In der Schweiz dürfte der Name Bastian Baker wohl jedem ein Begriff sein, der sich für gegenwärtiges Musikschaffen interessiert. Der sympathische, 25-jährige Feschak aus der Alpenrepublik hat sich auf seiner aktuellen Platte „Facing Canyons“ von amerikanischer Traditionsmusik beeinflussen lassen und sucht nun die künstlerische Nähe zu Künstlern wie Mumford And Sons, Of Monsters And Men oder den Kings Of Leon. Er ist ein Experiment eingegangen. Inspiration für diesen Probelauf gab es auf der Weltkugel genug.

Baker kommt im Gespräch unmittelbar und gewissenhaft rüber. Er ist jemand, der will, dass wir auch verstehen, was er macht und wie er es meint. Im Interview mit subtext.at spricht er darüber, wie man Lanzen für Popmusik mit Banjo und Mandoline und ohne den Gesamteindruck verwässernde Elektronik bricht.

© Bernardo Doral

subtext.at: Bastian, dein aktuelles Album trägt den Titel „Facing Canyons“. In welche Abgründe hast du während der Entstehung denn blicken müssen?
Bastian Baker: Für mich hat der Titel „Facing Canyons“ viele verschiedene Bedeutungen. Eigentlich war ich auf einer Reise in Amerika und deswegen auch der Verweis auf die Canyons, die sich für mich als Antwort auf viele Dinge herausstellten. Diese Weite, die dort vorherrscht, ist faszinierend. Diese Schluchten waren immer da und werden Millionen Jahre später immer noch dort vorzufinden sein. Für mich war es eine Möglichkeit, die Welt um mich herum ein Stück weit zu analysieren. Diese ganze Situation hat mir geholfen, mich wohl in meiner Haut zu fühlen. Ich war auf der Suche nach Freiheit und wollte erst mal Weg von der Gesellschaft. Ich versuche auch immer den Leuten zu sagen, dass sie nicht alles allzu ernst nehmen sollen. Alle Probleme haben eine Lösung parat.

subtext.at: Deine Erfahrungen und Erlebnisse aus 35 Ländern sollen das Album inspiriert haben.
Bastian Baker: Das stimmt. Natürlich wirkt dieses Album erst mal amerikanisch, wegen der Instrumentierung und dem Artwork, aber die Lieder sind überall auf der Welt geschrieben worden. In Frankreich zum Beispiel, der Schweiz natürlich, in England oder auch Island, in Städten wie Berlin, Toronto, Los Angeles und Las Vegas. Deswegen finden sich auch verschiedene Einflüsse darauf. Instrumente wie Mandoline oder Banjo habe ich zuvor auch noch nicht benutzt. Es war ein Experiment.

subtext.at: Warum sind die Schweizer Alpen nicht auf dem Cover gelandet?
Bastian Baker: Die wollen wir ein bisschen geheim halten, weil die so schön sind (lacht). Nein, eigentlich habe ich auch ein Lied in meinem Chalet in der Schweiz geschrieben, vor dem Gletscher, mit dieser besonderen Winter-Atmosphäre. Es war lustig, als ich das Album einem Journalisten vorspielte und er meinte, er hätte die Alpen vor Augen gehabt, als er das eine Lied gehört hat. Dabei wusste er nicht, wo der Song überhaupt entstanden ist. (überlegt) Früher sind die Songs bei mir zu Hause entstanden. In den letzten sechs Jahren war ich aber konstant unterwegs. Ich musste lernen, während des Unterwegsseins Song zu schreiben. Für mich war das eine Herausforderung.

© Bernardo Doral

subtext.at: Auf welche Gemeinsamkeiten bist du auf deinen Reisen gestoßen und was hast du auf deinen Reisen über dich selbst gelernt?
Bastin Baker: Ich lerne bei jeder Reise sehr viel über mich selbst. Das ist das Schönste. Du lernst, in welchen Situationen du Geduld haben musst oder in welchen du die Geduld verlierst. Wie bist du in einer Gesellschaft, wenn du alleine unterwegs bist? Kannst du gut mit anderen Sprachen umgehen? Lernst du sie schnell? Kommst du mit dir selber klar? Man lernt sich selbst kennen und man sammelt Erfahrungen, wofür ich auch sehr dankbar bin. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, probiere gerne lokales Essen, lerne fremde Kultur kennen, Ortschaften und nicht nur die typischen Touristenmagnete wie viele amerikanische Künstler, die nur Hotel und Backstage kennen. Auf Tour versuche ich immer, früh aufzustehen und mir etwas anzusehen, auch wenn die Nacht davor lange war.

