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STEVEN WILSON: „Meine Musik enspricht nicht ganz der Norm“

STEVEN WILSON: „Meine Musik enspricht nicht ganz der Norm“

Teil 2 – Der noch ausständige Abschnitt des Gesprächs mit Porcupine Tree-Frontmann, Produzent und Solokünstler Steven Wilson, dessen überbordende Kreativität über Schubladen, Stil- und Genregrenzen hinausgeht. Der Arbeitseifer des Musikers ist auch nach Jahren im Business weiter ungebrochen.

In der aktuellen Phasen seines Schaffens verbindet und vereint Wilson unterschiedliche musikalische Ansätze. Dessen ungeachtet laufen alle Fäden immer wieder stringent zusammen. Ein Interview über künstliche Intelligenz, Justin Bieber und weshalb Perfektion langweilig ist.

Copyright Joe Del Tufo

subtext.at: Steven, hast du während der Aufnahmen zu „Hand.Cannot.Erase“ etwas Neues über dich gelernt und herausgefunden?
Steven Wilson: (lange Pause) Eine schwierige Frage. Ich bin mir sicher, dass es da etwas gibt, ich weiß nur nicht, wie ich es ausdrücken soll. Ich verändere mich – wie wir alle. Je älter wir werden, umso weiser werden wir, umso reifer. Dieses Album ist sehr traurig aus meiner Sicht, weil es um eine Person geht, die total von der Außenwelt abgekoppelt ist. Nahezu vom Erdboden ausgelöscht. Die Frage ist natürlich, warum dieser Charakter für mich von Interesse ist… Jeder Songwriter muss sich das fragen. Kann ich das nachvollziehen, was diese Figur durchmacht? Natürlich kann ich das. Jeder kann das. Jeder hat bestimmt schon einmal mit dem Gedanken gespielt, sich etwas anzutun. Du stellst einen negativen Aspekt deiner Persönlichkeit in den Vordergrund, um ihn auszutreiben. Wie bei einem Exorzismus. Du zeigst es aller Welt und sagst: „Hier, nehmt es, ich möchte es nicht mehr.“

subtext.at: Ist dieser Prozess nicht extrem kräftezehrend?
Steven Wilson: Nachdem ich ein Album wie „Hand.Cannot.Erase“ fertig habe, bin ich glücklicher als zuvor. Das ist interessant, oder? Es ist eine Art von Katharsis. Wundervoll. Es macht einen weniger allein, wenn man solche Dinge mit Leuten teilen kann. Jeder weiß, was Einsamkeit bedeutet. Verlust. Reue. Wut. Zufriedenheit. Liebe. Hass. Wir alle wissen, wie sich diese Dinge anfühlen. Mit Musik fühlen wir uns weniger allein. Ich weiß auch nicht, ob andere Formen der Kunst dieses Gefühl so stark transportieren können wie Musik. Das ist einzigartig.

subtext.at: Du wirst auch stets als jemand tituliert, der die Fahne von progressiver Musik hochhält.
Steven Wilson: Ach, progressive Musik, ich weiß gar nicht, was das ist. Ich bin mit Musik aus den 70ern groß geworden, die 80er habe ich auch mitbekommen. Bands wie Joy Divison, The Cure, The Smiths und die Cocteau Twins. Diese Sachen haben mich ispiriert. Gerade bei „Hand.Cannot.Erase“ gibt es viele Elemente, die rein gar nichts mit Prog zu tun haben. Ich verstehe, wieso mich Leute als Prog-Musiker bezeichnen. Ich erzähle Geschichten, habe ausufernde, komplexe Songstrukturen und meine Musik enspricht nicht ganz der Norm, aber ich denke trotzdem nicht in Genres.

Copyright Hajo Müller
subtext.at: Wenn dich jemand plakativ fragt, welche Art von Musik du machst, was antwortest du dann?
Steven Wilson: Ich mache Rockmusik. Ich erzähle Geschichten. Dieser Begriff, Prog, der ist einfach überflüssig in meinen Augen. Wie sollen wir heutzutage noch progressiv sein, wenn das musikalische Vokabular schon seit Jahrzehnten ausformiliert ist? Eben. Die eigentliche Frage ist, wieviel von deiner Persönlichkeit in deine Musik mit einfließt. Ich möchte schon, dass meine Platten wie Steven Wilson-Platten klingen. Natürlich kann man jetzt bestimmte Teile analysieren und sagen, es klingt wie Musik von anderen Künstlern, was völlig legitim ist. Du kannst Kanye West sein oder Steven Wilson sein und hoffen, dass Musik von Kanye West wie die von Kanye West klingt und Musik von Steven Wilson wie die von Steven Wilson.

