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DECEMBER YOUTH: Relive

DECEMBER YOUTH: Relive

Die Düsseldorfer Post-Hardcore-Band DECEMBER YOUTH macht seit 2014 gemeinsam Musik. Die erste EP „Transgressions“ wurde von Szene und Presse wohlwollend aufgenommen, deutete das große Potenzial an und wurde etwa vom Visions Magazin damals zum Demo des Monats gekürt. Mit „Relive“ kommt nun aus dem Hause Midsummer Records die erste Full Length Veröffentlichung des Fünfergespanns, an der man mit Freund und Produzent Patrick Luckert von Dezember 2014 bis April 2015 fünf Monate lang in einem Berliner Studio werkte. Das Ergebnis ist eine solide, erste Platte, schafft es aus diversen Gründe aber trotzdem nicht über das Prädikat „Talentprobe“ hinaus.

Es gibt diese Alben, die zünden sofort beim ersten Hören, fesseln einen vollends und lassen einen nicht mehr so schnell los. Es gibt Alben, die benötigen ihre Zeit, verlangen, dass man sich mit ihnen in der eingehend auseinandersetzt und sich einen Zugang erarbeitet. Dafür belohnt einen diese Art von Platte dann auch umso mehr. Und dann gibt es noch Alben, die gefallen einem zwar auf Anhieb ganz gut, schaffen es aber nie wirklich zum Punkt zu kommen, gänzlich zu überzeugen und eine emotionale Verbindung zu Hörer zu schaffen, die dafür sorgt, dass die Musik direkt in Herz und Langzeitgedächtnis übergeht.

„Relive“ fällt für mich persönlich leider in die dritte Kategorie. Das Frustrierende daran ist, dass DECEMBER YOUTH gar nicht mal so viel falsch machen. Im Gegenteil! Ihr Post-Hardcore, versetzt mit Punk und Post-Rock Einflüssen ist ein energiegeladenes, technisch fein gemachtes und eigentlich auch mit emotionaler Tiefe versehenes Stück harte Musik. Die Gitarren üben sich in Understatement, spielen viele zerlegte Akkordfolgen und breiten einen Klangteppich aus, über dem das gequälte Schreien von Sänger Chris schwebt, hier und da mal in melodischere Parts übergeht. Besonders das zurückhaltend schöne „Common Blues“, oder die Konzept-Song-Trilogie „Night Train Talks“, die wie der Name verrät, auf den nächtlichen Konversationen von Sänger Chris mit verschiedenen Zugpassagieren basiert, sind interessante und einprägsame Kompositionen.

Laut Banddefinition ist „Relive“ ein „sozialkritisches Werk, das davon handelt, sich in andere hineinzuversetzen und deren Schicksale oder allgemeine Missstände zu hinterfragen und zu reflektieren“ und „ein Aufruf zu mehr Empathie und Reflektion!“ Dabei bleibt das Album aber oft zu sehr an der Oberfläche, lässt einen die emotionale Tragweite der Songs nur erahnen, aber nicht vollends fühlen. Daran und an den noch zu knapp ausgeprägten Alleinstellungsmerkmalen der Band krankt die Platte im Endeffekt. Nichtsdestotrotz hat mit „Ailleurs“ in dieser Hinsicht ein Stück zu bieten, das tatsächlich hervorstich. Ein schneller, angepisster Melodic Hardcore Song, der auch dahin geht wo’s weh tut und uns wieder Bilder von ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer vor Augen führt. Mehr davon hätte der Platte meiner Meinung nach sehr gut getan. So bekommt man hier aber eine sehr solide Hardcore-Platte von einer Band voller Potenzial, aber auch einiges an Leerlauf serviert.

Aber das Schöne an Musik ist ja, dass sie, egal wie objektiv man sich auch damit auseinanderzusetzen versucht, immer auch vom persönlichen Empfinden abhängig ist. Deshalb solltet ihr auf jeden Fall trotzdem ein Ohr riskieren und euch vielleicht doch überzeugen lassen. Handwerklich kann man DECEMBER YOUTH nicht viel vorwerfen. Die Band hat zweifelsohne noch haufenweise Talent, das irgendwo schlummert und darauf wartet, ans Licht zu treten. Vielleicht können sie das ja auf der nächsten Platte noch besser unter Beweis stellen.

December Youth - Relive

Tracklist

01. Shiver
02. We’ve Seen It All
03. Night Train Talks (Monica)
04. Ailleurs
05. Dear Brother
06. Night Train Talks (Old Man)
07. Common Blues
08. Fragments
09. Night Train Talks (The Angst In Us)
10. Life’s An Ugly Beauty
11. Second Part Of A Tragedy

VÖ: 17.07.2016 via Midsummer/Cargo

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www.decemberyouth.de
facebook.com/decemberyouthhc
www.midsummer-records.de

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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