subtext.at: Könntest du dir vorstellen, die Schweiz dauerhaft zu verlassen?
Bastian Baker: Ich kann mir ziemlich alles vorstellen. Ich bin kein komplizierter Mensch. Natürlich, meine Bindung zur Schweiz ist sehr stark. Ich bin dort geboren und aufgewachsen, meine Kollegen, meine Familie sind und bleiben dort. Wie gesagt, ich bin durch 35 Länder gereist und am Ende kommst du in die Schweiz zurück und denkst: „Hey, wie gut ist die Lebensqualität, wie schön ist die Landschaft?“ Du kannst Ski fahren und am Nachmittag zum See gehen, weil es nur eine halbe Stunde voneinander entfernt ist. Ich könnte mir aber auch ohne Probleme vorstellen, irgendwo anders zu leben für eine längere Zeit. Normalerweise bleibe ich nie länger als 3 Tage in einer Stadt, an diesen Rhythmus habe ich mich gewöhnt. Wenn ich länger bleiben müsste, hätte ich wohl das Gefühl, schon alles gesehen zu haben und mir wäre schnell langweilig (lacht). Die Schweiz wird aber wohl meine Heimat bleiben. Meine Lieblingsheimat (lacht).

subtext.at: Country-Elemente und eingängiger Folk-Pop dominieren auf „Facing Canyons“. Ist das überhaupt noch zeitgemäß?
Bastian Baker: Das eine Riesenfrage, Mann! Ich sag dir ehrlich, ich habe immer die Musik gemacht, die ich liebe. Ich habe immer meine eigenen Vorstellungen realisiert und nicht die von anderen Leuten. Ich war immer mein eigener Direktor, habe meine Alben auch produziert und geschrieben, die Studios organisiert. In der Schweiz bin ich damit gut gefahren, ich hatte Erfolg, es lief immer supergut für uns. Jedes Album wurde mit Platin ausgezeichnet und ich habe viele Preise erhalten, ausverkaufte Konzerte, wofür wir natürlich sehr dankbar sind. (überlegt) Diese Frage kommt immer. Ich sehe auch andere Künstler, die das machen. In der letzten Zeit, wenn ich ein Lied schreibe und es dann meinem Label vorspiele, dann kommt immer die gleiche Antwort: „Hm, das ist ein super Lied. Wir sollten wahrscheinlich eine Remix-Version davon machen.“ Es ist immer das Gleiche (lacht). Folk-Künstler wie Milow, Julian Perretta oder Matt Simons, die haben alle diesen Schritt Richtung Electro gemacht. Nicht komplett, aber ein bisschen gepitcht und etwas schneller vom Tempo her. Vom künstlerischen Standpunkt her, finde ich das nicht so toll.

subtext.at: Diese Vorgehensweise ist also nichts für dich?
Bastian Baker: Ich verstehe, dass es fürs Radio manchmal notwendig ist, aber wenn Electro, dann richtig. Mein Manager hat letztes Jahr ein Electro-Festival in der Schweiz mit ganz vielen alternativen DJs wie Luciano veranstaltet. Wenn Electro, dann so etwas. (überlegt) Ich war im Studio, vor zwei Wochen in Berlin, habe dort ein neues Lied aufgenommen, ein Demo, und wir haben uns gefragt: „Sollen wir oder sollen wir nicht?“ Mir ist es wichtig, mir selbst treu zu bleiben. Mein Song schafft es ins Radio, aber kommen dann auch mehr Leute zu meinen Konzerten? Ich weiß es nicht. Ich will nicht auf der Bühne sein und etwas spielen, was ich eigentlich nicht mag. Ich möchte mich wohl fühlen. Das bleibt eine offene Frage für mich. Ich habe noch keine Antwort für mich gefunden.

subtext.at: Stimmt es, dass du ursprünglich Profi-Eishockeyspieler werden wolltest?
Bastian Baker: Ich war sogar Profi-Eishockeyspieler. 13 Jahre lang habe ich gespielt, ich hatte einen Vertrag und gleichzeitig einen Musikvertrag. Da war ich 18 und ich musste mich dann zwischen diesen beiden entscheiden. Ich habe mich für die Musik entschieden. Es war aber ein sanfter Übergang ohne große Probleme. Während des Sommers 2011 hat sich alles erledigt. Musik war immer meine größte Leidenschaft. Seit meiner Kindheit singe ich. Das größte Gefühl bekommst du nun mal auf einer Bühne. Es gibt nichts Vergleichbares.

