„Rescue“: Über das Scheitern von Rettungsaktionen

„Rescue“: Über das Scheitern von Rettungsaktionen

Ob durch den Traumjob, den Lottogewinn oder die „große Liebe“ – Szenen der Rettung sind in vielen Fernsehserien oder im Reality-TV allgegenwärtig. Selbst wer dort nicht sofort gerettet werden möchte, betrachtet die Aktionen von Freund_innen und Co. im Nachhinein meist positiv. Dass es in der Realität anders aussieht, ist naheliegend und jetzt Thema einer Performance des Kollektivs SILK Fluegge.

Kleine Lichter von allen Seiten (Design: Jan Derschmidt), eine sich hebende Plastikplane auf schwarzer Bühne (Johannes Steininger) und dazu einen Augenblick später auch Meeresrauschen und vier Darsteller_innen – In Baywatch- Manier einschließlich roter Badekleidung und Rettungsbojen geht es langsam zum Meer und in dessen Fluten. Badende müssen schließlich gerettet werden, bevor sie untergehen. Wie sie sollen auch jugendliche Besucher_innen aus der ersten Reihe die Rettungsbojen während der Performance halten und nicht loslassen.

De_r_m Anderen Halt zu geben ist in der Inszenierung (Silke Grabinger) eine der möglichen Rettungsstrategien – ein Plan, der nur selten aufgeht. Vor allem wenn das Gegenüber einer Aktion nicht zustimmt, ist die Rettung zum Scheitern verurteilt. Freundschaft und Liebe helfen hier nicht mehr. Erfolgreicher ist es in „Rescue“, sich selbst zu befreien, ob aus der Riesenplastikplane, aus der Schleife der Rettungsboje oder mit Worten. Mit Sätzen, die mehr allgemeine Aussagen als Gesellschaftskritik sind, und dadurch an Wirkung verlieren.

Die Performance des Linzer Künstler_innenkollektivs SILK Fluegge setzt den Fokus jedoch nicht auf die Sprache, sondern wie von ihnen gewohnt auf den Tanz. Die (Un)Möglichkeiten, Menschen zu retten, werden mit manchen akrobatischen Einlagen in der Luft und auf dem Boden (z.B. auf den Händen gehen), mit zusammenhängenden und einzelnen Bewegungen zu zweit oder zu mehrt dargestellt. Menschen (Michaela Hulvejova, Fabian Janicek, Matej Kubus, Jerca Roznik Novak) drehen durch und erinnern an defekte Roboter, wenn sie nicht mehr funktionieren oder werden rechtzeitig aufgefangen und manchmal zurückgestoßen. Unkonventionell, aber erfrischend: Frauen sind auch mal diejenigen, die Männer tragen. Als Aufführungsort dient den Tänzer_innen beinahe jeder Winkel der Bühne. Sowohl die Wand als auch Leitern und die Beleuchtungsbrücke kommen zum Einsatz.

Dabei lachen die vordergründig jugendlichen Besucher_innen, als sich ein Tänzer von einem zum anderen Ende der Beleuchtungsbrücke schwingt oder als eine Darstellerin auf zusammengebundenen Tüchern schaukelt und dabei immer wieder gegen ihren Kollegen kracht. Der ist von aufblasbaren Plastiktieren umgeben, die ihm zuvor zur Rettung aufgedrängt worden sind. Im Hintergrund spielt eine Darstellerin auf der Ukulele, gekleidet als Rocksternchen mit silbernen Hotpants und gleichfarbigem bauchfreien Top (Kostüme: Bianca Fladerer).

Trotz humorvoller Elemente hat die Inszenierung allerdings langatmige Szenen und für das, dass Rettung primär als aktiver Prozess wahrgenommen wird, zu viele Pausen. Das beginnt bereits mit der ersten Szene und geht dazu über, dass die Tänzer_innen abwechselnd die Schleife der Rettungsbojen umgehängt bekommen. Dabei stehen sie der Reihe nach mit dem Rücken zu den Besucher_innen, von denen sich der ein oder die andere vielleicht fragt, ob die Bojen bereits zu viel Platz eingeräumt bekommen. Das Hervorkommen aus der Plastikplane zieht sich ebenfalls und macht das Ende nicht sofort ersichtlich. Alle vier Darsteller_innen auf der immer größer werdenden Fläche mit dem Hochheben eines Tänzers und mit einem Kuss wären als Schlussszene prägnanter gewesen.

Nicht nur an dieser Stelle, sondern insgesamt wechseln sich in „Rescue“ Action und Ruhe ab. Auswirkungen auf die jugendlichen Schüler_innen der Vormittagsaufführung hat besonders letzteres. Sie unterhalten sich miteinander und wirken nicht gefesselt von dem Stück. Obwohl „Rescue“ durchaus spannende Ansätze hat wie das Hinterfragen aufgezwungener Rettungsaktionen oder das Darstellen von „Roboter-Menschen“ hätte aus dem Thema mehr herausgeholt werden können. Selbsternannte Retter_innen hätten z.B. im Laufe der Performance ihr Handeln hinterfragen oder über Rettung philosophieren bzw. gesellschafts-kritische Komponenten wie die (vermeintliche) Rettung durch politische Bewegungen etc. hineinbringen können.

Ohne diese Aspekte und durch die phasenweise Langatmigkeit bleiben die Inszenierung und Choreografie von Silke Grabinger als netter und humorvoller Moment zurück, bei dem Musik (z.B. Klaviermusik mit Gesang, Punkrock) und Tanz harmonieren, aber über den darüber hinaus nicht mehr lange nachgedacht wird. Bevor die Besucher_innen wieder ins Freie strömen, applaudieren sie noch und lassen vereinzelt Jubelrufe von sich hören.

„Rescue“ ist am 28.10. im Theater Phönix in Linz uraufgeführt worden und zunächst von 22.- 24.11. (+11 Uhr) jeweils um 19.30 Uhr im Dschungel Wien zu sehen.

 

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Katharina ist Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen (z.B. frauenpolitischen) und kulturellen (z.B. Film, Theater, Literatur) Themen. Zum Ausgleich schreibt sie in ihrer Freizeit gerne literarische Texte: https://wortfetzereien.wordpress.com/

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