Mehr Vielfalt, mehr Variation und mehr Diversität: subtext.at hat im Laufe des Jahres Interviews vorgesehen mit Künstlern aus aller Welt, bei denen der kommerzielle Aspekt ihres Schaffens weit weniger im Mittelpunkt steht, als es sonst üblich ist. Den Anfang macht die in Ostanatolien geborene Aynur, die sich musikalisch den alevitischen und kurdischen Traditionen verschrieben hat. In Istanbul festigte sie als Heranwachsende ihre Absichten und Fähigkeiten, um damit später ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Filmemacher Fatih Akin reiht sich in die Riege ihrer Bewunderer ein.

Wir treffen Aynur und ihre Schwester Aysun, die gleichzeitig ihre Managerin darstellt, in einem Backstagebereich in Wien. Ein Dolmetscher ist ebenfalls anwesend. Die 41-Jährige im Gespräch mit subtext.at über den Wettbewerbsgedanken, den Begriff Heimat und Überlieferungen, die nicht verloren gehen sollen.

subtext.at: Aynur, bei meiner Recherche im Internet habe ich über dich Folgendes zuerst gelesen: „Aynur Doğan for Eurovision Song Contest.“ Was hat es damit auf sich? Könntest du dir vorstellen, bei solch einem Event mitzumachen?
Aynur: Musik als eine Art Wettbewerb, so etwas habe ich für mich nicht im Sinn. Ich kann mir deswegen auch nicht vorstellen, beim Eurovision Song Contest mitzumachen. Ein Urteil oder eine Entscheidung, welches von einer Jury gefällt wird, ist für mich nicht bestimmend. Das kann kein Urteil über die Qualität meiner Musik sein. Ich bin dafür, Musik auf eine lockere Art zu betrachten und aufzunehmen – ohne diesen Anspruch eines Wettstreits.

subtext.at: Die Vorjahressiegerin Jamala aus der Ukraine hat den Sieg mit einem gefühlvollen wie politischen Lied für sich entschieden. Es gibt scheinbar einige Leute da draußen, die dich gerne dabei sehen würden, weil auch du nicht gerade für seichte Pop-Unterhaltung stehst.
Aynur: Ich sehe meine Musik sowieso nicht als Popmusik an und deswegen würde ich an solch einem Wettbewerb auch nicht teilnehmen. Ich mache volkstümliche Traditionsmusik. Ich erzähle Geschichten eines Volkes, die Poesie und die Legenden daraus. Das hat ein ganz anderes Niveau. Beim Eurovision Song Contest würde es nicht hineinpassen.

subtext.at: Die Musik, die du machst, klingt einerseits wunderschön und anderseits traurig und melancholisch. Wie passt das zusammen? Woher kommt das?
Aynur: Warum meine Musik so klingt, wie sie klingt? Weil sie etwas Volkstümliches in sich hat. Diese Musik oder auch Literatur wurde von Generation zu Generation mündlich überliefert. Kurdische Künstler mussten damals vieles mündlich überliefern, weil es schriftlich verboten und untersagt war. Das ist ein großer Anteil an der Schönheit dieser Musik. Sie ist authentisch. Ich möchte auch beispielsweise alles aus einem Instrument ausschöpfen, was mir möglich ist. Ich möchte die ganze Bandbreite repräsentieren. Wenn ich Musik mache, dann aus dem Herzen. Meine Gefühle und mein Leben finden darin Platz. Wir alle verwenden meist die gleichen Instrumente, singen in den selben Oktaven, aber wie jeder nun damit umgeht und was er oder sie daraus macht, ist die eigentliche Kunst.

subtext.at: Sollte Musik aus deiner Sicht stets mehr sein als nur reine Unterhaltung?
Aynur: Musik sollte mit Sicherheit mehr sein als nur Unterhaltung. Musik ist Kunst. Mit Musik kann man etwas vermitteln, Botschaften zum Beispiel. Musik ist das Leben.

subtext.at: Ist eine Bühne die ideale Plattform, um diese Botschaften zu kommunizieren?
Aynur: Musik macht man auch im Studio, aber sie wird erst auf der Bühne real. Man erzählt eine Geschichte und man teil sie, man erlebt etwas. Man kann auch zu Hause Musik machen oder in verschiedenen anderen Situationen, aber nur auf der Bühne ist dieser Moment absolut wahrhaftig.

subtext.at: Interaktion mit Publikum ist also erwünscht?
Aynur: Ja, sehr. Das ist sehr wichtig. Den Leuten in die Augen zu sehen, diesen Augenblick mit ihnen zu teilen, ihn zu genießen, mit meiner Band zusammen – das ist wie Medizin (lacht).

subtext.at: Bezeichnest du dich selbst als Botschafterin der kurdischen Tradition?
Aynur: Schon, ja. Die kurdische Tradition hat für mich einen sehr großen Stellenwert. Ich bin eine wandelnde Tradition, wenn man so möchte. Wir haben nicht eine 50-jährige Geschichte aufzuarbeiten sondern eine, die mehrere tausend Jahre alt ist. Es gibt auch andere Kulturen, die ein Teil dieser Tradition, meiner Tradition sind. Ich möchte all dies aufbewahren, soweit es mir möglich ist. Es soll nicht verloren gehen.

subtext.at: Deutschland soll seit geraumer Zeit dein neues Zuhause geworden sein. Ist das deine Heimat?
Aynur: Ich lebe jetzt in Holland, Amsterdam und nicht in Deutschland.

subtext.at: Verstehe. Was bedeutet der Begriff Heimat generell für dich?
Aynur: Dieser Begriff ist für mich weniger an einen Ort gebunden, als an ein Gefühl. Liebe ist Heimat. Freundschaft ist Heimat. Ruhe und Frieden bedeutet für mich ebenfalls Heimat.

subtext.at: Gibt es für Modernität noch Platz innerhalb deiner Kunst und in deinem Leben?
Aynur: Ich mache traditionelle Musik, was jedoch nicht heißt, dass ich moderne komplett ausschließe. Die Instrumente, die ich auf der Bühne versammle, sind moderne, europäische Instrumente. Ich selbst höre sehr gerne Jazz, Klassik oder auch Pop. Ich will das alles aufnehmen und aufsaugen. Ich verschließe mich und meine Musik keinesfalls vor modernen Elementen.

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