subtext.at: Als Sportler bekommt man Feedback von seinem Trainer und beim Musikmachen von wem? Von den Fans, vom Manager?
Bastian Baker: Eine Mischung aus all dem. Als ich jünger war, ist meine Familie ein wichtiger Indikator für mich gewesen, ob ein Song gut ist und im Gedächtnis bleibt oder nicht. Meine Band ist natürlich auch wichtig. Da bekomme ich auch Feedback, ob das jetzt gut ist oder weniger gut. Ich weiß zum Beispiel, dass mein Gitarrist Geigen nicht mag und wenn in dem Lied, was ich ihm vorspiele, eine Geige zu hören ist, dann wird er es nicht mögen (lacht). Manager natürlich, meine Familie, Kollegen, Leute im Büro, Freundinnen, die ich habe. Ich mache immer zwischen den Aufnahmen Listening Sessions, um Feedback zu bekommen. Das zeigt dir sehr schnell, ob ein Lied gut ist oder nicht so spannend.

subtext.at: Wie sieht es mit den Texten aus? Was muss ein guter Songtext können?
Bastian Baker: Die Leute müssen sich in dem Text erkennen. (überlegt) Als ich mein erstes Album veröffentlicht habe, haben sich alle Teenager in der Schweiz darin wiedergefunden. Ich war damals der Meinung, dass nur ich allein dieses und jenes fühle und niemand sonst. Dann bekomme ich Briefe in denen steht, dass ich nicht alleine bin und jemand meine Erfahrungen teilt. Das hat meine Augen geöffnet und mein ganzes Leben verändert. (überlegt) Die Texte sind für mich sehr wichtig und wenn man ehrlich ist, vor allem bei dem, was im Radio ist, da ist es weit weniger wichtig. Pools, Girls und Parties, das ist nicht meine Welt. Ich habe immer probiert, ehrlich zu sein und transparent zu sein, was meine Gefühle und Gedanken anbelangt. Ich schreibe alle meine Texte selber und dann arbeite ich mit einem amerikanischen Kollegen zusammen, um etwaige Fehler auf Englisch zu vermeiden. Ich rede über ganz verschiedene Sachen auf dem Album. Über Leute, die denken, sie wissen alles besser. Über die Welt am roten Teppich und all das. Es ist lustig, wenn du es machen kannst, aber das brauche ich nicht und das bin ich nicht. Über eine Sommerliebe wie bei Bonny und Clyde. Über spannende Dinge, die du zum ersten Mal machst und bei denen du viel Adrenalin bekommst. Und nachher gibt es diese Mittelphase, die alles beinhalten kann. Eine neue Beziehung, eine neue Sportart, ein neues Musikinstrument, aber am Schluss ist man meistens enttäuscht. Der Song „Ain’t No Love“ fasst meine Lebensphilosophie gut zusammen: „There ain’t no religion if you believe in people.“

subtext.at: Das scheint dir ja wirklich sehr wichtig zu sein.
Bastian Baker: Total. Für jeden Song habe ich eine Beschreibung angefertigt. Wo habe ich den jeweiligen Song geschrieben und warum? Was ist der Inhalt, wer war mit mir und was ist die eigentliche Message? Auf diese Fragen gehe ich ein, obwohl man natürlich jeden Song anders interpretieren kann. Der Song „Rainbow“ gefällt scheinbar nur Leuten, die über 40 sind (lacht). Meine Eltern denken auch, es ist das beste Lied, was ich je geschrieben habe.

subtext.at: Jeder Vierte hat den Winterblues, die Dunkelheit lässt die Leute in den Wintermonaten leiden und es wird über Antriebslosigkeit geklagt. Wie sieht es bei dir aus? Hast du Hilfsmittel dagegen?
Bastian Baker: Es ist eine komplizierte Zeit im Jahr. Zu dieser Zeit habe ich oft Migräne. Ich habe keinen Tipp außer sich Urlaub zu nehmen und in die Sonne gehen. Die Wintermonate sind für mich am produktivsten, da arbeite ich am meisten. Draußen gibt es nichts zu machen, da gehe ich ins Studio. Ich hasse es, im Studio zu sein, wenn draußen die Sonne scheint. Als ich in Belgien war, habe ich ständig Nachrichten bekommen wie „Hey, kommst du Wakebaorden?“ oder „Hey, kommst du zum Barbecue?“. Alles, was du vorher nicht machen wolltest, mach also jetzt! Gemütlich zu Hause bleiben, ein gutes Buch lesen, Musik hören – das mache ich gerne in dieser Zeit und das sind Kleinigkeiten, die einen in diesen Monaten glücklich machen.

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