subtext.at: Computer und soziale Medien haben dazu beigetragen, dass unser Intellekt anderweitig gefordert wird und du giltst als jemand, der sehr fortschrittlich denkst. Glaubst du als abschließende Frage, dass die Menschheit und künstliche Intelligenzen irgendwann eine tiefe Symbiose eingehen werden?
Steven Wilson: Eine interessante Frage. (überlegt) Vielleicht bin ich nicht die richtige Person, um diese Frage zu beantworten, ich bin schließlich in meinen 40ern, aber ich bemerke, dass moderne Popmusik sich so anhört, als ob sie von einem Computer ohne menschlichen Einsatz geformt wurde. Und diese Songs haben sogar Stimmen! Oft klingt es für mich so, als würde ein Roboter singen. Und das sage ich, obwohl ich auch auf Computer zugreife, wenn ich aufnehme. Doch worum geht es in der Kunst? Um die Makel und Mängel, die uns als Menschen auszeichnen. Beatles, Rolling Stones, Led Zeppelin, Velvet Underground, all diese Künstler haben Makel und Mängel zugelassen. Trotzdem ist es brillant. Gerade wegen dieser Unvollkommenheit und den Schwächen. Ich kann dir viele Demos zu hören geben von Bands, die sich als Progressive Metal bezeichnen und du wirst feststellen, dass sie zwar komplizierte und komplexe Strukturen haben, aber sich genau so anhören wie alle anderen Metalbands auch. Es ist perfekt und toll produziert, aber total belanglos und langweilig. Stinklangweilig.

Copyright Ben Meadows

subtext.at: Du meinst, dass es dich nicht berührt, obwohl handwerklich alles einwandfrei ist?
Steven Wilson: Nicht mal ein bisschen, ja. Es ist, als siehst du dir ein JPEG an von einem Gemälde, anstatt das echte Gemälde in einer Galerie anzusehen. Man wird sehen, wie sich die Menschheit in den nächsten Dekaden entwickeln wird. Unsere Verbundenheit zu Computern ist so rasant gestiegen, ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der das ganze Ausmaß davon versteht. Das geht auch über Popmusik hinaus. Wenn du jemanden fragst, ob Musik jetzt besser geworden ist, nachdem Computer zum Einsatz kamen, wird es nicht einen geben, der sagen wird: „Ja.“ Ich denke nicht. Es ist einfacher, Musik zu produzieren und es ist günstiger. Aber besser? Alles lässt sich editieren und verbessern. Generell gesprochen ist es schlimmer geworden. Über Led Zeppelin-Platten wird weiterhin leidenschaftlich diskutiert oder über Bands wie Black Sabbath, obwohl diese Alben alles andere als toll produziert sind. Sie besitzen etwas, was die Leute über Jahrzehnte fesselt. Es ist magisch. Computer sind gut, um Fehler auszugleichen, ich bin aber zu alt, um diese Frage gut beantworten zu können.

subtext.at: So alt bist du nun auch wieder nicht.
Steven Wilson: Na gut, nicht ganz so alt (lächelt). Für Kids ist die neue Platte von Justin Bieber ein Jahrhundertalbum, für mich hört es sich so an, als hätte ein Nachahmer sie gemacht. Und ich bin sowieso ein Rockfan, aber elektronische Musik mag ich auch, wenn sie gut gemacht ist. Und Perfektion ist stinklangweilig. Es gab eine Umfrage, da wurden Männern Bilder von attraktiven Frauen gezeigt, von Supermodels und hübschen, normalen Frauen. Am Ende haben die Supermodels den Kürzeren gezogen. Das ist eine harte Nuss, die es von der Menschheit zu knacken. Der Perfektionswahn nimm in allen Bereichen zu.

subtext.at: Wir müssen uns in zehn Jahren wohl noch einmal über dieses Thema unterhalten.
Steven Wilson: Ich werde bestimmt nicht besser werden, kann ich jetzt schon sagen. Siehst du, ich bin jetzt schon zynisch (lächelt).

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subtext.at-Interview mit Steven Wilson, Teil 1
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