste.

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subtext.at: Eurer Worst Gig auf der vergangenen Tour?
Sebastian: Ah, das ist ganz leicht (lacht).
Raimund: Wir haben in Halle an der Saale – nördlich von Leipzig – gespielt. Das Konzert selber war ganz cool – war aber halt in einem besetzten Haus. Die Veranstalter waren auch in Ordnung – Heizung gab es aber keine, und kalt war es draußen leider auch schon.
Sebastian: Wir durften dann auch noch in diesem Haus schlafen – und weil der eigentliche Schlafraum nicht frei war, haben wir uns dann im Veranstaltungsraum in einem Matratzenlager niedergelassen. Der kleine, improvisierte Ofen hat da auch nix mehr geholfen.
Raimund: Mit Holz aus einem Einkaufswagerl beheizt, muss man dazusagen. Eine sehr apokalyptische Situation!

subtext.at: Also müsst auch ihr sehr masochistisch veranlagt sein, um euch das anzutun?
Sebastian: Ja, man muss schon stark masochistisch veranlagt sein, das stimmt. Aber es macht halt Spaß.
Raimund: Eine Gradwanderung ist es aber schon.
Sebastian: Es gibt schon Momente, wo man sich fragt, warum man das tut.
Raimund: Aber noch überwiegen die positiven Seiten. Es ist auch bereichernd, unterwegs zu sein.

subtext.at: le_mol beschränkt sich ja nicht nur auf Live-Auftritte. Gibt es andere Projekte, wo eure Musik Eingang findet?
Sebastian: Wir haben vor einiger Zeit schon einen Soundtrack gemacht. 2015 haben wir auch zwei Projekte, die eher in die Richtung „Installationen“ gehen, begleitet – und damit quasi unsere beiden Seelen in unserer Brust verbunden. Auch für eine Tanzperformance haben wir den Live-Soundtrack eingespielt – und damit sind wir immerhin nach St. Pölten ins Festspielhaus gekommen. Aber dann doch eher im Live-Sektor. Das Interdisziplinäre funktioniert sehr gut.
Raimund: Es ist gut, auch mal andere Herangehensweisen an deine Musik zu sehen, und deine Musik woanders einzubringen. Musik, die man schon kennt, wirkt in einem anderen Setting gleich ganz anders.

subtext.at: Zum Abschluss meine Standardfrage: auf eurem Grabstein soll mal geschrieben stehen, dass…?
Sebastian: Sie ihren Kaffee schwarz getrunken haben!
Raimund: And they always disputed about Queens of the Stone Age!

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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