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Gusenside: Ein Feuerwehrfest, das sich zumindest musikalisch aushalten lässt…

Gusenside: Ein Feuerwehrfest, das sich zumindest musikalisch aushalten lässt…

Es gibt wenige Sachen, die in mir ein solch großes Unbehagen verursachen, wie Feuerwehrfeste. Ein Haufen Betrunkener, eher schlechte als gute Cover-Bands, und DJ-Playlists, wo mir der Tinnitus lieber ist als der eigentliche Song. Nicht so am vergangenen Freitag – am Gusenside im Mühlviertel’schen Trosselsdorf ließ sich zumindest die Musik ertragen. Verantwortlich dafür: Jackson Cooper, Sister Jones, der Hoizkopf mit seinen Genießern und die steirische Urgewalt von Gnackwatschn.

Musikalisch liest sich das offensichtlich ja nicht so schlecht. Kein Volks-Rock-N-Roll, keine „Partyhits“ aus der musikalischen Konservendose, sondern echte Musiker, die sich ernst nehmen. Bestes Beispiel dafür: Jackson Cooper. Bei dem klingt nicht mal ein Marcus-Smaller-Cover schlecht. Das wurde Gott sei Dank auch gleich am Anfang verbraten, damit es noch nicht so viele Zuseher hören mussten. Was aber nicht an Jackson Cooper liegt. Was folgt: Eigenkreationen wie „Change“, das die aktuelle Flüchtlingskrise thematisiert, und ein Haufen Cover, von The Subways mit „Rock and Roll Queen“ bis hin zu Ed Sheeran. Samt Loopstation sogar. Klingt gut, fast wie das Original – das halt gagentechnisch doch etliche Millionen höher liegen dürfte. Musikalisch mehr als solide – ob die Message im Publikum angekommen ist, darf angesichts der Frage, „warum er denn nicht mehr beatboxt“ – die ihm nach dem Konzert gestellt wurde – dann aber leider doch bezweifelt werden.

Weiter gings im Programm mit Sister Jones. Linz‘ bestgekleidete Band bot auch im Mühlviertel musikalisch hochwertige Kost. Nachdem Bandbeschreibungen ja angeblich immer das Beste aus den Bands herauskitzeln, nehmen wir uns da mal Sister Jones vor: „Ihre verschrobene Räudigkeit findet Erlösung in Refrains mit wunderschönen Melodien, die sie mit Grandezza extraordinaire präsentieren. Gott sei’s gedankt.“ So zumindest auf Facebook zu lesen. Nunja, Gott danke ich für diese Performance jetzt mal nicht, eher den Musikern. Da wird der Country durch den akustischen Kakao gezogen, da werden Rock-Einflüsse mit Bläsern vermischt, dass es eine wahre Freude ist. Der Haken an der Sache? Das Publikum hats einfach nicht gecheckt, welch musikalisches Kleinod da auf es gewartet hätte. So verbrachte es die meiste Zeit bei der Bier-Bar – ich hätte übrigens geglaubt, dass grade auf einem Feuerwehrfest schneller ausgeschenkt werden würde – und lauschte nicht den Klängen von Sister Jones. Macht nix, mir hat es wieder mal gefallen. Wir sehn uns am nächsten Gig in der Stadtwerkstatt!

Danach eine Quasi-Weltpremiere mitten im Mühlviertler Nirgendwo. Der Hoizkopf stand auf der Bühne. Zum ersten Mal mit seiner Begleitband, den „Genießern“. Musikalisch irgendwo zwischen Heurigen-Gstanzln und 5/8erl in Ehr’n bewegt sich der Nicht-Mehr-Ganz-Newcomer mittlerweile. Stilistisch verdammt ausgereift mit Bass, Kontrabass und Drums im Hintergrund. Ja, musikalisch ist das zum Genießen – da trinkt man gerne noch einen Spritzer. Der wurde zumindest schneller eingeschenkt als das Bier. Der Hoizkopf passt eigentlich ideal auf eine Wiese im Mühlviertel – auch hier wieder unverständlich für mich eine Aussage eines Feuerwehrlers, der schon einige dieser besagten Sprizer intus hatte: „Der spielt ja viel zu langsam!“. Lieber Florianijünger – gute Musik muss nicht immer „schnell“ und „laut“ und „geil“ und wasweißichwas sein. Mir hats getaugt – einigen anderen Besuchern zumindest auch. Hört euch das an!

Aja, beschweren, dass er zu „leise“ oder „zu langsam“ sei, konnte man sich über den Headliner, Gnackwatschn, mit Sicherheit nicht.  Die steirische Urgewalt hat musikalisch nämlich einiges „Im Talon“, wie auch ihr aktuelles Album heißt. Extrem tanzbar, extrem ausgefeilt, und mit Tracks wie „Guate Oite Zeit“ sind Gnackwatschn eine der Bands, an denen man sich selten satt hören kann. „Danke“, „Dei Lebn“, und vor allem „Schwoaz Weiß“, das Gott sei Dank nicht von einer Liebe zu Sturm Graz, sondern von einer mehr als wichtigen Message handelt, waren die Highlights im knapp eineinhalbstündigen Set. „Is Leben is a Füm fia di in dem du ois erreichst, oba leider sigstas nur in Schwoaz“ – besser könnte man Österreich anno 2016 wohl nicht beschreiben. Energiegeladen wie eh und je, laut (für all jene Besucher, wo „leise“ nicht aushaltbar ist), trinkfest, lustig. Bleibt nur noch zu sagen: Bitte, danke, Wiederschaun, liebe Gnackwatschla!

Ein Festl, mit musikalisch hochwertigem Lineup. Was durch das nicht wirklich aufmerksame Publikum etwas getrübt, und erst zum Headliner hin besser wurde. Es scheint, als seien Feuerwehrfeste, oder zumindest deren Hauptprotagonisten abseits der Musiker, nicht immer bereit für musikalische Öffnungen. Ein Festl, wo man aber nicht nur saufen, sondern auch wirklich, wirklich guter Musik lauschen konnte – egal ob die jetzt in die Kategorie „laut“ oder „leise“ gefallen ist.

Fotos: © Christoph Thorwartl

 

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Musikliebhaber. Vinyl-Nerd. Konzertfotograf. Biertrinker. Eigentlich Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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